R. N. COUDENHOVE-KALERGI
PRAKTISCHER
IDEALISMUS
ADEL - TECHNIK - PAZIFISMUS
19 2 5
PANEÜROPA-VERLAG
WIEN— LEIPZIG
K 6 6 / 3 2 4 4
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Druck der Elbemühl Papierfabriken und
Graphische Industrie .4. G., Wien VI.
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VORWORT
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kennt und anerkennt nur einen einzigen
nur ein einztges Ütak den cm zum Ideal
Heroismus setzt j e höhere Werte gibt als
voraus: die Überzeugung, daß es höhere Wer g
Lust und größere Übel als S ' :h " > |- , gan ze Mensch-
Die5er ,Sr:s^t Gegensatavon Epihurüern und
heitsgeschichte, es ist a » zwischen
Stoikern. Dieser Gegensatz -1 :v el t.eta ab ^ ^
“^rr^r^esgabtdea-
U T Z£“JsoZZicU um den Glauben an
Götter - sondern um den Glauben an Wert. __ ^
heit ihre größten Werke und Taten.
*
5 Heroismus ist Ar i s t o k r ^ J tlchen Ue “al
iro = ismus mit dem demokra-
! tischen. Auch Demokratie glaubt mehr an die Zahl als
I an den Wert, mehr an Glück als an Größe.
Darum kann politische Demokratie nur dann frucht-
bar und schöpferisch werden, wenn sie die Pseudo-
Aristokratie des Namens und des Goldes zertrümmert,
um an deren Stelle eine neue Aristokratie des Geistes
und der Gesinnung ewig neu zu gebären.
i Der letzte Sinn der politischen Demokra-
§
itiealso ist: geistigeAristokratie; sie will den
'Materialisten Genuß schaffen, den Idealisten Macht.
Der Führer soll an die Stelle des Herrschers treten —
der edle Sinn an die Stelle des edlen Namens — das
reiche Herz an die Stelle der reichen Tasche. Das ist
der Sinn der Entwicklung, die sich demokratisch nennt.
Jeder andere Sinn wäre Kultur-Selbstmord.
Darum ist es kein Zufall, daß Platon zugleich der
Prophet der geistigen Aristokratie und der sozialisti-
schen Wirtschaft war; und zugleich der Vater der idea-
listischen Weltanschauung.
Denn beide, Aristokratie und Sozialismus,
sind: praktischer Idealismus.
Der asketische Idealismus des Südens offenbarte sich
als Religion; der heroische Idealismus des Nordens
als Technik.
Denn die Natur des Nordens war eine Herausfor-
derung an den Menschen. Andere Völkerschaften unter-
warfen sich; der Europäer nahm die Herausforderung
an und kämpfte. Er kämpfte, bis er stark genug war,
die Erde zu unterwerfen: er kämpfte, bis er die Natur
selbst, die ihn herausgefordert hatte, in seine Dienste
zwang.
Dieser Kampf forderte Heroismus und zeugte Herois-
mus. So wurde für Europa der Held das, was der Hei-
IV
lige für Asien war; und die Heldenverehrung ergänzte
die Heiligenverehrung.
Das tätige Ideal trat an die Stelle des beschaulichen,
und es galt als größer, für ein Ideal zu kämpfen, als
zu leiden.
Der Sinn dieser heroischen Weltmission hat Europa
erst seit der Neuzeit ganz erfaßt; denn erst mit der Neu-
zeit beginnt sein technisches Zeitalter, sein Befreiungs-
krieg gegen den Winter. Dieses technische Zeitalter ist
zugleich das Zeitalter der Arbeit. Der Arbeiter ist der
Held unserer Zeit; sein Gegensatz ist nicht der Bürger
— sondern der Schmarotzer. Ziel des Arbeiters ist —
das Schaffen, des Schmarotzers — das Genießen.
Darum ist die Technik neuzeitliches Hel-
dentum und der Arbeiter praktischer Idea-
list.
*
Das politische und soziale Problem des
20. J ahrhunderts ist: den technischen Fort-
schritt des 19. einzuholen. Diese Forderung der
Zeit wird dadurch erschwert, daß die Entwicklung der
Technik ohne Pause sich im rascheren Tempo weiter
vollzieht als die Entwicklung des Menschen und der
Menschheit. Diese Gefahr kann entweder abgewendet
werden, indem die Menschheit den technischen Fort-
schritt verlangsamt, oder indem sie den sozialen Fort-
schritt beschleunigt. Sonst verliert sie ihr Gleichgewicht
und überschlägt sich. Der Weltkrieg war eine Warnung.
So stellt Technik den Menschen vor die Alternative:
Selbstmord oder Verständigung!
Darum wird die Entwicklung der Welt in
den kommenden Jahrzehnten ohne Bei-
spiel sein. Das heutige Mißverhältnis von technischer
1
V
und sozialer Organisation wird entweder zu vernichten-
den Katastrophen führen — oder zu einem politischen
Fortschritt, der an Raschheit und Gründlichkeit alle
historischen Vorbilder hinter sich läßt und ein neues
Blatt der Menschheitsgeschichte eröffnet.
Da die Technik der menschlichen Stoßkraft und dem
Heroismus neue Wege weist, beginnt der Krieg im Be-
wußtsein der Menschheit seine historische Rolle auszu-
spielen. Sein Erbe ist die Arbeit. Die Menschheit wird
sich eines Tages organisieren, um gemeinsam der Erde
alles abzuringen, was sie ihr heute noch vorenthält. So-
bald diese Auffassung sich durchringt, wird jeder Krieg
ein Bürgerkrieg sein und jeder Mord ein Mord. Das Zeit-
I alter des Krieges wird dann ebenso barbarisch scheinen,
| wie heute das Zeitalter der Menschenfresserei.
Diese Entwicklung wird kommen, wenn wir an sie
glauben und für sie kämpfen; wenn wir weder so kurz-
sichtig sind, die großen Linien der Entwicklung aus den
Augen zu verlieren — noch so weitsichtig, die prakti-
schen Wege und Hindernisse zu übersehen, die zwischen
uns und unseren Zielen liegen; wenn wir klarsichtig
sind, und das klare Wissen um die bevorstehenden
Kämpfe und Schwierigkeiten verbinden mit dem heroi-
schen Willen, sie zu überwinden.
Nur dieser Optimismus des Wollens wird den Pessi-
mismus der Erkenntnis ergänzen und besiegen.
Statt in den Fesseln der unzeitgemäßen Gegenwart
zu verharren und tatenlos von besseren Möglichkeiten
zu träumen, wollen wir also tätigen Anteil nehmen an
der Entwicklung der Welt durch praktischenldea-
lismus.
Wien, November 1925.
VI
ADEL
19 2 0
Dem Andenken meines Vaters
Dr. HEINRICH GRAF COU DEN HOV E-KALERGI
in Verehrung und Dankbarkeit
ERSTER TEIL:
VOM RUSTIKALEN UND URBANEN
MENSCHEN
1. LANDMENSCH — STADTMENSCH
Land und Stadt sind die beiden Pole menschlichen
Daseins. Land und Stadt zeugen ihre besonderen
Menschentypen: den rustikalen und urhanen
Menschen.
Rustikalmensch und Urbanmensch sind psychologisch
Antipoden. Bauern verschiedenster Gegenden gleichen
einander seelisch oft mehr als den Städtern der benach-
barten Großstadt. Zwischen Land und Land, zwischen
Stadt und Stadt liegt der Raum — zwischen Stadt und
Land die Zeit. Unter den europäischen Rustikalmenschen
leben Vertreter aller Zeitalter: von der Steinzeit bis zum
Mittelalter; während nur die Weltstädte des Abendlandes,
die den extremsten Urbantypus hervorgebracht haben,
Repräsentanten neuzeitlicher Zivilisation sind. So tren-
nen Jahrhunderte, oft Jahrtausende, eine Großstadt vom
flachen Lande, das sie umgibt.
Der Urbanmensch denkt anders, urteilt anders,
empfindet anders, handelt anders als der Rustikal-
mensch. Das Großstadtleben ist abstrakt, mechanisch,
rational — das Landleben konkret, organisch, irrational.
Der Städter ist rationalistisch, skeptisch, ungläubig — der
Landmann emotionalistisch, gläubig, abergläubisch.
9
Alles Denken und Fühlen des Landmannes kristalli-
siert sich um die Natur, er lebt in Symbiose mit dem
Tier, dem lebendigen Geschöpf Gottes, ist verwachsen
mit seiner Landschaft, abhängig von Wetter und Jahres-
zeit. Kristallisationspunkt der urbanen Seele hingegen
ist die Gesellschaft; sie lebt in Symbiose mit der
Maschine, dem toten Geschöpf des Menschen; durch sie
macht sich der Stadtmensch möglichst unabhängig von
Zeit und Raum, von Jahreszeit und Klima.
Der Landmensch glaubt an die Gewalt der Natur über
den Menschen — der Stadtmensch glaubt an die Gewalt
des Menschen über die Natur. Der Rustikalmensch ist
Naturprodukt, der Urbanmensch Sozialprodukt; der
eine sieht Zweck, Maß und Gipfel der Welt im Kosmos,
der andere in der Menschheit.
Der Rustikalmensch ist konservativ wie die
Natur — der Urbanmensch fortschrittlich wie die
Gesellschaft. Aller Fortschritt überhaupt geht von
Städten und Städtern aus. Der Stadtmensch selbst ist
meist das Produkt einer Revolution innerhalb eines
ländlichen Geschlechtes, das mit seiner rustikalen Tra-
dition brach, in die Großstadt zog und dort ein Leben
auf neuer Basis begann.
Die Großstadt raubt ihren Bewohnern den Genuß der
Naturschönheit; als Entschädigung bietet sie ihnen
Kunst. Theater, Konzerte, Galerien sind Surrogate für
die ewigen und wechselnden Schönheiten der Land-
schaft. Nach einem Tagwerk voll Häßlichkeit bieten jene
Kunstinstitute dem Städter Schönheit in konzentrierter
Form. Auf dem Lande sind sie leicht entbehrlich. —
Natur ist die extensive, Kunst die intensive
Erscheinungsform der Schönheit.
Das Verhältnis des Urbanmenschen zur Natur, die ihm
10
fehlt, wird von der Sehnsucht beherrscht; während die
Natur dem Rustikalmenschen stete Erfüllung ist. Daher
empfindet sie der Städter vorwiegend romantisch, der
Landmensch klassisch.
Die soziale (christliche) Moral ist ein urbanes Phäno-
men: denn sie ist eine Funktion des menschlichen
Zusammenlebens, der Gesellschaft. Der typische Städter
verbindet christliche Moral mit irreligiöser Skepsis,
rationalistischem Materialismus und mechanistischem
Atheismus. Die Weltanschauung, die daraus resultiert,
ist die des Sozialismus: die moderne Großstadt-
religion. ’ '
Für den rustikalen Barbaren Europas ist das Christen-
tum kaum mehr als eine Neuauflage des Heidentums
mit veränderter Mythologie und neuem Aberglauben;
seine wahre Religion ist Glaube an die Natur, an die
Kraft, an das Schicksal.
Stadt- und Landmensch kennen einander nicht; darum
mißtrauen und mißverstehen sie einander und leben in
verhüllter oder offener Feindschaft. Es gibt vielerlei
Schlagworte, unter denen sich diese elementare Gegner-
schaft verbirgt: Rote und Grüne Internationale; Indu-
strialismus und Agrariertum; Fortschritt und Reaktion;
Judentum und Antisemitismus.
Alle Städte schöpfen ihre Kräfte aus dem Lande; alles
Land schöpft seine Kultur aus der Stadt. Das Land ist
der Boden, aus dem die Städte sich erneuern; ist die
Quelle, die sie speist; die Wurzel, aus der sie blühen.
Städte wachsen und sterben: das Land ist ewig.
2. JUNKER
LITERAT
Blüte des Rustikalmenschen ist der Landadelige, der
Junker. Blüte des Urbanmenschen ist der Intellek-
tuelle, der Literat.
Land und Stadt haben beide ihren spezifischen Adels-
typus gezeugt: Willensadel steht gegen Geistesadel, Blut-
adel gegen Hirnadel. Der typische Junker ver-
bindeteinMaximumanCharaktermiteinem
Minimum an Intellekt — der typische Li-
terat ein Maximum an Intellekt mit einem
Minimum an Charakter.
Nicht immer und überall mangelte es dem Landadel
an Geist, dem Stadtadel an Charakter; wie im England
der Neuzeit war im Deutschland der Minnesängerzeit
der Blutadel ein hervorragendes Kulturelement; während
anderseits der katholische Geistesadel der Jesuiten und
der chinesische Geistesadel der Mandarinen in ihrer
Blütezeit ebensoviel Charakter wie Geist bewiesen.
Im Junker und Literaten gipfeln die Gegensätze des
rustikalen und urbanen Menschen. Typischer Beruf der
Junkerkaste ist der Offiziersberuf; typischer Beruf der
Literatenkaste der Journalistenberuf.
12
Der Junker-Offizier blieb, psychisch wie geistig, auf
der Stufe des Ritters stehen. Hart gegen sich und andere,
pflichttreu, energisch, standhaft, konservativ und be-
schränkt, lebt er in einer Welt dynastischer, militaristi-
scher, nationaler und sozialer Vorurteile. Mit einem
tiefen Mißtrauen gegen alles Moderne, gegen Großstadt,
Demokratie, Sozialismus, Internationalismus verbindet
er einen ebenso tiefen Glauben an sein Blut, seine Ehre
und die Weltanschauung seiner Väter. Er verachtet den
Städter, vor allem den jüdischen Literaten und Jour-
nalisten.
Der Literat eilt seiner Zeit voran; vorurteilsfrei vertritt
er moderne Ideen in Politik, Kunst, Wirtschaft. Er ist
fortschrittlich, skeptisch, geistreich, vielseitig, wandel-
bar; ist Eudämonist, Rationalist, Sozialist, Materialist.
Er überschätzt den Geist, unterschätzt Körper und
Charakter: und verachtet daher den Junker als rück-
ständigen Barbaren.
Wesen des Junkers ist Starrheit des Willens —
Wesen des Literaten ist Beweglichkeit des Geistes.
Junker und Literat sind geborene Rivalen und Gegner:
wo die Junkerkaste herrscht, muß Geist der Gewalt
weichen; in solchen reaktionären Zeiten ist der politische
Einfluß der Intellektuellen ausgeschaltet oder mindestens
eigeschränkt. Herrscht die Literatenkaste, muß die
Gewalt dem Geiste weichen: Demokratie siegt über
Feudalismus, Sozialismus über Militarismus.
Der Haß der Willensaristokratie und der Geistes-
aristokratie Deutschlands gegeneinander wurzelt im
Mißverstehen. Jede sieht nur die Schattenseiten der
anderen und ist blind gegen deren Vorzüge. Die Psyche
des Junkers, des Rustikalmenschen, bleibt selbst hoch-
stehenden Literaten ewig verschlossen; während fast allen
13
Junkern die Seele des Intellektuellen, des Urban-
menschen, fremd bleibt. Statt von dem anderen zu
lernen, blickt der jüngste Leutnant mit Geringschätzung
auf die führenden Geister moderner Literatur herab,
während der letzte Winkeljournalist für hervorragende
Offiziere nur überlegene Verachtung empfindet. Durch
dieses doppelte Mißverstehen fremder Mentalität hat
erst das militaristische Deutschland die Widerstands-
kraft der urbanen Massen gegen den Krieg unterschätzt,
dann das revolutionäre Deutschland die Widerstands-
kraft der rustikalen Massen gegen die Revolution. Die
Führer des Landes verkannten die Psyche der Stadt und
ihre Neigung zum Pazifismus - — die Führer der Städte
verkannten die Psyche des Landvolkes und ihre Neigung
zur Reaktion: so hat Deutschland erst den Krieg ver-
loren, dann die Revolution.
Die Gegensätzlichkeit des Junkers und des Literaten
ist darin begründet, daß diese beiden 1 ypen Extreme,
nicht Gipfelpunkte von Blut- und Geistesadel sind. Denn
die höchste Erscheinungsform des Blutadels ist der
Grand-seigneur, des Geistesadels das Genie. Diese
beiden Aristokraten sind nicht nur vereinbar: sie sind
verwandt. Cäsar, die Vollendung des Grand-seigneur,
war der genialste Römer; Goethe, der Giplel an
Genialität, war von allen deutschen Dichtern am meisten
Grand-seigneur. Hier wie überall entfernen sich die
Mittelstufen am stärksten, während die Gipfel sich
berühren.
Der vollendete Aristokrat ist zugleich Aristokrat des
Willens und des Geistes, aber weder Junker noch Literat.
Er verbindet Weitblick mit Willensstärke, Lrteilskratt
mit Tatkraft, Geist mit Charakter. Fehlen solche synthe-
tische Persönlichkeiten, so sollten die divergierenden
14
Aristokraten des Willens und des Geistes einander
ergänzen, statt bekämpfen. In Ägypten, Indien, Chaldäa
herrschten einst Priester und Könige (Intellektuelle und
Krieger) gemeinsam. Die Priester beugten sich vor der
Kraft des Willens, die Könige vor der Kraft des Geistes:
Hirne wiesen die Ziele, Arme bahnten die Wege.
15
3. GENTLEMAN —BOHEMIEN
Blut- und Geistesadel Europas schufen sich ihre
spezifischen Typen: Englands Blutadel den Gentle-
man; Frankreichs Geistesadel den Bohemien.
Gentleman und Bohemien begegnen sich im Bestreben,
der öden Häßlichkeit spießbürgerlichen Daseins zu ent-
fliehen: der Gentleman überwindet sie durch Stil, der
Bohemien durch Temperamen t. Der Gentleman setzt
der Formlosigkeit des Lebens Form — der Bohemien
der Farblosigkeit des Lebens F arbe entgegen.
Der Gentleman bringt in die Unordnung menschlicher
Beziehungen Ordnung — der Bohemien in deren Un-
freiheit Freiheit.
Die Schönheit des Gentleman-Ideals beruht auf Form,
Stil, Harmonie: sie ist statisch, klassisch, apol-
linisch. Die Schönheit des Bohemien-Ideals beruht
auf Temperament, Freiheit, Vitalität: sie ist dyna-
misch, romantisch, dionysisch.
Der Gentleman idealisiert und stilisiert seinen Beich-
tum der Bohemien idealisiert und stilisiert seine
Armut.
Der Gentleman ist auf Tradition gestellt, der Bohemien
auf Protest: das Wesen des Gentleman ist konservativ —
16
das Wesen des Bohemien revolutionär. Mutter des
Gentleman-Ideales ist England, das konservativste Land
Europas — Wiege der Boheme ist Frankreich, das
revolutionärste Land Europas.
Das Gentleman-Ideal ist die Lebensform einer Kaste —
das Boheme-Ideal Lebensform von Persönlichkeiten.
Das Gentleman-Ideal weist jenseits von England
zurück zur römischen Stoa — das Boheme-Ideal weist
jenseits von Frankreich zurück auf die griechische Agora.
Die römischen Staatsmänner näherten sich dem Gentle-
mantypus, die griechischen Philosophen dem Bohe-
mientypus: Cäsar und Seneca waren Gentlemen,
Sokrates und Diogenes Bohemiens.
Der Schwerpunkt des Gentleman liegt im Physisch-
Psychischen — des Bohemien im Geistigen: der Gentle-
man darf Dummkopf, der Bohemien darf Verbrecher
sein.
Beide Ideale sind menschliche Kristallisationsphäno-
mene: wie der Kristall nur in unstarrer Umgebung sich
bilden kann, so verdanken jene beiden Ideale ihr Dasein
der englischen und französischen Freiheit.
Im kaiserlichen Deutschland fehlte diese Atmo-
sphäre zur Persönlichkeitskristallisation: daher konnte
es kein ebenbürtiges Ideal entwickeln. Zum Gentleman
fehlte dem Deutschen der Stil, zum Bohemien das
Temperament, zu beiden Grazie und Geschmeidigkeit.
Da er in seiner Wirklichkeit keine ihm angemessene
Lebensform fand, suchte der Deutsche in seiner Dichtung
nach idealen Verkörperungen deutschen Wesens: und
fand als physisch-psychisches Ideal den jungen Sieg-
fried, als geistiges Ideal den alten Faust.
Beide Ideale waren romantisch-unzeitgemäß: in der
Verzerrung der Wirklichkeit erstarrte das romantische
2 Coudenhove-Kalergi, Adel.
17
Siegfried-Ideal zum preußischen Offizier, zum Leut-
nant — das romantische Faust-Ideal zum deutschen
Gelehrten, zum Professor.
An die Stelle organischer Ideale traten mechanische:
der Offizier repräsentiert die Mechanisierung des Psy-
chischen: den erstarrten Siegfried; der Professor die
Mechanisierung des Geistigen: den erstarrten Faust.
Auf keine seiner Klassen war das Wilhelminische
Deutschland stolzer als auf seine Offiziere und Profes-
soren. In ihnen sah es die Blüte der Nation, wie England
in seinen politischen Führern, die romanischen Völker
in ihren Künstlern.
Will das deutsche Volk Höherentwicklung, so muß es
seine Ideale revidieren: seine Tatkraft muß die militäri-
sche Einseitigkeit sprengen und sich weiten zu politisch-
menschlicher Vielseitigkeit; sein Geist muß die rein-
wissenschaftliche Enge sprengen und sich weiten zur
Synthese des Dichter-Denkers.
Das neunzehnte Jahrhundert hat dem deutschen Volke
zwei Männer größten Stiles geschenkt, die diese
Forderungen höheren Deutschtums verkörperten: Bis-
marck, den Heros der Tat; Goeth e, den Heros des
Geistes.
Bismarck erneuert, vertieft und belebt das kitschig
gewordene Siegfried-Ideal — Goethe erneuert, vertieft
und belebt das verstaubte Faust-Ideal.
Bismarck hatte die guten Eigenschaften des deutschen
Offiziers — ohne dessen Fehler; Goethe hatte die guten
Eigenschaften des deutschen Gelehrten — ohne dessen
Fehler. In Bismarck überwindet die Überlegenheit des
Staatsmannes die Beschränktheit des Offiziers — in
Goethe überwindet die Überlegenheit des Dichter-
Denkers die Beschränktheit des Gelehrten: in beiden das
18
organische Persönlichkeitsideal das Mechanische, der
Mensch die Marionette.
Durch seine vorbildliche Persönlichkeit hat Bismarck
mehr für die Entwicklung des Deutschtums getan als
durch seine Reichsgründung; durch sein olympisches
Dasein hat Goethe das deutsche Volk reicher beschenkt
als durch seinen Faust: denn Faust ist, wie Goetz, Wer-
ther, Meister und Tasso, nur ein Fragment von Goethes
Menschentum.
Deutschland sollte sich aber hüten, seine beiden
lebendigen Vorbilder zu verkitschen und herabzuziehen:
aus Bismarck einen Feldwebel, aus Goethe einen Schul-
meister zu machen.
An der Nachfolge dieser beiden Gipfel deutschen
Menschentums könnte Deutschland wachsen und ge-
sunden; von ihnen kann es tätige und beschauliche
Größe lernen, Tatkraft und Weisheit. Denn Bismarck
und Goethe sind die beiden Brennpunkte, um die sich
ein neuer deutscher Lebensstil bilden könnte, der den
westlichen Idealen ebenbürtig wäre.
2 *
19
4. INZUCHT
KREUZUNG
Meist ist der Rustikalmenseh Inzuchtprodukt,
der Urbanmensch Mischling.
Eltern und Voreltern des Bauern stammen gewöhnlich
aus der gleichen, dünnbevölkerten Gegend; des Adeligen
aus derselben dünnen Oberschicht, in beiden Fällen sind
die Vorfahren untereinander blutsverwandt und daher
meist physisch, psychisch, geistig einander ähnlich.
Infolgedessen vererben sie ihre gemeinsamen Züge,
Willenstendenzen, Leidenschaften. Vorurteile. Hem-
mungen in gesteigertem Grade auf ihre Kinder und
Nachkommen. Die Wesenszüge, die sich aus dieser
Inzucht ergeben, sind: Treue, Pietät, Familiensinn,
Kastengeist, Beständigkeit, Starrsinn, Energie, Be-
schränktheit; Macht der Vorurteile, Mangel an Objek-
tivität, Enge des Horizontes. Hier ist eine Generation
nicht Variation der vorhergehenden, sondern einfach
deren Wiederholung: an die Stelle von Entwicklung tritt
Erhaltung.
In der Großstadt begegnen sich Völker. Rassen,
Stände. In der Regel ist der Urbanmensch Mischling aus
verschiedensten sozialen und nationalen Elementen. In
ihm heben sich die entgegengesetzten Charaktereigen-
20
schäften, Vorurteile, Hemmungen, Willenstendenzen
und Weltanschauungen seiner Eltern und Voreltern auf
oder schwächen einander wenigstens ab. Die Folge ist,
daß Mischlinge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungs-
losigkeit, Willensschwäche, Unbeständigkeit, Pietätlosig-
keit und Treulosigkeit mit Objektivität, Vielseitigkeit,
geistiger Regsamkeit, Freiheit von Vorurteilen und Weite
des Horizontes verbinden. Mischlinge unterscheiden sich
stets von ihren Eltern und Voreltern; jede Generation
ist eine Variation der vorhergehenden, entweder im
Sinne der Evolution oder der Degeneration.
Der Inzuchtmensch ist Einseelenmensch — der
Mischling Mehrseelenmensc h. In jedem Individuum
leben seine Ahnen fort als Elemente seiner Seele: gleichen
sie einander, so ist sie einheitlich, einförmig; streben sie
auseinander, so ist der Mensch vielfältig, kompliziert,
differenziert.
Die Größe eines Geistes liegt in seiner Extensität, das
ist in seiner Fähigkeit, alles zu erfassen und zu umfassen;
die Größe eines Charakters liegt in seiner Intensität, das
ist in seiner Fähigkeit, stark, konzentriert und beständig
zu wollen. So sind, in gewissem Sinne, Weisheit und
Tatkraft Widersprüche.
Je ausgesprochener die Fähigkeit und Neigung eines
Menschen, die Dinge als Weiser von allen Seiten zu sehen
und sich vorurteilsfrei auf jeden Standpunkt zu stellen
— - desto schwächer ist meist sein Willensimpuls, nach
einer bestimmten Richtung hin unbedenklich zu handeln:
denn jedem Motiv stellen sich Gegenmotive entgegen,
jedem Glauben Skepsis, jeder Tat die Einsicht in ihre
kosmische Redeutungslosigkeit.
Tatkräftig kann nur der beschränkte, der einseitige
Mensch sein. Es gibt aber nicht bloß eine unbewußte,
21
naive: es gibt auch eine bewußte, heroische Be-
schränktheit. Der heroisch Beschränkte — und zu
diesem Typus zählen alle wahrhaft großen Tatmenschen
— schaltet zeitweise freiwillig alle Seiten seines Wesens
aus, bis auf die eine, die seine Tat bestimmt. Objektiv,
kritisch, skeptisch, überlegen kann er vor oder nach
seiner Tat sein: während der Tat ist er subjektiv, gläubig,
einseitig, ungerecht.
Weisheit hemmt Tatkraft — Tatkraft ver-
leugnet Weisheit. Der stärkste Wille ist
wirkungslos, wenn er richtungslos ist; auch
ein schwacher Wille löst stärkste Wirkung
aus, wenn er einseitig ist.
Es gibt kein Leben der Tat ohne Unrecht, Irrtum,
Schuld: wer sich scheut, dieses Odium zu tragen, der
hleihe im Reiche des Gedankens, der Beschaulichkeit,
der Passivität. — Wahrhafte Menschen sind immer
schweigsam: denn jede Behauptung ist, in gewissem
Sinne, Lüge; herzensreine Menschen sind immer inaktiv:
denn jede Tat ist, in gewissem Sinne, Unrecht. Tapferer
aber ist es, zu reden, auf die Gefahr hin, zu lügen; zu
handeln, auf die Gefahr hin, Unrecht zu tun.
Inzucht stärkt den Charakter, schwächt
den Geist — Kreuzung schwächt den Cha-
rakter, stärkt den Geist. Wo Inzucht und Kreu-
zung unter glücklichen Auspizien Zusammentreffen,
zeugen sie den höchsten Menschentypus, der stärksten
Charakter mit schärfstem Geist verbindet. Wo unter
unglücklichen Auspizien Inzucht und Mischung sich
begegnen, schaffen sie Degenerationstypen mit schwa-
chem Charakter, stumpfem Geist.
Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein.
Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmen-
22
den Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum
Opfer fallen. Die eurasisch-negroide Zukunfts-
rasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die
Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlich-
keiten ersetzen. Denn nach den Vererbungsgesetzen
wächst mit der Verschiedenheit der Vorfahren die Ver-
schiedenheit, mit der Einförmigkeit der Vorfahren die
Einförmigkeit der Nachkommen. In Inzuchtfamilien
gleicht ein Kind dem anderen: denn alle repräsentieren
den einen gemeinsamen Familientypus. In Mischlings-
familien unterscheiden sich die Kinder stärker vonein-
ander: jedes bildet eine neuartige Variation der diver-
gierenden elterlichen und vorelterlichen Elemente.
Inzucht schafft charakteristische Typen
— Kreuzung schafft originelle Persönlich-
keiten.
Vorläufer des planetaren Menschen der Zukunft ist
im modernen Europa der Russe als slawisch-tatarisch-
finnischer Mischling; weil er, unter allen europäischen
Völkern, am wenigsten Rasse hat, ist er der typische
Mehrseelenmensch mit der weiten, reichen, allumfassen-
den Seele. Sein stärkster Antipode ist der insulare
Brite, der hochgezüchtete Einseelenmensch, dessen
Kraft im Charakter, im Willen, im Einseitigen, Typischen
liegt. Ihm verdankt das moderne Europa den geschlos-
sensten, vollendetsten Typus: den Gentleman.
5. HEIDNISCHE UND CHRISTLICHE
MENTALITÄT
Zwei Seelenformen ringen um Weltherrschaft: Hei-
dentum und Christentum. Mit den Konfessionen,
die diese Namen tragen, haben jene Seelenformen nur
sehr äußerliche Beziehungen. Wird der Schwerpunkt
vom Dogmatischen ins Ethische, vom Mythologischen
ins Psychologische verlegt, so wandelt sich Buddhismus
in Ultra-Christentum, während Amerikanismus als
modernisiertes Heidentum erscheint. Der Orient ist
Hauptträger christlicher, der Okzident Hauptträger
heidnischer Mentalität: die „heidnischen“ Chinesen sind
bessere Christen als die „christlichen“ Germanen.
Heidentum stellt Tatkraft, Christentum Liebe an
die Spitze der ethischen Wertskala. Christliches Ideal ist
der liebende Heilige, heidnisches Ideal der siegende Held.
Christentum will den homo ferus in einen homo dome-
sticus wandeln, das Raubtier Mensch in das Haustier
Mensch — während Heidentum den Menschen zum
Übermenschen umschaffen will. Christentum will
Tiger zu Katzen zähmen — Heidentum
Katzen zu Tigern steigern.
Hauptverkünder modernen Christentums war T o 1-
24
stoi; Hauptverkünder modernen Heidentums Nietz-
sche.
Die germanische Edda-Religion war reinstes Heiden-
tum. Unter christlicher Maske lebte sie fort: im Mittelalter
als ritterliche, in der Neuzeit als imperialistische und
militaristische Weltanschauung. Offiziere, Junker, Kolo-
nisatoren. Industriekapitäne sind die führenden Reprä-
sentanten modernen Heidentums. Tatkraft, Tapferkeit,
Größe, Freiheit, Macht, Ruhm und Ehre: das sind die
Ideale des Heidentums; während Liebe. Milde, Demut,
Mitleid und Selbstverleugnung christliche Ideale sind.
Die Antithese: Heidentum-Christentum deckt sich
weder mit der Antithese: Rustikalmensch-Urbanmensch,
noch mit: Inzucht-Kreuzung. Zweifellos aber begünstigen
Rustikalbarbarei und Inzucht die Entwicklung heid-
nischer. Urbanzivilisation und Mischung die Entwicklung
christlicher Mentalität.
Allgemeingültiger heidnischer Individualismus ist nur
in dünnbevölkerten Erdstrichen möglich, wo der Einzelne
sich behaupten und rücksichtslos entfalten kann, ohne
gleich in Gegensatz zu seinen Mitmenschen zu geraten.
In übervölkerten Gegenden, wo Mensch an Mensch stößt,
muß das sozialistische Prinzip gegenseitiger Unter-
stützung das individualistische Prinzip des Daseins-
kampfes ergänzen und, zum Teil, verdrängen.
Christentum und Sozialismus sind inter-
nationale Großstadtprodukte. Das Christentum nahm
als Weltreligion seinen Ausgang von der rasselosen
Weltstadt Rom; der Sozialismus von den national
gemischten Industriestädten des Abendlandes. Reide
Äußerungen christlicher Mentalität sind auf Inter-
nationalismus aufgebaut. Der Widerstand gegen das
Christentum ging von der Landbevölkerung aus
25
(pagani); so wie es auch heute das Landvolk ist, das
der Verwirklichung sozialistischer Lebensform den
stärksten Widerstand entgegenstellt.
Immer waren dünnbevölkerte, nördliche Gegenden
Zentren heidnischen Wollens, dichtbevölkerte südliche
Gegenden Brutstätten christlichen Fühlens. Wo heute
vom Gegensatz östlichen und westlichen Seelenlebens
die Rede ist, wird meistens darunter nichts verstanden
als jener Gegensatz zwischen Menschen des Südens und
des Nordens. Der Japaner, als nördlichster Kultur-
orientale, nähert sich vielfach dem Okzidentalen; wah-
rend die Mentalität des Süditalieners und Südamerikaners
orientalisch ist. Für die Zustände der Seele scheint der
Breitegrad entscheidender zu sein als der Längen-
grad. . .
Nicht nur die geographische Lage: auch die historische
Entwicklung wirkt bestimmend auf die Seelenform eines
Volkes. Das chinesische wie das jüdische Volk empfinden
deshalb christlicher als das germanische, weil ihre
Kulturvergangenheit älter ist. Der Germane steht zeitlich
dem Wilden näher als der Chinese oder Jude; diese
beiden alten Kulturvölker konnten sich gründlicher von
der heidnisch-natürlichen Lebensauffassung eman-
zipieren, weil sie mindestens drei Jahrtausende länger
dazu Zeit hatten. — Heidentum ist ein Symptom
kultureller Jugend — Christentum ein
Symptom kulturellen Alters.
Drei Völker: Griechen, Römer, Juden haben,
jedes auf seine Weise, die antike Kulturwelt erobert. Erst
das ästhetisch-philosophische Volk der Griechen: im
Hellenismus; dann das praktisch-politische Volk der
Römer: im Imperium Romanum, schließlich das
ethisch-religiöse Volk der Juden: im Christentum.
26
Das Christentum, ethisch von jüdischen Essenern
(Johannes), geistig von jüdischen Alexandrinern (Philo)
vorbereitet, war regeneriertes Judentum. Soweit Europa
christlich ist, ist es (im ethisch-geistigen Sinne) jüdisch;
soweit Europa moralisch ist, ist es jüdisch. Fast die
ganze europäische Ethik wurzelt im Juden-
tum. Alle Vorkämpfer einer religiösen oder irreligiösen
christlichen Moral, von Augustinus bis Rousseau, Kant
und Tolstoi, waren Wahljuden im geistigen Sinne;
Nietzsche ist der einzige nicht-jüdische, der einzige
heidnische Ethiker Europas.
Die prominentesten und überzeugtesten Vertreter
christlicher Ideen, die in ihrer modernen Wiedergeburt
Pazifismus und Sozialismus heißen, sind Juden.
Im Osten ist das chinesische Volk das ethische par
excellence (im Gegensatz zu den ästhetisch-heroischen
Japanern und den religiös-spekulativen Indern) — im
Westen das jüdische. Gott war Staatsoberhaupt der alten
Juden, ihr Sittengesetz bürgerliches Gesetzbuch, Sünde
war Verbrechen.
Der theokratischen Idee der Identifikation von
Politik und Ethik ist das Judentum im Wandel der
J ahrtausende treu geblieben : Christentum und
Sozialismus sind beides Versuche, ein Gottesreich
zu errichten. Vor zwei Jahrtausenden waren die Ur-
christen, nicht die Pharisäer und Sadduzäer, Erben und
Erneuerer mosaischer Tradition; heute sind es weder die
Zionisten noch die Christen, sondern die jüdischen
Führer des Sozialismus: denn auch sie wollen, mit
höchster Selbstverleugnung, die Erbsünde des Kapitalis-
mus tilgen, die Menschen aus Unrecht, Gewalt und
Knechtschaft erlösen und die entsühnte Welt in ein
irdisches Paradies wandeln.
27
Diesen jüdischen Propheten der Gegenwart, die eine
neue Weltepoche vorbereiten, ist in allem das Ethische
primär: in Politik, Religion, Philosophie und Kunst. Von
Moses bis Weininger war Ethik Hauptproblem jüdi-
scher Philosophie. In dieser ethischen Grundeinstellung
zur Welt liegt eine Wurzel der einzigartigen Größe des
jüdischen Volkes — zugleich aber die Gefahr, daß Juden,
die ihren Glauben an die Ethik verlieren, zu zynischen
Egoisten herabsinken: während Menschen anderer
Mentalität auch nach Verlust ihrer ethischen Einstellung
noch eine Fülle ritterlicher Werte und Vorurteile
(Ehrenmann, Gentleman, Kavalier usw.) übrigbehalten,
die sie vor dem Sturz in das Werte-Chaos schützen.
Was die Juden von den Durchschnitts- Städtern haupt-
sächlich scheidet, ist, daß sie Inzuchtmenschen sind.
Charakterstärke verbunden mit Geistesschärfe präde-
stiniert den Juden in seinen hervorragendsten Exem-
plaren zum Führer urbaner Menschheit, zum falschen
wie zum echten Geistesaristokraten, zum Protagonisten
des Kapitalismus wie der Revolution.
28
I
ZWEITER TEIL:
KLUSE DES ADELS
6. GEISTESHERRSCHAFT STATT
SCHWERTHERRSCHAFT
Unser demokratisches Zeitalter ist ein klägliches
Zwischenspiel zwischen zwei großen aristokratischen
Epochen: der feudalen Aristokratie des
Schwertes und der sozialen Aristokratie des
Geistes. Die Feudalaristokratie ist im Verfall, die
Geistesaristokratie im Werden. Die Zwischenzeit nennt
sich demokratisch, wird aber in Wahrheit beherrscht
von der Pseudo-Aristokratie des Geldes.
Im Mittelalter herrschte in Europa der rustikale Ritter
über den urbanen Bürger, heidnische Mentalität über
christliche, Blutadel über Hirnadel. Die Überlegenheit
des Ritters über den Bürger beruhte auf Körper- und
Charakterstärke, auf Kraft und Mut.
Zwei Erfindungen haben das Mittelalter bezwungen,
die Neuzeit eröffnet: die Erfindung des Pulvers
bedeutete das Ende der Ritterherrschaft, die Erfindung
des Buchdrucks den Anbruch der Geistesherrschaft.
Körperkraft und Mut verloren durch die Einführung der
Feuerwaffe ihre ausschlaggebende Bedeutung im Daseins-
kampf: Geist wurde, im Ringen um Macht und Freiheit,
zur entscheidenden Waffe.
31
Der Buchdruck gab dem Geist ein Machtmittel von
unbegrenzter Tragweite; rückte die schreibende Mensch-
heit in den Mittelpunkt der lesenden und erhob so den
Schriftsteller zum geistigen Führer der Massen. Guten-
berg hat den Federn die Macht gegeben, die
Schwarz den Schwertern genommen hatte.
Mit Hilfe der Druckerschwärze hat Luther ein größeres
Reich erobert als alle deutschen Kaiser.
In der Epoche des aufgeklärten Despotismus
gehorchten Herrscher und Staatsmänner den Ideen, die
von Denkern stammten. Die Schriftsteller jener Zeit
bildeten eine geistige Aristokratie Europas. Der Sieg des
Absolutismus über den Feudalismus bedeutete den ersten
Sieg der Stadt über das Land und zugleich die erste
Etappe im Siegeslauf des Geistesadels, im Sturz des
Schwertadels. An die Stelle der mittelalterlichen Diktatur
des Landes über die Stadt trat die neuzeitliche
Diktatur der -Stadt über das Land.
Mit der französischen Revolution, die mit den
Privilegien des Blutadels brach, begann die zweite
Epoche der Emanzipation des Geistes. Demokratie
beruht auf der optimistischen Voraussetzung, ein geisti-
ger Adel könne durch die Volksmehrheit erkannt und
gewählt werden.
Nun stehen wir an der Schwelle der dritten Epoche
der Neuzeit: des Sozialismus. Auch er stützt sich auf
die urbane Klasse der Industriearbeiter, geführt von der
geistigen Urban-Aristokratie revolutionärer Schrift-
steller.
Der Einfluß des Blutadels sinkt, der Ein-
fluß des Geistesadels wächst.
Diese Entwicklung, und damit das Chaos moderner
Politik, wird erst dann ein Ende finden, bis eine geistige
32
Aristokratie die Machtmittel der Gesellschaft: Pulver,
Gold, Druckerschwärze an sich reißt und zum Segen der
Allgemeinheit verwendet.
Eine entscheidende Etappe zu diesem Ziel bildet der
russische Bolschewismus, wo eine kleine Schar
kommunistischer Geistesaristokraten das Land regiert
und bewußt mit dem plutokratischen Demokratismus
bricht, der heute die übrige Welt beherrscht.
Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus
um das Erbe des besiegten Blutadels ist ein Bruderkrieg
des siegreichen Hirnadels, ein Kampf zwischen indivi-
dualistischem und sozialistischem, egoistischem und
altruistischem, heidnischem und christlichem Geist. Der
Generalstab beider Parteien rekrutiert sich aus der
geistigen Führerrasse Europas: dem Judentum.
Kapitalismus und Kommunismus sind beide rationa-
listisch, beide mechanistisch, beide abstrakt, beide urban.
Der Schwertadel hat endgültig ausgespielt. Die Wir-
kung des Geistes, die Macht des Geistes, der Glaube an
den Geist, die Hoffnung auf den Geist wächst: und mit
ihnen ein neuer Adel.
ü Coudenhove-KalergijAdel.
33
7. ADELSDÄMMERUNG
Im Verlaufe der Neuzeit wurde der Blut-
adel durch die Hof -Atmosphäre, der Geistes-
adel durch den Kapitalismus vergiftet.
Seit dem Ende der Ritterzeit befindet sich der Hoch-
adel des kontinentalen Europa, mit spärlichen Aus-
nahmen, im Zustande progressiver Dekadenz. Durch
seine Urbanisierung hat er seine körperlichen und
seelischen Vorzüge verloren.
Zur Zeit des Feudalismus war der Blutadel dazu
berufen, sein Land gegen Angriffe des Feindes und
Übergriffe des Herrschers zu schützen. Der Edelmann
war frei und selbstbewußt gegen Untergebene, Gleich-
gestellte, Höhergestellte; König auf seinem Landbesitz,
konnte er nach ritterlichen Grundsätzen seine Persön-
lichkeit frei entfalten.
Der Absolutismus änderte diese Situation: der oppo-
sitionelle Adel, der, frei, stolz und tapfer, auf seine
historischen Rechte bestand, wurde, soweit es ging, aus-
gerottet; der Rest wurde an den Hof gezogen und dort
in eine glänzende Knechtschaft gedrängt. Dieser Hofadel
war unfrei, abhängig von den Launen des Herrschers
und seiner Kamarilla; so mußte er seine besten Eigen-
34
schäften verlieren: Charakter, Freiheitsdrang, Stolz:,
Führerschaft. Um den Charakter und damit die Wider-
standskraft des französischen Adels zu brechen, lockte
ihn Ludwig XIV. nach Versailles; der großen Revolution
blieb die Vollendung seines Werkes Vorbehalten: sie hat
dem Adel, der seine Vorzüge preisgegeben und verloren
hatte, seine überlebten Vorrechte genommen.
Nur in jenen Ländern Europas, wo der Adel, seiner
ritterlichen Mission treu, Führer und Vorkämpfer der
nationalen Opposition gegen monarchischen Despotis-
mus und Fremdherrschaft blieb, erhielt sich ein adeliger
Führertypus: in England, Ungarn, Polen, Italien.
Seit der Wandlung der europäischen Kultur aus einer
ritterlich-rustikalen in eine bürgerlich-urbane blieb der
Blutadel in geistig-kultureller Hinsicht hinter dem
Bürgertum zurück. Krieg, Politik und die Verwaltung
seiner Güter nahmen ihn so sehr in Anspruch, daß seine
geistigen Fähigkeiten und Interessen vielfach verküm-
merten.
Diese historischen Ursachen neuzeitlicher Adels-
dämmerung wurden noch durch physiologische ver-
stärkt. An Stelle des harten, mittelalterlichen Kriegs-
dienstes brachte die Neuzeit dem Adel meist arbeitsloses
Wohlleben; aus dem bedrohtesten Stand wurde der Adel
durch seinen Erbreichtum allmählich zum gesichertsten;
dazu kamen noch die degenerativen Einflüsse über-
triebener Inzucht, denen der englische Adel durch
häufige Mischung mit bürgerlichem Blute entging. Durch
das Zusammenwirken dieser Umstände verfiel der
physische, psychische und geistige Typus
einstigen Adels.
Der Hirnadel konnte den Blutadel nicht ablösen, weil
auch er sich in einer Krise, in einem Verfallzustand
35
befindet. Demokratie entstand aus Verlegenheit: nicht
deshalb, weil die Menschen keinen Adel wollten, sondern
deshalb, weil sie keinen Adel fanden. Sobald sich ein
neuer, echter Adel konstituiert, wird Demokratie von
selbst verschwinden. Weil England echten Adel besitzt,
blieb es, trotz seiner demokratischen Verfassung, aristo-
kratisch.
Der akademische Hirnadel Deutschlands, vor
einem Jahrhundert Führer der Opposition gegen Abso-
lutismus und Feudalismus, Vorkämpfer moderner und
freiheitlicher Ideen, ist heute zur Hauptstütze der
Reaktion, zum Hauptgegner geistiger und politischer
Erneuerung herabgesunken. Dieser Pseudo-Geistesadel
Deutschlands war im Kriege Anwalt des Militarismus, in
der Revolution Verteidiger des Kapitalismus. Seine Leit-
worte: Nationalismus, Militarismus, Antisemitismus,
Alkoholismus, sind zugleich die ' Losungsworte im
Kampfe wider den Geist. Ihre verantwortungsreiche
Mission: den Feudaladel abzulösen und den Geistesadel
vorzubereiten, hat die akademische Intelligenz verkannt,
verleugnet, verraten.
Auch die publizistische Intelligenz hat ihre
Führermission verraten. Sie, die berufen war, geistige
Führerin und Lehrerin der Massen zu werden, zu ergän-
zen und zu verbessern, was ein rückständiges Schul-
system versäumt und verbrochen hat — erniedrigte sich
in ihrer ungeheuren Mehrheit zur Sklavin des Kapitals,
zur Verbildnerin des politischen und künstlerischen
Geschmackes. Ihr Charakter zerbrach unter dem Zwang,
statt eigener Überzeugungen fremde zu vertreten und zu
verteidigen — ihr Geist verflachte durch die Über-
produktion, zu der ihr Beruf sie zwingt.
Wie der Rhetor der Antike, so steht der Journalist der
36
Neuzeit im Zentrum der Staatsmaschine: er bewegt die
Wähler, die Wähler die Abgeordneten, die Abgeordneten
die Minister. So fällt dem Journalisten die höchste Ver-
antwortung für alles politische Geschehen zu: und gerade
er, als typischer Vertreter urbaner Charakterlosigkeit,
fühlt sich meist von jeder Verpflichtung und Verant-
wortung frei.
Schule und Presse sind die beiden Punkte, von
denen aus die Welt sich unblutig, ohne Gewalt erneuern
und veredeln ließe. Die Schule nährt oder ver-
giftet die Seele des Kindes; die Presse nährt
oder vergiftet die Seele des Erwachsenen.
Schule und Presse sind heute beide in den Händen einer
ungeistigen Intelligenz: sie in die Hände des Geistes
zurückzulegen, wäre die höchste Aufgabe jeder idealen
Politik, jeder idealen Revolution.
Die Herrscherdynastien Europas sind durch Inzucht
herabgekommen; die Plutokratendynastien durch Wohl-
leben. Der Blutadel verkam, weil er Diener
der Monarchie wurde; der Geistesadel ver-
kam, weil er Diener des Kapitals wurde.
Beide Aristokratien hatten vergessen, daß mit jedem
Vorzug, mit jeder Auszeichnung und Ausnahmestellung
Verantwortung verknüpft ist. Sie haben den Wahl-
spruch alles wahren Adels verlernt: „Noblesse
oblige!“ Sie wollten die Früchte ihrer Vorzugsstellung
genießen, ohne deren Pflichten zu tragen; fühlten sich
als Herren und Vorgesetzte, nicht als Führer und Vor-
bilder ihrer Mitmenschen. Statt dem Volke neue Ziele
zu weisen, neue Wege zu bahnen, ließen sie sich von
Herrschern und Kapitalisten zu Werkzeugen ihrer Inter-
essen mißbrauchen: um Wohlleben, Ehrenstellen und
Geld verkauften sie ihre Seelen, ihr Blut und ihr Hirn.
37
Der alte Adel des Blutes und des Hirnes hat den
Anspruch verloren, weiter noch als Aristokratie zu
gelten; denn es fehlen ihm die Zeichen allen echten
Adels: Charakter, Freiheit, Verantwortung. Die Fäden,
die sie mit ihren Völkern verbanden, haben sie zer-
schnitten : durch Standesdünkel auf der einen,
Bildungsdünkel auf der anderen Seite.
Es liegt im Sinne historischer Nemesis, daß die große
Sintflut, die von Rußland ihren Ausgang nimmt, auf
blutigem oder unblutigem Wege die Welt von den Usur-
patoren reinigt, die ihre Vorzugsstellungen behaupten
wollen, während sie längst deren einstige Voraussetzun-
gen verloren haben.
9
38
8. P LUTOKRA TIE
Bei dem Tiefstand des Blut- und Geistesadels war es
nicht zu verwundern, daß eine dritte Menschenklasse
provisorisch die Macht an sich riß: die Plutokratie.
Die Yerfassungsform, die Feudalismus und Absolutis-
mus ablöste, war demokratisch; die Herrschaftsform
plutokratisch. Heute ist Demokratie Fassade der
Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht
dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht über-
lassen. während die faktische Macht in den Händen der
Plutokraten ruht. In republikanischen wie in monar-
chischen Demokratien sind die Staatsmänner Mario-
netten. die Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die
Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch Ankauf
der öfl entliehen Meinung die Wähler, durch geschäft-
liche und gesellschaftliche Beziehungen die Minister.
An die Stelle der feudalen Gesellschaftsstruktur ist die
plutokratische getreten: nicht mehr die Geburt ist maß-
gebend für die soziale Stellung, sondern das Einkommen.
Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristo-
kratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der
Staat, der ihr Werkzeug und Helfershelfer ist.
Als es noch wahren Blutadel gab, war das System der
39
Geburtsaristokratie gerechter als heute das der Geld-
aristokratie: denn damals hatte die herrschende Kaste
Verantwortungsgefühl, Kultur, Tradition — während
die Klasse, die heute herrscht, alles Verantwortungs-
gefühles, aller Kultur und Tradition bar ist. Vereinzelte
Ausnahmen ändern nichts an dieser Tatsache.
Während die Weltanschauung des Feudalismus
heroisch-religiös war, kennt die plutokratische Gesell-
schaft keine höheren Werte als Geld und Wohlleben:
die Geltung eines Menschen wird taxiert nach dem, was
er hat, nicht nach dem, was er ist.
Dennoch bilden die Führer der Plutokratie in
gewissem Sinne eine Aristokratie, eine Aus-
lese: denn zur Erraffung großer Vermögen sind eine
Reihe hervorragender Eigenschaften nötig: Tatkraft,
Umsicht. Klugheit, Besonnenheit, Geistesgegenwart,
Initiative, Verwegenheit und Großzügigkeit. Durch diese
Vorzüge legitimieren sich die erfolgreichen Großunter-
nehmer als moderne Eroberernaturen, deren überlegene
Willens- und Geisteskraft ihnen über die Masse minder-
wertiger Konkurrenten den Sieg brachte.
Diese Überlegenheit der Plutokraten gilt jedoch nur
innerhalb der erwerbenden Menschenklasse — sie ver-
schwindet sofort, wenn jene hervorragenden Geldver-
diener gemessen werden an den hervorragenden Ver-
tretern idealer Berufe. Es ist also gerecht, daß ein
tüchtiger Industrieller oder Kaufmann materiell und
sozial höher aufsteigt als seine untüchtigen Kollegen —
ungerecht aber ist es. daß seine gesellschaftliche Macht
und Geltung höher ist als die eines Künstlers. Gelehrten,
Politikers, Schriftstellers. Lehrers, Richters. Arztes, der
in seinem Berufe ebenso fähig ist wie jener, dessen
Fähigkeiten jedoch idealeren und sozialeren Zielen
40
dienen: daß also das gegenwärtige Gesellschaftssystem
die egoistisch-materialistische Mentalität prämiert gegen-
über einer altruistisch-idealen.
In dieser Bevorzugung egoistischer Tüch-
tigkeit gegenüber altruistischer, materialisti-
scher gegenüber idealistischer liegt das Grundübel der
kapitalistischen Gesellschaftsstruktur; während die wah-
ren Aristokraten des Geistes und Herzens: die Weisen
und die Gütigen, in Armut und Ohnmacht leben, usur-
pieren egoistische Gewaltmenschen die Führerstellung,
zu der jene berufen wären.
So ist Plutokratie in energetischer und intellektueller
Hinsicht Aristokratie — in ethischer und geistiger Be-
ziehung Pseudo-Aristokratie; innerhalb der Erwerbs-
klassen Aristokratie — an idealeren Berufen gemessen
Pseudo-Aristokratie.
Wie die Aristokratie des Blutes und des Geistes, so
befindet sich auch die des Geldes gegenwärtig in einer
Verfallsperiode. Die Söhne und Enkel jener großen
Unternehmer, deren Wille, durch Not und Arbeit
gestählt, sie aus dem Nichts zur Macht emporgeführt
hatte, erschlaffen zumeist in Wohlleben und Untätigkeit.
Nur selten vererbt sich die väterliche Tüchtigkeit oder
sublimiert sich zu geistigerem und idealerem Schaffen.
Den Plutokratengeschlechtern fehlt jene Tradition und
Weltanschauung, jener konservativ-rustikale Geist, der
einst die Adelsgeschlechter jahrhundertelang vor Ent-
artung bewahrt hatte. Schwächliche Epigonen über-
nehmen das Machterbe ihrer Väter ohne die Gaben des
Willens und Verstandes, durch die es errafft worden war.
Macht und Tüchtigkeit geraten in Widerspruch: und
unterhöhlen so die innere Berechtigung des Kapitalismus.
Die historische Entwicklung hat diesen natürlichen
41
Verfall beschleunigt. Durch die Hochkonjunktur des
Krieges emporgetragen, beginnt eine neue Schieber
P ulokraUe die alte Unternehmer-Plutokratre zu
zersetzen und zu verdrängen. Während mit der Berei-
cherung des Unternehmers der Volkswohlstand wachst,
sinkt er mit der Bereicherung des Schiebers- Die Unt -
„ehmer sind Führer der Wirtschaft - die Schiebe
deren Parasiten: Unternehmertum ist produ
tiv er — Schiebertum unproduktiver Kap
'“oie gegenwärtige Hochkonjunktur erleichtert skrupel-
josen hemmungslosen und gewissenlosen Menschen den
Gelderwerb. Für Spekulation*- und Schiebergewinne
sind Glück und Rücksichtslosigkeit unentbehrlicher al
hervorragende Willens- und Verstandesgaben. So reprä-
sentiert die moderne Schieber-Plutokratie eher eine
Kakistokratie des Charakters als eine Aristo
kratie der Tüchtigkeit. Durch die zunehmende Vei-
wilung der Grenzen zwischen Unternehmertum und
Schiebertum wird der Kapitalismus vor dem Forum des
Geistes und der Öffentlichkeit kompromittiert
^iTeine 2 Aristokratie kann sich ohne moraiische Auto-
rität dauernd behaupten. Sobald die herrschende
Klasse aufhört, Symbol ethischer und ästhetischer Wer
zu sein, wird ihr Sturz unaufhaltsam.
' Die Plutokratie ist, an anderen Aristokratien gemessen,
arm an ästhetischen Werten. Sie erfüllt die politischen
Funktionen einer Aristokratie, ohne die u urw
eines Adels zu bieten. Reichtum ist aber
Kleide der Schönheit erträglich, nur als Trage
einer ästhetischen Kultur gerechtfertigt. Indessen hüllt
sich die neue Plutokratie in öde Geschmacklosigkei un
42
aufdringliche Häßlichkeit: ihr Reichtum wird unfrucht-
bar und abstoßend.
Die europäische Plutokratie vernachlässigt — im
Gegensatz zur amerikanischen — ihre ethische Mission
ebensosehr wie ihre ästhetische: soziale Wohltäter
großen Stiles sind ebenso spärlich wie Mäzene. Statt
ihren Daseinszweck im sozialen Kapitalismus zu
erblicken, in der Zusammenfassung des zersplitterten
Volksvermögens zu großzügigen Werken schöpferischer
Humanität — fühlen sich die Plutokraten in ihrer
erdrückenden Mehrheit berechtigt, ihr Wohlleben ver-
antwortungslos auf Massenelend aufzubauen. Statt
Treuhändler der Menschheit sind sie Ausbeuter, statt
Führer Irreführer.
Durch diesen Mangel an ästhetischer und ethischer
Kultur zieht sich die Plutokratie nicht nur den Haß,
sondern auch die Verachtung der öffentlichen Meinung
und ihrer geistigen Führer zu: da sie es nicht verstand,
Adel zu werden, muß sie fallen.
Die russische Revolution bedeutet für die pluto-
kratische Geschichtsepoche den Anfang vom Ende. Selbst
wenn Lenin unterliegt, wird sein Schatten ebenso das
zwanzigste Jahrhundert beherrschen, wie die fran-
zösische Revolution trotz ihres Zusammenbruches die
Entwicklung des neunzehnten bestimmt hat: nie hätten
im kontinentalen Europa Feudalismus und Absolutismus
freiwillig abgedankt — wenn nicht aus Angst vor einer
Wiederholung jakobinischen Terrors, vor dem Ende des
französischen Adels und Königs. So wird es dem
Damoklesschwert bolschewistischen Terrors schneller
gelingen, die Herzen der Plutokraten zu erweichen und
sozialen Forderungen zugänglich zu machen als in zwei
Jahrtausenden dem Evangelium Christi.
43
9. BLUTADEL UND ZUKUNFTSADEL
Adel beruht auf körperlicher, seelischer, geistiger
Schönheit; Schönheit auf vollendeter Harmonie und
gesteigerter Vitalität: wer darin seine Mitwelt über-
ragt, ist Aristokrat.
Der alte aristokratische Typus ist im Aussterben; der
neue noch nicht konstituiert. Unsere Zwischenzeit ist
bettelarm an großen Persönlichkeiten: an schönen
Menschen; an edlen Menschen; an weisen Menschen.
Indessen usurpieren Epigonen des versunkenen Adels
die toten Formen einstiger Aristokratie und füllen sie
mit dem Inhalt ihrer armseligen Bürgerlichkeit. Die
starke Lebensfülle einstigen Adels ist auf Emporkömm-
linge übergegangen: doch ihnen fehlen seine Formen,
seine Vornehmheit, seine Schönheit.
Dennoch braucht die Zeit an der Idee des Adels, an
der Zukunft eines Adels nicht zu verzweifeln. Will die
Menschheit vorwärtsschreiten, braucht sie Führer,
Lehrer, Wegweiser; Erfüllungen dessen, was sie werden
will; Vorläufer ihrer künftigen Erhebung in höhere
Sphären. Ohne Adel keine Evolution. Eudämo-
nistische Politik kann demokratisch — evolutioni-
stische Politik muß aristokratisch sein. Um
44
emporzusteigen, um vorwärtszuschreiten sind Ziele
nötig; um Ziele zu erreichen, sind Menschen nötig, die
Ziele setzen, zu Zielen führen: Aristokraten.
Der Aristokrat als Führer ist ein politischer Begriff;
der Adelige als Vorbild ist ein ästhetisches Ideal. Höchste
Forderung verlangt, daß Aristokratie mit Adel, Führer
mit Vorbild zusammenfällt: daß vollendeten Menschen
die Führerschaft zufällt.
Von der europäischen Quantitätsmenschheit, die nur
an die Zahl, die Masse glaubt, heben sich zwei
Qualitätsrassen ab: Blutadel und Judentum.
Voneinander geschieden, halten sie beide fest am Glau-
ben an ihre höhere Mission, an ihr besseres Blut, an
menschliche Rangunterschiede. In diesen beiden hete-
rogenen Vorzugsrassen liegt der Kern des europäischen
Zukunftsadels: im feudalen Blutadel, soweit er sich nicht
vom Hofe, im jüdischen Hirnadel, soweit er sich nicht
vom Kapital korrumpieren ließ. Als Bürgschaft einer
besseren Zukunft bleibt ein kleiner Rest sittlich hoch-
stehenden Rustikaladels und eine kleine Kampfgruppe
revolutionärer Intelligenz. Hier wächst die Gemeinschaft
zwischen Lenin, dem Mann aus ländlichem Kleinadel,
und Trotzki, dem jüdischen Literaten, zum Symbol:
hier versöhnen sich die Gegensätze von Charakter und
Geist, von Junker und Literat, von rustikalem und
urbanem, heidnischem und christlichem Menschen zur
schöpferischen Synthese revolutionärer Aristokratie.
Ein Schritt vorwärts im Geistigen würde genügen, um
die besten Elemente des Blutadels, die auf dem Lande
ihre physische und moralische Gesundheit vor den
depravierenden Einflüssen der Hofluft bewahrt haben,
in den Dienst der neuen Menschenbefreiung zu stellen.
Denn zu dieser Stellungnahme prädestiniert sie ihr
45
traditioneller Mut, ihre antibürgerliche und antikapita-
listische Mentalität, ihr Verantwortungsgefühl, ihre Ver-
achtung materiellen Vorteils, ihr stoisches Willens-
training, ihre Integrität, ihr Idealismus. In geistigere und
freiere Bahnen gelenkt, könnten sich die starken adeligen
Energien, die bisher Stützen der Reaktion waren, zu
neuer Blüte regenerieren und Führernaturen zeugen, die
Unbeugsamkeit des Willens mit Seelengröße und Selbst-
losigkeit verbinden; und, statt als Exponenten des
Bürgertums (das ihnen im Innersten zuwider ist) kapita-
listischen Interessen zu dienen, in eine Reihe treten
mit den Vertretern des verjüngten Geistesadels zur
Befreiung und Veredelung der Menschheit.
Politik war in Europa durch Jahrhunderte Adels-
privileg. Der Hochadel bildete eine internationale
politische Kaste, in der diplomatische Talente heran-
gezüchtet wurden. Seit vielen Generationen lebt der
europäische Blutadel in einer politischen Atmosphäre,
von der das Bürgertum mit Absicht ferngehalten wurde.
Auf seinen Latifundien lernte der Adel die Kunst des
Regierens, der Menschenbehandlung — auf den führen-
den Staatsposten des In- und Auslandes die Kunst der
Völkerbehandlung. Politik ist Kunst, nicht Wissenschaft;
ihr Schwerpunkt liegt mehr im'Instinkt als im Verstände,
mehr im Unterbewußten als im Bewußten. Politische
Begabung läßt sich wecken und ausbilden, nie erlernen.
Genie durchbricht alle Regeln: an politischen Talenten
aber ist der Adel reicher als das Bürgertum. Denn, um
Kenntnisse zu erwerben, genügt ein Einzelleben: um
Instinkte zu züchten, bedarf es des Zusammenwirkens
vieler Generationen. In den Wissenschaften und schönen
Künsten überragt das Bürgertum an Begabung den Adel:
in der Politik ist das Verhältnis umgekehrt. Daher
46
kommt es, daß auch die Demokratien Europas ihre
Außenpolitik vielfach Abkömmlingen ihres Hochadels
anvertrauen, denn es liegt im Staatsinteresse, die Erb-
masse an politischer Begabung, die der Adel im Laufe
der Jahrhunderte aufgespeichert hat, der Allgemeinheit
nutzbar zu machen.
Die politischen Fähigkeiten des Hochadels sind nicht
zuletzt auf seine starke Blutmischung zurückzuführen.
Denn diese nationale Rassenmischung weitet vielfach
seinen Horizont und paralysiert so die üblen Folgen
gleichzeitiger Kasten-Inzucht. Die große Mehrheit minder-
wertiger Aristokraten verbindet die Nachteile der
Mischung mit denen der Inzucht: Charakterlosigkeit mit
Geistesarmut; während sich in den seltenen Höhepunkten
modernen Hochadels die Vorzüge beider begegnen:
Charakter mit Geist.
In intellektueller Hinsicht klafft heutzutage zwischen
der äußersten Rechten (konservativem Blutadel) und der
äußersten Linken (revolutionärem Geistesadel) eine
gewaltige Niveaudifferenz, während im Charakter diese
scheinbaren Extreme sich berühren. Es liegt aber alles
Intellektuelle, Bewußte an der Oberfläche — alles
Charakteristische, Unbewußte in der Tiefe der Persön-
lichkeit. Erkenntnisse und Meinungen sind leichter zu
bilden und umzubilden als Charaktereigenschaften und
Willensrichtungen.
Lenin und Ludendorff sind in ihren politischen
Idealen Antagonisten: in ihrer Willenseinstellung Brüder.
Wäre Ludendorff im revolutionären Milieu russischen
Studententums aufgewachsen; hätte er, wie Lenin, in
früher Jugend die Hinrichtung seines Bruders durch
kaiserliche Henker erlebt: wir würden ihn, wahrschein-
lich. an der Spitze des roten Rußland sehen. Während
47
Lenin, in einer preußischen Kadettenschule großgezogen,
vielleicht ein Über-Ludendorff geworden wäre. Was diese
beiden verwandten Naturen scheidet, ist ihr geistiges
Niveau. Lenins Beschränktheit scheint heroisch-bewußt,
Ludendorffs Beschränktheit naiv-unbewußt zu sein.
Lenin ist nicht bloß Führer — er ist auch Geistiger,
sozusagen ein vergeistigter Ludendorff.
Die gleiche Parallele läßt sich ziehen zwischen zwei
anderen Vertretern der äußersten Linken und Rechten.
Friedrich Adler und Graf Arco. Beide waren Mörder
aus Idealismus, Märtyrer ihrer Überzeugung. Wäre
Adler im militaristisch-reaktionären Milieu deutschen
Blutadels, Arco im sozialistisch-revolutionären Milieu
österreichischen Geistesadels aufgewachsen — so hätte,
wahrscheinlich, die Kugel Arcos den Ministerpräsidenten
Stürgkh, die Kugel Adlers den Ministerpräsidenten Eisner
getroffen. Denn auch sie sind Brüder, getrennt durch
die Verschiedenheit anerzogener Vorurteile, verbunden
durch die Gemeinsamkeit heroisch-selbstlosen Charak-
ters. Auch hier liegt der Unterschied im geistigen Niveau
(Adler ist Geistesmensch), nicht in der Reinheit der
Gesinnung. Wer den Charakter des Einen lobt, darf den
des Anderen nicht herabsetzen — wie dies von beiden
Seiten täglich geschieht.
Wo potenzierte Lebenskraft ist, da ist Zukunft. Die
Blüte des Bauerntums, der Landadel, hat (soweit er sich
gesund erhielt) in tausendjähriger Symbiose mit der
lebendigen und lebenspendenden Natur eine Fülle vitaler
Kräfte gesammelt und aufgespeichert. Gelingt es einer
modernen Erziehung, einen Teil dieser gesteigerten
Lebensenergien ins Geistige zu sublimieren: dann könnte,
vielleicht, der Adel der Vergangenheit entscheidenden
Anteil nehmen am Aufbau des Adels der Zukunft.
48
10. JUDENTUM UND ZUKUNFTSADEL
Hauptträger des korrupten wie des integren Hirn-
adels: des Kapitalismus, Journalismus und Literaten-
tums, sind Juden*. Die Überlegenheit ihres Geistes
prädestiniert sie zu einem Haupt faktor zukünf-
tigen Adels.
Ein Blick in die Geschichte des jüdischen Volkes
erklärt seinen Vorsprung im Kampf um die Menschheits-
führung. Vor zwei Jahrtausenden war das Judentum
eine Religionsgemeinschaft, zusammengesetzt aus ethisch-
religiös veranlagten Individuen aller Nationen des antiken
Kulturkreises, mit einem national-hebräischen Mittel-
punkt in Palästina. Damals war bereits das Gemeinsame,
Verbindende und Primäre nicht die Nation, sondern die
Religion. Im Laufe des ersten Jahrtausends unserer
Zeitrechnung traten in diese Glaubensgemeinschaft
Proselyten aus allen Völkern ein, zuletzt König, Adel
und Volk der mongolischen Chazaren, der Herren Süd-
rußlands. Von da an erst schloß sich die jüdische
Religionsgemeinschaft zu einer künstlichen Volks-
* Das Folgende bezieht sich in erster Linie auf Mittel- und Ost-
europa.
4 Goudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 49
Unfa.-ENüofhekf
Resensbtifa f
gemeinschaft zusammen und gegen alle übrigen
Völker ab*.
Durch unsagbare Verfolgungen versucht seit einem
Jahrtausend das christliche Europa das jüdische Volk
auszurotten. Der Erfolg war, daß alle Juden, die willens-
schwach, skrupellos, opportunistisch oder skeptisch
waren, sich taufen ließen, um dadurch den Qualen
endloser Verfolgung zu entgehen. Anderseits gingen
unter diesen vielfach erschwerten Lebensbedingungen
alle Juden zugrunde, die nicht geschickt, klug und
erfinderisch genug waren, den Daseinskampf in dieser
schwierigsten Form zu bestehen.
So ging schließlich aus all diesen Verfolgungen eine
kleine Gemeinschaft hervor, gestählt durch ein helden-
mütig ertragenes Martyrium für die Idee und geläutert
von allen willensschwachen und geistesarmen Elementen.
Statt das Judentum zu vernichten, hat es Europa wider
Willen durch jenen künstlichen Ausleseprozeß
veredelt und zu einer Führernation der Zukunft erzogen.
Kein Wunder also, daß dieses Volk, dem Ghetto-Kerker
entsprungen, sich zu einem geistigen Adel Europas ent-
wickelt. So hat eine gütige Vorsehung Europa in dem
Augenblick, als der Feudaladel verfiel, durch die Juden-
emanzipation eine neue Adelsras se von Geistes
Gnaden geschenkt.
Der erste typische Repräsentant dieses werdenden
Zukunftsadel war der revolutionäre Edeljude L a s s a 1 1 e,
der in hohem Maße Schönheit des Körpers mit Edelmut
des Charakters und Schärfe des Geistes vereinte: Aristo-
krat im höchsten und wahrsten Sinne des Wortes, war
er ein geborener Führer und Wegweiser seiner Zeit.
* Siehe: „Das Wesen des Antisemitismus“ von Dr. Heinrich
Coudenhove-Kalergi (II. Auflage, Paneuropa- Verlag, Wien).
Graf
50
Nicht: das Judentum ist der neue Adel; sondern: das
Judentum ist der Schoß, aus dem ein neuer, geistiger
Adel Europas hervorgeht; der Kern, um den sich ein
neuer, geistiger Adel gruppiert. Eine geistig-urbane
Herrenrasse ist in Bildung: Idealisten, geistvoll und fein-
nervig, gerecht und überzeugungstreu, tapfer wie der
Feudaladel in seinen besten Tagen, die Tod und Ver-
folgung, Haß und Verachtung freudig auf sich nehmen,
um die Menschheit sittlicher, geistiger, glücklicher zu
machen.
Die jüdischen Helden und Märtyrer der ost- und
mitteleuropäischen Revolution stehen an Mut, Ausdauer
und Idealismus den nicht jüdischen Helden des Welt-
krieges in nichts nach — während sie dieselben an Geist
vielfach überragen. Das Wesen dieser Männer und
Frauen, die es versuchen, die Menschheit zu erlösen und
zu regenerieren, ist eine eigentümliche Synthese religiöser
und politischer Elemente: von heroischem Märtyrertum
und geistiger Propaganda, revolutionärer Tatkraft und
sozialer Liebe, von Gerechtigkeit und Mitleid. Diese
Wesenszüge, die sie einst zu Schöpfern der christlichen
Weltbewegung gemacht haben, stellen sie heute an die
Spitze der sozialistischen.
Mit diesen beiden Erlösungsversuchen geistig-sittlichen
Ursprunges hat das Judentum die enterbten Massen
Europas reicher beschenkt als irgendein zweites Volk.
Wie denn auch das moderne Judentum durch seinen
Prozentsatz an bedeutenden Männern alle übrigen
Völker übertrifft: kaum ein Jahrhundert nach seiner
Befreiung steht dieses kleine Volk heute mit Einstein
an der Spitze moderner Wissenschaft; mit Mahler an
der Spitze moderner Musik; mit B e r g s o n an der Spitze
moderner Philosophie; mit T r o t z k i an der Spitze
4 *
51
moderner Politik. Die prominente Stellung, die das
Judentum heutzutage innehat, verdankt es allein seiner
geistigen Überlegenheit, die es befähigt, über
eine ungeheuere Übermacht bevorzugter, gehässiger,
neidischer Rivalen im geistigen Wettkampf zu siegen.
Der moderne Antisemitismus ist eine der vielen
Reaktionserscheinungen des Mittelmäßigen gegen das
Hervorragende; ist eine neuzeitliche Form des Ostra-
kismus, angewandt gegen ein ganzes Volk. Als Volk
erlebt das Judentum den ewigen Kampf der Quantität
gegen die Qualität, minderwertiger Gruppen gegen höher-
wertige Individuen, minderwertiger Majoritäten gegen
höherwertige Minoritäten.
Die Hauptwurzeln des Antisemitismus sind B e-
schränktheit und Neid: Beschränktheit im Reli-
giösen oder im Wissenschaftlichen; Neid im Geistigen
oder im Wirtschaftlichen.
Dadurch, daß sie aus einer internationalen Religions-
gemeinschaft, nicht aus einer lokalen Rasse hervor-
gegangen sind, sind die Juden das \ olk der stärksten
Blutmischung; dadurch, daß sie sich seit einem Jahr-
tausend gegen die übrigen Völker abschließen, sind sie
das Volk stärkster Inzucht. So vereinigen, wie beim
Hochadel, die Auserwählten unter ihnen Willensstärke
mit Geistesschärfe, während ein anderer Teil der Juden
die Mängel der Inzucht mit den Mängeln der Blut-
mischung verbindet: Charakterlosigkeit mit Beschränkt-
heit. Hier findet sich heiligste Selbstaufopferung neben
beschränktester Selbstsucht, reinster Idealismus neben
krassestem Materialismus. Auch hier bestätigt sich die
Regel: je gemischter ein Volk, desto unähnlicher sind
seine Repräsentanten untereinander, desto unmöglicher
ist es, einen Einheitstypus zu konstruieren.
52
Wo viel Licht, da ist viel Schatten. Geniale
Familien weisen einen höheren Prozentsatz an Irrsinnigen
und Verbrechern auf als mittelmäßige; das gilt auch
von Völkern. Nicht bloß die revolutionäre Geistes-
aristokratie von morgen — auch die plutokratische
Schieber-Kakistokratie von heute rekrutiert sich vor-
nehmlich aus Juden: und schärft so die agitatorischen
Waffen des Antisemitismus.
Tausendjährige Sklaverei hat den Juden, mit seltenen
Ausnahmen, die Geste des Herrenmenschen genommen.
Dauernde Unterdrückung hemmt Persönlichkeitsentfal-
tung: und nimmt damit ein Hauptelement des ästhetischen
Adelsideals. An diesem Mangel leidet, physisch wie
psychisch, ein Großteil des Judentums; dieser Mangel ist
die Hauptursache, daß der europäische Instinkt sich
dagegen sträubt, das Judentum als Adelsrasse anzu-
erkennen.
Das Ressentiment, mit dem die Unterdrückung
das Judentum belastet hat, gibt ihm viel vitale Spannung;
nimmt ihm dafür viel vornehme Harmonie. Übertriebene
Inzucht, verbunden mit der Hyperurbanität der Ghetto-
Vergangenheit, hatte manche Züge physischer und
psychischer Dekadenz im Gefolge. Was der Kopf der
Juden gewann, hat oft ihr Körper verloren; was ihr Hirn
gewann, hat ihr Nervensystem verloren.
So leidet das Judentum an einer Hypertrophie
desHirnes und stellt sich so in Gegensatz zur adeligen
Forderung harmonischer Persönlichkeitsentfaltung. Die
körperliche und nervöse Schwäche vieler geistig hervor-
ragender Juden zeitigt einen Mangel an physischem Mut
(oft in Verbindung mit höchstem moralischen Mut) und
eine Unsicherheit des Auftretens: Eigenschaften, die
53
heute noch mit dem ritterlichen Ideal des Adelsmenschen
unvereinbar erscheinen.
So hat das geistige Herrenvolk der Juden
unter Zügen des Sklavenmenschen zu lei-
den, die ihm seine historische Entwicklung aufgeprägt
hat: noch heute tragen viele jüdische Führerpersönlich-
keiten Haltung und Geste des unfreien, unterdrückten
Menschen. In ihren Gesten sind herabgekommene
Aristokraten oft adeliger als hervorragende Juden.
Diese Mängel des Judentums, durch die Entwicklung
entstanden, werden durch die Entwicklung wieder ver-
schwänden. Die Rustikalisierung des Judentums (ein
Hauptziel des Zionismus), verbunden mit sportlicher
Erziehung, wird das Judentum vom Ghetto-Rest, den es
heute noch in sich trägt, befreien. Daß dies möglich ist,
beweist die Entwicklung des amerikanischen Judentums.
Der faktischen Freiheit und Macht, die das Judentum
errungen hat, wird das Bewußtsein derselben, dem
Bewußtsein allmählich Haltung und Geste des freien,
mächtigen Menschen folgen.
Nicht nur das Judentum wird sich in der Richtung des
westlichen Adelsideals wandeln — auch das westliche
Adelsideal wird eine Wandlung erfahren, die dem
Judentum auf halbem Wege entgegenkommt. In einem
friedlicheren Europa der Zukunft wird der Adel seinen
kriegerischen Charakter abstreifen und mit einem
geistig-priesterlichen vertauschen. Ein pazifi-
ziertes und sozialisiertes Abendland wird keine Gebieter
und Herrscher mehr brauchen — nur Führer, Erzieher,
Vorbilder. In einem orientalischen Europa wird der
Zukunftsaristokrat mehr einem Brahmanen und Man-
darin gleichen als einem Ritter.
54
AUSBLICK
Der Adelsmensch der Zukunft wird weder feudal noch
jüdisch, weder bürgerlich noch proletarisch: er wird
synthetisch sein. Die Rassen und Klassen im heutigen
Sinne werden verschwinden, die Persönlichkeiten bleiben.
Erst durch Verbindung mit bestem Bürgerblut werden
die entwicklungsfähigen Elemente einstigen Feudaladels
sich zu neuer Blüte emporringen; erst durch Vereinigung
mit den Gipfeln nichtjüdischen Europäertums wird das
jüdische Element des Zukunftsadel zur vollen Ent-
faltung gelangen. Den auserwählten Menschen der
Zukunft mag ein physisch hochgezüchteter Rustikaladel
vollendete Körper und Gesten, ein geistig hochgebildeter
Urbanadel vergeistigte Physiognomien, durchseelte
Augen und Hände schenken.
Der Adel der Vergangenheit war aufgebaut auf
Quantität: der feudale auf die Zahl der Ahnen; der
plutokratische auf die Zahl der Millionen. Der Adel der
Zukunft wird auf Qualität beruhen: auf persönlichem
Wert, persönlicher Vollkommenheit; auf Vollendung
des Leibes, der Seele, des Geistes.
Heute, an der Schwelle eines neuen Zeitalters, tritt an
die Stelle des einstigen Erbadels ein Zufallsadel;
55
statt Adelsrassen adelige Individuen: Menschen, deren
zufällige Blutzusammensetzung sie zu vorbildlichen
Typen erhebt.
Aus diesem Zufallsadel von heute wird die neue inter-
nationale und intersoziale Adelsrasse von morgen hervor-
gehen. Alles Hervorragende an Schönheit, Kraft, Energie
und Geist wird sich erkennen und zusammenschließen
nach den geheimen Gesetzen erotischer Attraktion. Sind
erst einmal die künstlichen Schranken gefallen, die
Feudalismus und Kapitalismus zwischen den Menschen
errichtet haben — dann werden automatisch den bedeu-
tendsten Männern die schönsten Frauen zufallen, den
hervorragendsten Frauen die vollendetsten Männer. Je
vollkommener dann im Physischen, Psychischen, Gei-
stigen ein Mann sein wird — desto größer die Zahl der
Frauen, unter denen er wird wählen können. Nur den
edelsten Männern wird die Verbindung mit den edelsten
Frauen freistehen und umgekehrt — die Minderwertigen
werden sich mit den Minderwertigen zufrieden geben
müssen. Dann wird die erotische Lebensform der Minder-
wertigen und Mittelmäßigen Freie Liebe sein, der Aus-
erwählten: Freie Ehe. So wird der neue Zuchtadel der
Zukunft nicht hervorgehen aus den künstlichen Normen
menschlicher Kastenbildung, sondern aus den gött-
lichen Gesetzen erotischer Eugenik.
Die natürliche Rangordnung menschlicher Vollkom-
menheit wird an die Stelle der künstlichen Rangordnung:
des Feudalismus und Kapitalismus treten.
Der Sozialismus, der mit der Abschaffung des Adels,
mit der Nivellierung der Menschheit begann, wird in der
Züchtung des Adels, in der Differenzierung der Mensch-
heit gipfeln. Hier, in der sozialen Eugenik, liegt
56
seine höchste historische Mission, die er heute noch nicht
erkennt: aus ungerechter Ungleichheit über
Gleichheit zu gerechter Ungleichheit zu
führen, über die Trümmer aller Pseudo-Aristokratie zu
echtem, neuem Adel.
57
APOLOGIE DER TECHNIK
19 2 2
Motto:
Ethik ist die Seele unserer Kultur
Technik ihr Leib:
mens sana in corpore sanol
I. DAS VERLORENE PARADIES
1. DER FLUCH DER KULTUR
Die Kultur hat Europa in ein Zuchthaus
verwandelt und die M ehrzahl seiner Bewoh-
nerinZ wangsarbeiter. —
Der moderne Kulturmensch fristet ein elenderes Le-
ben als alle Tiere der Wildnis: die einzigen Wesen, die
noch bemitleidenswerter sind, als er, sind seine Haus-
tiere — weil sie noch unfreier sind.
Das Dasein eines Büffels im Urwalde, eines Kondors
in den Anden, eines Haifisches im Ozean ist unvergleich-
lich schöner, freier und glücklicher als das eines euro-
päischen Fabrikarbeiters, der, Tag für Tag, Stunden
und Stunden an seine Maschine gekettet, unorganische
Handgriffe verrichten muß, um nicht zu verhungern.
Auch der Mensch war einst in der Vorzeit ein glück-
liches Wesen: ein glückliches Tier. Da lebte er in Frei-
heit, als Teil einer tropischen Natur, die ihn nährte und
wärmte. Sein Leben bestand in der Befriedigung seiner
Triebe; er genoß es, bis ihn ein natürlicher oder gewalt-
samer Tod traf. Er war frei; lebte in der Natur —
statt im Staate; spielte — statt zu arbeiten: darum war er
schön und glücklich. Sein Lebensmut und seine Lebens-
61
freude waren stärker als alle Schmerzen, die ihn trafen
und als alle Gefahren, die ihm drohten.
Im Laufe der Jahrtausende hat der Mensch dieses
köstliche, freie Dasein verloren. Der Europäer, der sich
für den Gipfel der Zivilisation hält, lebt in unnatürlichen
und häßlichen Städten ein unnatürliches, häßliches, un-
freies, ungesundes, unorganisches Lehen. Mit verküm-
merten Instinkten und geschwächter Gesundheit atmet er
in düsteren Räumen verdorbene Luft; die organisierte
Gesellschaft, der Staat, raubt ihm jede Bewegungs- und
Handlungsfreiheit, während ein rauhes Klima ihn zu
lebenslänglicher Arbeit zwingt.
Die Freiheit, die er einst besaß, hat der
Mensch verloren: und mit ihr das Glück. —
2. ENTFALTUNG UND FREIHEIT
Alles irdischen Daseins Endziel ist Ent-
faltung: das Gestein will auskristallisieren, die Pflanze
wachsen und blühen, das Tier und der Mensch sich
ausleben. Die Lust, die nur Menschen und Tieren be-
kannt ist, hat keinen eigenen, sondern nur symptoma-
tischen Wert: das Tier befriedigt nicht seine Instinkte,
weil es dabei Lust empfindet — sondern es empfindet
Lust, weil es seine Instinkte befriedigt.
Entfaltung bedeutet Wachstum nach den Gesetzen
des eigenen Innern: Wachstum in Freiheit. Je-
der äußere Druck und Zwang hemmt die Freiheit der
Entfaltung. In einer determinierten Welt hat Freiheit
keine andere Bedeutung als: Abhängigkeit von inneren
Gesetzen, während Unfreiheit heißt: Abhängigkeit von
äußeren Verhältnissen. Der Kristall hat nicht die Frei-
heit, sich eine beliebige stereometrische Gestalt zu
62
wählen: die Knospe hat nicht die Freiheit, sich zu einer
beliebigen Blüte zu entfalten: aber die Freiheit des Ge-
steines besteht darin, daß es zum Kristall, die Freiheit
der Knospe, daß sie zur Blüte wird. Das unfreie Gestein
bleibt amorph oder kristallinisch — die unfreie Blüte
verkümmert. In beiden Fällen ist der äußere Zwang
stärker als die innere Kraft. — Das Produkt
menschlicher Freiheit ist der entfaltete
Mensch; das Produkt menschlicher Unfrei-
heit: der verkümmerte Mensch.
Weil der freie Mensch sich entfalten kann, ist er
schön und glücklich. Der freie, entfaltete Mensch ist das
Ziel aller Entwicklung und das Maß aller menschlichen
Werte.
Der Mensch hat seine einstige Freiheit verloren: das
war sein S ü n d e n f a 1 1. So wurde er zu einem unglück-
lichen, unvollkommenen Geschöpf. Alle wilden Tiere
sind schön — während die meisten Menschen häßlich
sind. Es gibt viel mehr vollkommene Tiger, Elephanten,
Adler, Fische, Insekten als Menschen: denn der Mensch
ist, durch Verlust seiner Freiheit, verkümmert und ver-
kommen.
Die Sage vom verlorenen Paradiese der Vorzeit ver-
kündet die Wahrheit, daß der Mensch ein Verbannter
ist aus dem Reiche der Freiheit, der Muße und des
naturgemäßen Lebens, in dem heute noch die Fauna des
Urwaldes lebt und dem, unter den heutigen Menschen,
einige Südseeinsulaner noch am nächsten stehen.
Das verlorene Paradies ist die Zeit des menschlichen
Tier-Daseins in den Tropen, da es noch keine Städte,
keine Staaten und keine Arbeit gab. —
63
3. ÜBERVÖLKERUNG UND NORD-
WANDERUNG
Zwei Dinge haben den Menschen aus sei-
nem Paradiese vertrieben: die Übervöl-
kerung und die Wanderung in kältere
Zonen. —
Durch die Übervölkerung hat der Mensch die
Freiheit des Raumes verloren: überall stößt er an
seine Mitmenschen und deren Interessen — so wurde
er zum Sklaven der Gesellschaft.
Durch die Auswanderung nach Norden hat
der Mensch die Freiheit der Zeit verloren: die
Muße. Denn das rauhe Klima zwingt ihn zu unfreiwil-
liger Arbeit, um sein Leben zu fristen: so wurde er zum
Sklaven der nordischen Natur.
Die Kultur hat die drei Formen der Schönheit ver-
nichtet, die das Dasein des Naturmenschen verklärten:
Freiheit, Muße, Natur; an deren Stelle hat sie den
Staat, die A r b e i t und die Stadt gesetzt.
Der Kultureuropäer ist ein Verbannter des Südens,
ein Verbannter der Natur. —
4. GESELLSCHAFT UND KLIMA
Die beiden Zwingherrn des Kultureuro-
päers heißen: Gesellschaft und Klima.
Die soziale Unfreiheit erreicht ihren Höhe-
punkt in der modernen Großstadt, weil hier Gedränge
und Übervölkerung am größten sind. Da leben die Men-
schen nicht nur nebeneinander, sondern übereinander
geschichtet, eingemauert in künstliche Steinblöcke
(Häuser); ständig bewacht und beargwöhnt durch die
64
Organe der Gesellschaft, müssen sie sich ungefragt einer
Unzahl von Gesetzen und Vorschriften fügen; wenn sie
gegen dieselben verstoßen, werden sie von ihren Mit-
menschen jahrelang gemartert (eingesperrt) oder er-
mordet (hingerichtet). — Weniger drückend als in den
Städten ist die soziale Unfreiheit auf dem Lande, am
wenigsten drückend in dünn bevölkerten Gegenden, wie
etwa Westamerika, Grönland, der Mongolei und Arabien.
Dort kann sich noch der Mensch im Raume entfalten,
ohne gleich mit der Gesellschaft in Konflikt zu geraten;
dort gibt es noch Reste sozialer Freiheit.
Die klimatische Unfreiheit ist am drückend-
sten in den Kulturländern des Nordens. Dort muß der
Mensch einem sonnenarmen Boden während der kurzen
Sommermonate die Nahrung für das ganze Jahr ab-
trotzen und sich gleichzeitig durch Beschaffung von
Kleidung, Wohnung und Heizung vor dem Winterfrost
schützen. Sträubt er sich gegen diese Zwangsarbeit, so
muß er verhungern oder erfrieren. So zwingt ihn das
nordische Klima zu rastloser, aufreibender, mühsamer
Zwangsarbeit. — Mehr Freiheit gewährt die Natur in
gemäßigten Zonen, wo der Mensch nur dem einen Zwing-
herrn: dem Hunger, dienen muß. während der zweite:
der Frost, von der Sonne bezwungen wird. Der freieste
Mensch ist der tropische, weil dort Früchte und Nüsse
ihn auch ohne Arbeit ernähren. Nur dort gibt es noch
klimatische Freiheit.
Europa ist ein übervölkerter und nördli-
cher Erdstrich zugleich: deshalb ist der
Europäer der unfreieste Mensch, Sklave
der Gesellschaft und der Natur.
Gesellschaft und Natur treiben einander ihre Opfer
zu: der Mensch, der aus der Stadt in die Einöde flieht,
5 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus.
65
um dort Schutz zu suchen vor dem Gedränge der Gesell-
schaft — sieht sich bedroht vom unbarmherzigen
Klima, von Hunger und Frost. Der Mensch, der vor den
Naturgewalten in die Stadt flieht und dort bei seinen
Mitmenschen Schutz sucht — sieht sich bedroht von der
unbarmherzigen Gesellschaft, die ihn ausbeutet und
zertritt. —
5. BEFREIUNGSVERSUCHE DER
MENSCHHEIT
Die Weltgeschichte setzt sich zusammen
aus Befreiungsversuchen des Menschen
aus dem Kerker der Gesellschaft und de in
Exil des Nordens.
Die vier Hauptwege, auf denen der Mensch versuchte,
in das verlorene Paradies der Freiheit und der Muße
heimzukehren, waren folgende:
I. Der Weg nach rückwärts (Auswan-
derung): zurück zur Einsamkeit und zur Sonne! Mit
diesem Ziele wandern seit jeher Menschen und Völker
aus dichtbesiedelten Erdstrichen in dünnbesiedelte, aus
kälteren in wärmere Zonen. Fast alle Völkerwande-
rungen und ein großer Teil der Kriege lassen sich auf
diesen ursprünglichen Drang nach Bewegungsfreiheit
und Sonne zurückführen. —
II. Der Weg nach oben (Macht): hinauf aus
dem Menschengedränge in die Einsamkeit, Freiheit und
Muße der oberen Zehntausend! Dieser Ruf erscholl, als
infolge der Übervölkerung Macht Vorbedingung der
Freiheit — und infolge der klimatischen Verhältnisse
Macht Vorbedingung der Muße wurde. Denn nur der
Mächtige kann sich entfalten, ohne auf seine Mitmenschen
66
Rücksicht nehmen zu brauchen — nur der Mächtige
kann sich vom Arbeitszwange befreien, indem er andere
für sich arbeiten läßt. In übervölkerten Ländern steht
der Mensch vor der Wahl, entweder auf die Köpfe seiner
Mitmenschen zu steigen oder seinen eigenen Kopf von
ihnen treten zu lassen: Herr oder Knecht, Räuber oder
Bettler zu sein. — Dieser allgemeine Drang nach Macht
war der Vater der Kriege, Revolutionen und
Kämpfe zwischen den Menschen. —
III. DerWegnachinnen (Ethik): weg aus dem
äußeren Gedränge in die innere Einsamkeit, aus der
äußeren Arbeit in die innere Harmonie! Befreiung des
Menschen durch Selbstbeherrschung. Selbstbeschrän-
kung und Selbstlosigkeit; Bedürfnislosigkeit als Schutz
vor Bedürftigkeit; zurückschrauben der Ansprüche auf
Muße und Freiheit, bis sie jenem Minimum entsprechen,
das eine übervölkerte Gesellschaft und ein rauhes Klima
bieten. — Auf diesen Drang, Ersatz für die äußere Un-
freiheit und Arbeit in der Freiheit und Seelenruhe des
Herzens zu suchen, gehen alle religiösen Bewe-
gungen zurück. —
IV. Der Weg n ach vorwärts i T e c h n i k) : her-
aus aus der Epoche der Sklavenarbeit in ein neues Zeit-
alter der Freiheit und Muße durch den Sieg des Men-
schengeistes über die Naturkräfte! Überwindung der
Überbevölkerung durch Produktionssteigerung, der
menschlichen Sklavenarbeit durch Versklavung der
Naturkräfte. — Auf dieses Streben, durch Bezwingung
der Natur ihre Gewaltherrschaft zu brechen, ist der
technische und wissenschaftliche Fort-
schritt zurückzuführen. —
67
II. ETHIK UND TECHNIK
l.DIE SOZIALE FRAGE
Die Schicksalsfrage der europäischen
Kultur lautet: „Wie ist es möglich, eine auf den engen
Raum eines kalten und kargen Erdteiles zusammenge-
drängte Menschheit vor Hunger, Kälte, Totschlag und
Überanstrengung zu schützen und ihr die Freiheit und
Muße zu geben, durch die sie einst zu Glück und Schön-
heit gelangen kann?”
Die Antwort lautet: ..Durch Entwicklung der Ethik
und der Technik“. —
Die Ethik kann den Europäer durch Schule, Presse
und Religion aus einem Raubtier in ein Haustier ver-
wandeln und ihn dadurch reif zur freien Gemeinschaft
machen — die Technik kann durch Steigerung der
Produktion und Umwandlung der menschlichen Zwangs-
arbeit in Maschinenarbeit dem Europäer die freie Zeit
und Arbeitskraft schenken, die er zum Ausbau einer
Kultur braucht.
Ethik löst die soziale Frage von innen —
Technik von außen. —
In Europa haben nur zwei Menschenklassen die Vor-
aussetzungen zum Glück: die Reichen, die alles tun
und haben können, was sie wollen — und die Heiligen,
68
die nicht mehr tun und haben wollen, als ihnen ihr
Schicksal gewährt. Die Reichen erobern sich ein objek-
tive Freiheit durch ihre Macht, Mitmenschen und
Naturkräfte in Organe ihres Wollens zu verwandeln — -
die Heiligen erobern sich eine subjektive Frei-
heit durch die Gleichgültigkeit, mit der sie irdischen
Gütern gegenüberstehen. Der Reiche kann sich nach
außen entfalten — der Heilige nach innen.
Alle übrigen Europäer sind Sklaven der Natur und
der Gesellschaft: Zwangsarbeiter und Gefan-
gene. —
2. UNZULÄNGLICHKEIT DER POLITIK
Es ist das Ideal der Ethik, aus Europa eine Gemein-
schaft von Heiligen zu machen;
es ist das Ideal der Technik, aus Europa eine G e-
imeinschaft von Reichen zu machen.
Die Ethik will die Begehrlichkeit abschaffen, damit
die Menschen sich nicht mehr arm fühlen — die Tech-
nik will die Not abschaffen, damit die Menschen nicht
mehr arm sind.
Die Politik ist weder in der Lage, die Menschen zu-
frieden zu machen, noch reich. Deshalb müssen ihre
eigenmächtigen Versuche, die soziale Frage zu lösen,
scheitern. Nur im Dienste der Ethik und Technik kann
'Politik an der Lösung der sozialen Frage mitwirken.
Bei dem heutigen Stande der Ethik und Technik wäre
das höchste, was Politik erreichen könnte, die Verall-
gemeinerung der Unfreiheit, Armut und
Zwangsarbeit. Sie könnte diese Übel nur ausglei-
chen, nicht aufheben; könnte aus Europa ein Zuchthaus
gleichberechtigter Zwangsarbeiter machen — aber kein
69
Paradies. Der Staatsbürger des sozialen Idealstaates
wäre unfreier und geplagter als der Südseeinsulaner im
Naturzustände: die Kulturgeschichte würde zur Ge-
schichte eines verhängnisvollen Betruges am Men-
schen. —
3. STAAT UND ARBEIT
Solange die Ethik zu schwach ist, um den Menschen
vor seinen Mitmenschen zu schützen, und die Technik
zu unentwickelt, um deren Arbeitslast auf die Natur-
kräfte zu überwälzen, — sucht die Menschheit die Schä-
den der Übervölkerung durch den Staat abzuwehren,
die Gefahren des Klimas durch die Arbeit.
Der Staat schützt den Menschen vor der
Willkür der Mitmenschen — die Arbeit vor
der Willkür der Naturgewalten.
Der organisierte Zwangsstaat gewährt unter
gewissen Bedingungen dem Menschen, der auf seine
Freiheit verzichtet, den Schutz der Person und des
Eigentums gegen die Mord- und Raubgelüste seiner Mit-
menschen —
die organisierte Zwangsarbeit gewährt in
nördlichen Gegenden dem Menschen, der auf seine Zeit
und Arbeitskraft verzichtet, Schutz vor dem Verhungern
und Erfrieren. —
Diese beiden Institutionen begnadigen den Europäer,
der von Natur aus als überzählig dem Tode verfallen
wäre, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit; um sein Leben
zu fristen, muß er seine Freiheit hingeben. Als Staats-
bürger ist er eingesperrt in den engen Käfig seiner
Rechte und Pflichten — als Zwangsarbeiter ist er ein-
gespannt in das harte Joch seiner Arbeitsleistung. Lehnt
70
er sich gegen den Staat auf — so droht ihm der Galgen;
lehnt er sich gegen die Arbeit auf — so droht ihm der
Hungertod. —
4. ANARCHIE UND MUSSE
Staat und Arbeit geben beide vor, Ideale zu sein; sie
verlangen von ihren Opfern Ehrfurcht und Liebe. Sie
sind aber keine Ideale: sie sind schwer zu ertragende
soziale und klimatische Notwendigkeiten.
Seit es Staaten gibt, träumt die Sehnsucht des Men-
schen von Anarchie, vom idealen Zustande der Staats-
losigkeit — seit es Arbeit gibt, träumt die Sehnsucht des
Menschen von M u ß e, vom Idealzustand der freien
Zeit.
Anarchie und Muße sind Ideale — nicht
Staat und Arbeit.
Anarchie ist in einer dichtbevölkerten Gesellschaft,
die nicht auf hoher ethischer Stufe steht, undurch-
führbar. Ihre Verwirklichung müßte den letzten Rest
an Freiheit und Lebensmöglichkeit, den der Staat seinen
Bürgern reserviert, vernichten. In der allgemeinen Panik
kollidierender Egoismen würden die Menschen einander
erdrücken. Statt zur Freiheit müßte Anarchie zur ärgsten
Unfreiheit führen.
Bei allgemeiner Muße müßten in einem nördlichen
Weltteil innerhalb Monate die Mehrzahl der Menschen
verhungern oder erfrieren. Not und Elend würden ihren
Gipfel erreichen. —
Einsiedler-Anarchien herrschen in Wüsten und Schnee-
feldern unter Eskimos und Beduinen; Muße herrscht
in dünnbevölkerten und fruchtbaren Südländern. —
71
5. ÜBERWINDUNG VON STAAT UND
ARBEIT
Zwangsstaat und Zwangsarbeit, die bei-
denBeschiitzer und Zwingherrn des Kultur-
menschen, können durch keine politische
Revolution beseitigt werden; nur durch
Ethik und Technik.
Bevor nicht Ethik den Zwangsstaat überwunden hat,
bedeutet Anarchie allgemeinen Mord und Raub — bevor
nicht Technik die Zwangsarbeit überwunden hat, be-
deutet Muße allgemeinen Hunger- und Kältetod.
Nur durch Ethik kann sich der Bewohner übervöl-
kerter Länder aus der Tyrannei der Gesellschaft erlösen,
nur durch Technik kann sich der Bewohner kälterer
Zonen aus der Tyrannei der Naturgewalten erlösen.
Die Mission desStaates ist, durch Förderung der
Ethik sich selbst überflüssig zu machen und schließlich
zur Anarchie zu führen — die Mission der Arbeit
ist, durch Förderung der Technik sich selbst überflüssig
zu machen und schließlich zur Muße zu führen.
Nicht die freiwillige Menschengemeinschaft ist Fluch
— sondern nur der Zwangsstaat; nicht die freiwillige
Arbeit ist Fluch — sondern nur die Zwangsarbeit.
Nicht Zügellosigkeit ist Ideal - — sondern Freiheit:
nicht Müßiggang ist Ideal — sondern Muße.
Zwangsstaat und Zwangsarbeit sind
Dinge, die überwunden werden müssen:
aber sie können nicht überwunden werden durch Anar-
chie und Muße, bevor nicht Ethik und Technik ausge-
reift sind; um dahin zu gelangen, muß der Mensch den
Zwangsstaat ausbauen, um die Ethik zu fördern — die
Zwangsarbeit ausbauen, um die Technik zu fördern.
72
Der Weg zur ethischen Anarchie führt
über Staatszwang — der Weg zur techni-
schen Muße führt über Arbeitszwang.
Die Kurve der Kulturspirale, die aus dem Paradiese
der Vergangenheit in das Paradies der Zukunft führt,
nimmt folgenden Doppellauf:
N aturanarchie — Übervölkerung —
Zwangsstaat — Ethik — Kulturanarchie;
Naturmuße — Nordwanderung — Zwangs-
arbeit — Technik — Kulturmuße.
Wir befinden uns heute in der Mitte dieser Kurven,
von beiden Paradiesen weit entfernt: daher unser Elend.
Der moderne Durchschnittseuropäer ist nicht mehr
Naturmensch — aber noch nicht Kulturmensch; nicht
mehr Tier — aber noch nicht Mensch; nicht mehr Teil
der Natur — aber noch nicht Herr der Natur. —
6. ETHIK UND TECHNIK
EthikundTechniksindSch western: Ethik
beherrscht die Naturkräfte in uns, Technik beherrscht
die Naturkräfte u m uns. Beide suchen die Na-
tur zu bezwingen durch gestaltenden Geist.
Ethik sucht durch heroische Verneinung den Men-
schen zu erlösen: durch Resignation — Technik
durch heroische Bejahung: durch Tat.
Ethik kehrt den Machtwillen des Geistes nach innen:
sie will den Mikrokosmos erobern. —
Technik kehrt den Machtwillen des Geistes nach
außen: sie will den Makrokosmos erobern.
Weder Ethik noch Technik allein kann den nordi-
schen Menschen erlösen: denn eine darbende und frie-
rende Menschheit kann durch Ethik weder gesättigt
73
noch erwärmt werden — eine böse und begehrliche
Menschheit durch Technik weder vor sich selbst ge-
schützt noch befriedigt werden.
Was nützt den Menschen alle Sittlichkeit, wenn sie
dabei verhungern und erfrieren? Und was nützt den
Menschen aller technische Fortschritt, wenn sie ihn da-
zu mißbrauchen, einander zu schlachten und zu verstüm-
meln?
Kultur-Asien leidet mehr an Übervölkerung als
an Frost: es konnte daher leichter auf Technik verzich-
ten und sich seiner ethischen Entwicklung hingeben als
Europa, wo Ethik und Technik einander ergänzen
müssen. —
74
III. ASIEN UND EUROPA
1. ASIEN UND EUROPA
Asiens Größe liegt in seiner Ethik —
Europas Größe in seiner Technik.
Asien ist der Lehrmeister der Welt in der Selbst-
beherrschung. —
E u r o p a ist der Lehrmeister der Welt in der Natur-
beherrschung.
In Asien lag der Schwerpunkt der sozialen Frage in
Übervölkerung — in Europa im Klima.
Asien mußte vor allem versuchen, ein friedliches Zu-
sammenleben zwischen einer Überzahl von Menschen zu
ermöglichen: das konnte es nur durch Erziehung des
Menschen zur Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung,
durch Ethik.
Europa mußte vor allem versuchen, die Schrecken
des Hungers und der Kälte zu bannen, die seine Bewoh-
ner ständig bedrohten: das konnte es nur durch Arbeit
und Erfindung, durch Technik. —
Es gibt zwei Grundwerte des Lebens: Harmonie
undEnergie; auf sie sind alle übrigen Werte zuriick-
zuführen.
Asiens Größe und Schönheit beruht auf
Harmonie.
75
Europas Größe und Schönheit beruht auf
Energie;
Asien lebt im Raume: sein Geist ist beschaulich,
in sich gekehrt, ruhig und geschlossen; es ist weiblich,
pflanzenhaft, statisch, apollinisch, klassisch, idyllisch — -
Europa lebt in der Zeit: sein Geist ist tätig,
nach außen gerichtet, bewegt und zielstrebig; es ist
männlich, tierhaft, dynamisch, dionysisch, romantisch,
heroisch.
Asiens Symbol ist das allumfassende Meer, der
Kreis —
Europas Symbol ist der vorwärtsstrebende
Strom, die Gerade.
Hier enthüllt sich der tiefste Sinn des kosmischen
Svmboles Alpha und Omega. In der Zeichensprache
vermittelt es uns jene mystische, immer wiederkehrende
P o 1 a r i tä t von Kraft und Form, von Zeit und
Raum, von Mensch und Kosmos, die sich hinter der
Seele Europas und Asiens verbirgt:
das große Omega, der Kreis, dessen weites Tor
dem Kosmos zu offensteht — ist ein Sinnbild der gött-
lichen Harmonie Asiens;
das große Alpha, ein nach oben weisender spitzer
Winkel, der das Omega durchstößt — ist ein Sinnbild
der menschlichen Aktivität und Zielstrebigkeit
Europas, die mit der ewigen Ruhe Asiens bricht. A
und S sind auch im Freud’schen Sinne unverkennbare
Symbole des männlichen und des weiblichen Geschlech-
tes: die Vereinigung dieser Zeichen bedeutet Zeugung
und Leben und offenbart den ewigen Dualismus der
Welt. Die gleiche Symbolik liegt wahrscheinlich auch
den Ziffern 1 und 0 zugrunde: das endliche Eins als
Protest gegen die unendliche Null — Ja gegen Nein. —
76
2. KULTUR UND KLIMA
Die Seele Asiens und Europas ist hervor-
gegangen aus dem asiatischen und europäi-
schen Klima.
Asiens Kulturzentren liegen in warmen — Europas
Kulturzentren in kalten Gegenden. Das ergab ihre
gegensätzliche Einstellung zur Natur: während sich der
Südländer als Kind und Freund seiner freigebig spen-
denden Natur fühlen darf — ist der Nordländer gezwun-
gen, in hartem Kampfe alles, was er zum Leben braucht,
einem geizigen Boden abzuringen; so steht er vor der
Wahl: entweder Herr oder Knecht der Natur zu werden
— auf jeden Fall aber ihr Gegner.
Im Süden war die Auseinandersetzung zwischen
Mensch und Natur friedlich-harmonisch — im Norden
war sie kriegerisch-heroisch.
Europas Dynamik erklärt sich dadurch, daß es
das nördliche Kulturzentrum der Erde ist.
Seit zehntausenden von Jahren stellen Kälte und Karg-
heit des Bodens den Europäer vor die Wahl: „Arbeite
oder stirb!“ Wer nicht arbeiten wollte oder konnte,
mußte verhungern oder erfrieren. Durch viele Geschlech-
ter rottete der nordische Winter systematisch die schwa-
chen, passiven, trägen und beschaulichen Europäer aus
und züchtete so einen harten, tätigen, heroischen
Menschenschlag.
Seit prähistorischer Zeit ringt die weiße, länger noch
die blonde Menschheit mit dem Winter, der sie ge-
bleicht, zugleich aber gestählt hat. Dieser vorzeitlichen
Abhärtung hat es der Europäer zu verdanken, daß er
seine Gesundheit und Tatkraft durch all seine Kultur-
sünden hindurch bis heute bewahrt hat.
77
Der weiße Mensch ist ein Sohn des Win-
ters, der Sonnenferne: um die Kälte zu überwinden,
mußte er Muskeln und Geist zu Höchstleistungen an-
spannen und selber neue Sonnen schaffen; mußte die
ewig feindliche Natur überwinden, umschaffen, unter-
werfen.
Unter diesem Zwang, zwischen Tat und Tod zu wäh-
len, entstand am Nordrande jeder Kultur ihr stärkster,
heroischster Typus: in Europa der Germane (Nor[d]-
manne), in Asien der Japaner, in Amerika der
Azteke. —
Die Hitze zwingt den Menschen, seine Aktivität auf
ein Minimum zu beschränken — die Kälte zwingt ihn,
seine Aktivität auf ein Maximum zu steigern.
Stets hat der aktive, heroische Mensch des Nordens
den passiven, harmonischen Süden besiegt und erobert:
dafür hat dann der kultiviertere Süden den barbari-
schen Nordmenschen assimiliert und zivilisiert — bis
er schließlich selbst durch einen neuen Norden erobert,
barbarisiert und regeneriert wurde.
Die meisten kriegerischen Eroberungen in
der Geschichte gehen von Nordvölkern aus und richten
sich gegen den Süden — die meisten geistig-reli-
giösen Störungen gehen von den Südvölkern aus
und wenden sich gegen Norden.
Europa ist religiös von Juden, — - militärisch von Ger-
manen erobert worden: in Asien siegten die Religionen
Indiens und Arabiens: — während dessen politische
Vormacht Japan ist.
Die aktiven Völker wärmerer Zonen (Araber. Türken,
Tartaren, Mongolen) stammen aus Wüsten oder Steppen:
hier war an Stelle des nordischen Winters die Dürre des
Bodens ihr Zuchtmeister: aber auch hier vollzog sich
78
zwangsläufig der Sieg des heroischen Men-
schen über den idyllischen, des aktiven
über den passiven, des hungrigen über den
satten. —
3. DIE DREI RELIGIONEN
Indiens Hitze, die jede Tätigkeit lähmt, schuf
dessen beschauliche Mentalität;
Europas Kälte, die zur Tätigkeit zwingt, schuf
dessen aktive Mentalität;
Chinas mittlere Temperatur, die einen har-
monischen Wechsel von Tätigkeit und Reschaulichkeit
verlangt, schuf dessen harmonische Mentali-
tät.
Diese drei T emperaturen haben drei religiöse
Grundtypen gezeugt: den beschaulichen, he-
roischen und harmonischen Typus.
Die heroische Religion und Ethik des Nordens
kommt zum Ausdruck in der Edda sowie in der Welt-
anschauung des europäischen und japanischen Ritter-
tums, und erlebt ihre Auferstehung in der Lehre Nietz-
sches. Ihre höchsten Tugenden sind Tapferkeit und Tat-
kraft. ihr Ideal ist der Kampf und der Held: Siegfried.
Die b e s c h a u 1 i c h e Religion und Ethik des Sü-
dens findet ihre Vollendung im Buddhismus. Ihre höch-
sten Tugenden sind Entsagung und Milde, ihr Ideal ist
der Friede und der Heilige: Buddha.
Die harmonische Religion und Ethik der Mitte
entfaltete sich im Westen in Hellas, im Osten in China.
Sie fordert weder die Askese des Kampfes noch der Ent-
sagung. Sie ist optimistisch und diesseitig; ihr Ideal ist
der edle Mensch: der Weise Konfuzius, der Künstler
79
Apollon. Das griechische Ideal des apollinischen Men-
schen steht in der Mitte zwischen dem germanischen
Helden Siegfried und dem indischen Heiligen Buddha. —
Alle religiösen und ethischen Gebilde sind Kombina-
tionen aus diesen drei Grundtypen. Jede Religion, die
sich ausbreitet, muß sich diesen klimatischen Forderun-
gen anpassen. So nähert sich das orientalische Christen-
tum der Südreligion, das katholische der Mittelreligion,
das protestantische der Nordreligion. Das gleiche gilt
vom Buddhismus in Ceylon, China und Japan. —
Das Christentum hat unserer Kultur die asiati-
schen Werte des Südens übermittelt;
die Renaissance hat uns die antiken Werte
der Mitte übermittelt;
das Rittertum hat uns die germanischen
Werte des Nordens übermittelt. —
4. HARMONIE UND KR A F T
Europas Kultunverte sind gemischt — sein Geist vor-
wiegend nordisch.
An Güte und Weisheit ist der Orientale dem Europäer
überlegen — an Tatkraft und Klugheit steht er ihm
nach.
Die europäische Ehre ist ein heroischer Wert — die
orientalische Würde ein harmonischer.
Dauernder Kampf härtet, dauernder Friede mildert
das Herz. Darum ist der Orientale milder und sanfter
als der Europäer. Dazu kommt, daß die soziale Vergan-
genheit der Inder, Chinesen, Japaner und Juden um ein
vielfaches älter ist als die der Germanen, die noch vor
2000 Jahren in Anarchie lebten: so konnten die Asiaten
ihre sozialen Tugenden besser und länger entwickeln als
die Europäer.
80
Der Güte des Herzens entspricht die Weisheit des
Geistes. Weisheit beruht auf Harmonie — Klugheit
auf Schärfe des Geistes.
Auch Weisheit ist eine Frucht des reiferen Südens,
die im Norden selten ist. Selbst die Philosophen Europas
sind selten weise, seine Ethiker selten gütig. Noch die
antike Kultur war reicher an weisen Männern, deren
Gesamtpersönlichkeit den Stempel geklärter Geistigkeit
trug — während dieser Typus im modernen Europa
(unter Christen) beinahe ausgestorben ist. Auch das
hängt mit der kulturellen Jugend der Germanen zu-
sammen und mit der Leidenschaftlichkeit des europäi-
schen Geistes. Dazu kommt, daß im christlichen Mittel-
alter die Klöster mitten in einer kriegerischen und tätigen
Welt die einzigen Asyle waren für beschauliche Weis-
heit: dorthin zogen sich die Weisen zurück und starben,
als Opfer des Keuschheitsgelübdes, aus.
Die europäischen Christusbilder blicken ernst und
traurig — während die Buddhastatuen lächeln. Die
Denker Europas sind tiefernst — während die Weisen
Asiens lächeln: denn sie leben in Harmonie mit sich, der
Gesellschaft und der Natur, nicht im Kampfe; beginnen
jede Reform an sich, statt an anderen und wirken so
mehr durch ihr Beispiel als durch Bücher. Jenseits des
Denkens finden sie ihre Kindlichkeit wieder — während
Europas Denker früh vergreisen.
Und dennoch ist Europa auf seine Art ebenso groß
wie Asien: aber seine Größe liegt weder in der Güte noch
in der Weisheit — sondern in der Tatkraft und im
Erfindergeist.
Europa ist der Held der Erde; auf jeder
Kampffront der Menschheit steht es an der Spitze der
Völker: in Jagd, Krieg und Technik hat der Euro-
6 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus.
81
päer mehr geleistet als irgendein historisches Kulturvolk
vor oder neben ihm. Er hat fast alle gefährlichen liere
in seinen Ländern ausgerottet; hat fast alle dunkel-
farbigen Völker besiegt und unterworfen, und schließ-
lich durch Erfindung und Arbeit, durch Wissenschaft
und Technik eine solche Macht über die Natur errungen,
wie nie und nirgends zuvor für möglich gehalten wurde.
Asiens W e 1 1 m i s s i o n ist die Erlösung der
Menschheit durch Ethik — EuropasWeltmission
ist die Befreiung der Menschheit durch Technik.
Europas Symbol ist nicht der Weise, nicht der Heilige,
nicht der Märtyrer — sondern der Held, der Kämpfer,
Sieger und Befreier. —
82
IV. EUROPAS TECHNISCHE WELT-
MISSION
1. DER EUROPÄISCHE GEIST
Mit der Neuzeit beginnt die große Kulturmission
Europas.
Das Wesen Europas ist der Wille, die Welt durch
Taten zu verändern und zu verbessern. Europa
strebt bewußt aus der Gegenwart in die Zukunft; es be-
findet sich im Zustande ständiger Emanzipation, Refor-
mation, Revolution; es ist neuerungssüchtig, skeptisch,
pietätlos und ringt mit seinen Gewohnheiten und Tradi-
tionen.
In der jüdischen Mythologie entspricht der europäi-
sche Geist Luzifer — in der griechischen Prome-
theus: dem Lichtbringer, der den göttlichen Funken
zur Erde trägt, der sich auflehnt gegen die himmlisch-
asiatische Harmonie, gegen die göttliche Weltordnung,
der Fürst dieser Erde, der Vater des Kampfes, der Tech-
nik, der Aufklärung und des Fortschrittes, der Führer
des Menschen in seinem Ringen gegen die Natur.
Der Geist Europas hat den politischen Despotismus ge-
brochen, und die Gewaltherrschaft der Naturkräfte. Der
Europäer ergibt sich nicht in sein Schicksal, sondern
sucht es durch Tat und Geist zu meistern: als A k t i v i s t
und als Rationalist.
6 *
83
2. HELLAS ALS VOR-EUROPA
Hellas war der Vorläufer Europas; es emp-
fand zuerst den Wesensunterschied zwischen sich und
Asien und entdeckte seine aktivistisch-rationalistische
Seele. Sein Olymp war nicht ein Paradies des Friedens
— sondern eine Stätte des Kampfes; sein höchster Gott
war ein pietätloser Rebell. Hellas stürzte seine Könige
und Götter — und setzte an deren Stelle den Staat des
Bürgers und die Religion des Menschen.
Diese europäische Periode Griechenlands
begann mit dem Sturze der Tyrannen und schloß mit
der asiatischen Despotie Alexanders und der Diadochen;
fand eine kurze Fortsetzung im republikanischen Rom
um sich dann endgültig an das römische Kaiserreich zu
verlieren.
Alexander der Große, die hellenistischen Könige und
römischen Kaiser waren Erben der asiatischen Idee des
Großkönigtums. Das römische Kaiserreich unterschied
sich in keiner wesentlichen Hinsicht von den orienta-
lischen Despotien Chinas, Mesopotamiens, Indiens und
Persiens. —
Im Mittelalter war Europa eine geistige
Kulturprovinz Asiens. Es war beherrscht von der
asiatischen Religion Christi. Asiatisch war seine religiöse
Kultur, seine mystische Grundstimmung, seine monar-
chische Staatsform und der Dualismus von Päpsten und
Kaisern, Mönchen und Rittern.
Erst mit der Emanzipation Europas vom Christentum
— die mit Renaissance und Reformation begann,
in der Aufklärung ihre Fortsetzung und in Nietzsche
ihren Höhepunkt fand — - kam Europa wieder zu
sich und trennte sich geistig von Asien. —
84
Die europäische Kultur ist die Kultur der
Neuzeit. —
3. DIE TECHNISCHEN GRUNDLAGEN
EUROPAS
Die Welt Philipps II. bedeutet in keiner
wesentlichen Hinsicht einen Kulturfort-
schritt gegenüber der Welt Hammurabis:
weder in der Kunst, noch in der Wissenschaft, noch in
der Politik, noch in der Justiz, noch in der Verwaltung.
In den dreieinhalb Jahrhunderten, die zwischen uns
und Philipp liegen, hat sich die Welt gründlicher ge-
ändert als in den vorhergehenden dreieinhalb Jahr-
tausenden.
Es war die Technik, die Europa aus seinem asiati-
schen Dornröschenschlaf des Mittelalters weckte. Sie hat
Rittertum und Feudalismus durch die Erfindung der
Feuerwaffe — Papsttum und Aberglauben durch Er-
findung des Buchdruckes besiegt; durch Kompaß und
Schiffstechnik hat sie dem Europäer die fremden Welt-
teile erschlossen, die sie dann, mit Hilfe des Pulvers, er-
obert hat.
Der Fortschritt der modernen Wissenschaften
ist von der Entwicklung der Technik nicht zu trennen:
ohne Teleskop gäbe es keine moderne Astronomie, ohne
Mikroskop keine Bakteriologie.
Auch die moderne Kunst steht in engstem Zusam-
menhänge mit der Technik: die moderne Instrumental-
musik, die moderne Architektur, das moderne Theater
ruhen teilweise auf technischer Grundlage. Die Wirkung
der Photographie auf die Porträtmalerei wird sich eben-
falls verstärken: denn, da die Photographie in der
S5
Reproduktion der Gesichtsformen unübertrefflich ist,
wird sie die Malerei zwingen, sich auf ihr eigenstes Feld
zurückzuziehen und das Wesen, die Seele des Menschen
festzuhalten. — Eine ähnliche Wirkung wie die Photo-
graphie auf die Malerei könnte die Kinematographie auf
das Theater ausüben.
Die moderne Strategie hat sich unter dem Einfluß
der Technik gründlich geändert. Aus einer psychologi-
schen Wissenschaft ist Kriegskunst vorwiegend zu einer
technischen geworden. Die heutigen Kriegsmethoden
unterscheiden sich von den mittelalterlichen wesentlicher
als diese von der Kampfesweise der Naturvölker.
Die ganze Politik der Gegenwart steht im Zeichen
der technischen Entwicklung: Demokratie, Nationalis-
mus und Volksbildung lassen sich auf die Erfindung des
Buchdruckes zurückführen; Industrialismus und kolo-
nialer Imperialismus. Kapitalismus und Sozialismus sind
Folgeerscheinungen des technischen Fortschrittes und
der durch ihn bedingten Umstellung der Weltwirtschaft.
Wie der Ackerbau eine patriarchalische, das Handwerk
eine individualistische Mentalität schafft — so schafft
die gemeinsame, organisierte Industiearbeit die soziali-
stische Mentalität: die technische Organisation der Arbeit
spiegelt sich wieder in der sozialistischen Organisation
der Arbeiter.
Endlich hat der technische Fortschritt den Euro-
päer selbst verändert: er ist hastiger, nervöser, unbe-
ständiger, wacher, geistesgegenwärtiger, rationalistischer,
tätiger, praktischer und klüger geworden.
Streichen wir all diese Folgeerscheinungen der Tech-
nik von unserer Kultur ab, so steht das. was übrig bleibt,
in keiner Hinsicht höher als die alt-ägyptische und alt-
babvlonische Kultur — in mancher Hinsicht sogar tiefer.
86
DerTechnikalsoverdanktEuropaseinen
Vorsprung vor allen anderen Kulturen. Erst
durch sie wurde es zum Herrn und Führer der Welt.
Europa ist eine Funktion der Technik.
Amerika ist die höchste Steigerung Europas. —
4. TECHNISCHE WELTWENDE
Das technische Zeitalter Europas ist ein
weltgeschichtliches Ereignis, dessen Bedeutung mit der
Erfindung der Feuerung in der menschlichen
Urzeit zu vergleichen ist. Mit der Erfindung des Feuers
begann die Geschichte der menschlichen Kultur, begann
die Menschwerdung des Tiermenschen. Alle folgenden
geistigen und materiellen Fortschritte der Menschheit
bauen sich auf diese Entdeckung des Ur-Europäers
Prometheus auf.
Die Technik bezeichnet einen ähnlichen Wende-
punkt in der Menschheitsgeschichte wie das
Feuer, ln Zehntausenden von Jahren wird die Geschichte
eingeteilt werden in eine vor-technische und in eine
nach-technische Ep o c h e. Der Europäer, — der
bis dahin längst ausgestorben sein wird — wird von
jener künftigen Menschheit als Vater der technischen
Weltwende wie ein Erlöser gepriesen werden.
Die Wirkungsmöglichkeiten des technischen Zeit-
alters, an dessen Beginn wir stehen, sind unübersehbar.
Es schafft die materiellen Grundlagen für alle kommen-
den Kulturen, die sich durch ihre veränderte Basis
wesentlich von allen bisherigen unterscheiden werden.
Alle bisherigen Kulturen, von der altägyptischen und
chinesischen bis zu der des Mittelalters, waren einander
in ihrem Ablauf und in ihrer Entfaltung so ähnlich, weil
87
sie auf den gleichen technischen Voraussetzungen
ruhten. Von der ägyptischen Frühzeit bis zum Ausgange
des Mittelalters hat die Technik keinen wesentlichen
Fortschritt zu verzeichnen.
Die Kultur, die aus dem technischen Zeit-
alter hervorgehen wird, wird ebenso hoch
über der antiken und mittelalterlichen
stehen — wie diese über den Kulturen der
Steinzeit. —
5. EUROPA ALS KULTURTANGENTE
Europa ist kein Kulturkreis — es ist eine
Kulturtangente: die Tangente zum großen Kreis-
läufe der orientalischen Kulturen, die entstanden,
blühten und vergingen, um an anderer Stelle verjüngt
wieder aufzuerstehen.
Diesen Kulturkreislauf hat Europa gesprengt und in
dessen Bahn eine Richtung getragen, die unbekannten
Lebensformen entgegenführt.
Innerhalb der orientalischen Kulturen des Ostens und
des Westens war alles schon dagewesen: die technische
Kultur Europas aber ist etwas Niedagewesenes,
etwas wahrhaft Neues.
Europa ist ein Übergang zwischen dem in
sich geschlossenen Komplex aller bisheri-
gen historischen Kulturen und den Kultur-
formen der Zukunft.
Ein Zeitalter, das dem europäischen an Bedeutung
und Dynamik vergleichbar ist, dessen Spuren wir aber
verloren haben, muß der altbabylonischen, altchinesi-
schen und altägyptischen Kultur vorausgegangen sein.
Dieses prähistorische Vor-E uropa hat das
88
Fundament geschaffen für alle Kulturen der letzten
Jahrtausende; wie das moderne Europa war es eine
Kulturtangente, die sich losgelöst hatte vom Kreisläufe
der prähistorischen Vor-Kulturen.
Der Ablauf der großen Weltgeschichte
setzt sich zusammen aus asiatischen Kul-
turkreisläufen und europäischen Kultur-
tangenten. Ohne diese Tangenten (die nur im geisti-
gen, nicht im geographischen Sinne europäisch sind)
gäbe es nur Entfaltung, nicht Entwicklung. Nach einer
langen Periode der Reife löst sich immer wieder ein
geniales Volk aus dem Dunkel der Zeiten, sprengt den
natürlichen Kulturablauf und hebt die Menschheit auf
eine höhere Stufe.
Erfindung e n. nicht Dichtungen oder Religionen,
bezeichnen diese Jäten der Kulturentwicklung: die Er-
findung der Bronze, des Eisens, der Elektrizität. Diese
Erfindungen bilden das ewige Vermächtnis eines Zeit-
alters an alle kommenden Kulturen. Von der Antike wird
nichts übrig bleiben — während die Neuzeit die Kultur
bereichert durch die Bezwingung der Elektrizität und
anderer Naturkräfte: diese Erfindungen werden den
Faust überleben, die Göttliche Komödie und die Ilias.
Mit dem Mittelalter schloß der Kulturkreis des Eisens
— mit der Neuzeit beginnt der Kulturkreis der Maschine:
hier beginnt nicht eine neue Kultur — son-
dern ein neues Zeitalter.
Schöpfer dieses technischen Zeitalters ist das geniale
Promethiden-Volk der germanisierten Europäer. Auf
ihrem Erfindergeist beruht die moderne Kultur ebenso
wie auf der Ethik der Juden, der Kunst der Hellenen
und der Politik der Römer. —
89
6. LIONARDO UND BACON
Zu Beginn des technischen Zeitalters haben
zwei große Europäer den Sinn Europas vorausgeahnt:
Lionardo da Vinci und Baconvon Verulam.
Lionardo widmete sich technischen Aufgaben mit
der gleichen Leidenschaft wie künstlerischen. Sein Lieb-
lingsproblem war der Menschenflug, dessen Lösung un-
sere Zeit staunend miterlebt hat.
In Indien soll es Joghis geben, die durch Ethik und
Askese die Schwerkraft aufheben und in der Luft
schweben können; in Europa bezwang der Erfindergeist
von Ingenieuren und dessen Materialisation: das Flugzeug,
die Schwerkraft auf technischem Wege. Levitation
und Flugtechnik stellen symbolisch den asiatischen
und europäischen Weg zur Macht und Freiheit des Men-
schen dar. —
Bacon war der Schöpfer der kühnen technischen
Utopie „Nova Atlantis". Ihr technischer Charakter
unterscheidet sie wesentlich von allen vorhergehenden
Utopien; von Platon bis Morus.
Der Wandel des mittelalterlich-asiatischen Denkens
in ein neuzeitlich-europäisches drückt sich aus in dem
Gegensatz von Morusethisch-politi scher „Uto-
pia“ und Bacons technisch-wissenschaft-
1 i c h e r „N o v a A 1 1 a n t i s“. Morus sieht noch in sozial-
ethischen Reformen den Hebel der Weltverbesserung —
Bacon in technischen Erfindungen.
Morus war noch Christ — Bacon schon
Europäer. —
90
V. JAGD — KRIEG — ARBEIT
1. MACHT UND FREIHEIT
Der beschauliche Mensch lebt im Frieden
mit seiner Umwelt — der tätige in dauern-
dem Kriegszustände. Um sich zu erhalten, durch-
zusetzen und zu entfalten muß er ständig fremde und
feindliche Kräfte abwehren, vernichten, versklaven.
Der Lebenskampf ist ein Kampf um F r e i h e i t und
Macht. Siegen heißt: seinen Willen durchsetzen. Des-
halb ist nur der Sieger frei, nur der Sieger mächtig.
Zwischen Freiheit und Macht läßt sich keine Grenze
ziehen: der Vollgenuß der eigenen Freiheit verletzt
fremde Interessen: Macht ist die einzige Sicherung unge-
hemmter Freiheit.
Der Kampf der Menschheit um Freiheit fällt zu-
sammen mit ihrem Kampfe um Macht. In dessen Ver-
lauf hat sie den Erdball erobert und bezwungen: das
Tierreich durch Jagd und Viehzucht — das Pflan-
zenreich durch Ackerbau — das Mineralreich
durch Bergbau — die Naturkräfte durch Technik.
Aus einem unscheinbaren, schwachen I ier hat sich der
Mensch zum Herrn der Erde aufgeschwungen. —
91
2. J A G D
Die erste Phase des menschlichen Kampfes war das
Zeitalter der Jagd.
In hunderttausenden von Jahren währenden Kämpfen
hat der Mensch die Herrschaft über die Tierwelt er-
rungen. Dieser siegreiche Kampf des relativ schwachen
Menschen gegen alle ausgerotteten und noch vorhan-
denen größeren und wilderen Tierarten ist in seiner
Großartigkeit zu vergleichen mit der Eroberung der an-
tiken Welt durch das kleine latinische Dorf Rom.
Der Mensch siegte über alle Hörner und Zähne,
Pranken und Krallen seiner physisch besser gerüsteten
Rivalen einzig durch die Waffe seines überlegenen Ver-
standes, der sich im Laufe dieses Kampfes ständig ge-
schärft hat.
Die Ziele des menschlichen Kampfes gegen seine tieri-
schen Feinde waren defensiv und offensiv: Abwehr
und Versklavung.
Zuerst begnügte sich der Mensch damit, die feind-
lichen Tiere unschädlich zu machen durch Abwehr und
Vertilgung; später begann er sie zu zähmen und sich
ihrer zu bedienen. Er verwandelte Wölfe in Hunde,
Büffel in Rinder, wilde Elefanten, Kamele, Renntiere,
Esel, Pferde, Lamas, Ziegen, Schafe und Katzen in
zahme. So unterwarf er sich aus der Schar vorzeitlicher
Rivalen ein Heer von Tiersklaven, ein Arsenal von leben-
den Maschinen, die in seinen Diensten arbeiteten und
kämpften, seine Freiheit mehrten und seine Macht. —
3. KRIEG
Um die errungene Macht zu behaupten und zu
mehren, ging der Mensch dazu über, seine Mitmenschen
92
mit den gleichen Methoden zu bekämpfen wie die Tier-
welt. Das Zeitalter der Jagd wandelte sich in ein Zeit-
alter des Krieges. Der Mensch rang mit dem Men-
schen um die Verteilung der von der Tierwelt eroberten
Erde. Der Stärkere wehrte den Schwächeren ab, ver-
tilgte oder versklavte ihn: Krieg war eine Spezial-
form der Jagd, Sklaverei eine Spezialform
der Tierhaltung. Im Kampfe um Macht und Frei-
heit siegte der stärkere, kühnere und klügere Mensch
über den schwächeren, feigeren, dümmeren. Auch der
Krieg schärfte den Menschengeist, stählte die Menschen-
kraft. —
4. ARBEIT
Auf die Dauer konnten weder Jagd noch Krieg allein
den Menschen ernähren: er mußte wieder einen Front-
wechsel vornehmen, und den Kampf aufnehmen gegen
die leblose Natur. Das ZeitalterderArbeit begann.
Noch brachten Kriege und Jagdabenteuer Ruhm und
Sensationen — aber der Schwerpunkt des Lebens ver-
schob sich nach der Arbeit. w T eil nur sie ihm die Nah-
rung brachte, deren es zu seiner Erhaltung bedurfte.
Die Arbeit war eine Spezialform des
Krieges — die Technik eine Spezial form
der Sklaverei: statt Menschen wurden Naturkräfte
besiegt und versklavt.
Durch Arbeit bekämpfte der Mensch den Hunger: er
unterwarf sich den Boden und die Feldfrüchte und ern-
tete ihren Ertrag. Durch Arbeit bekämpfte der Mensch
die Winterkälte: er baute Häuser, wob Stoffe, fällte
Holz. So schützte er sich durch Arbeit vor den feindlichen
Naturgewalten. —
95
5. DER KRIEG ALS ANACHRONISMUS
Jagd, Krieg, Arbeit gingen so vielfach in einander
über, daß es unmöglich ist, sie chronologisch von ein-
ander zu trennen. Früher lief das Zeitalter der Jagd
durch Jahrtausende parallel mit dem des Krieges — wie
heute das Zeitalter des Krieges parallel läuft mit dem
der Arbeit; aber der Schwerpunkt der Kampffront ver-
schob und verschiebt sich beständig. Während ursprüng-
lich die Jagd im Mittelpunkte menschlicher Tätigkeit
stand, trat in der Folge der Krieg an ihre Stelle und zu-
letzt die Arbeit.
Der Krieg, der einst für den Kulturfortschritt wesent-
lich und notwendig war, hat diese Bedeutung verloren
und ist zu einem gefährlichen Kulturschädling ge-
worden. Heute bezeichnen nicht Kriege die Etappen des
Fortschrittes — sondern Erfindungen.
Die Entscheid ungs kämpfe der Mensch-
heit um Freiheit und Macht spielen sich
heute an der Front der Arbeit ab.
In einer Zeit, da der Weltkrieg nur mehr
Historiker interessieren wird, wird unsere
1 Jahrhundertwende ruhmvoll dastehen als
Geburtsstunde des Menschenfluges.
Wie im Zeitalter des Krieges sich die Jagd als Ana-
chronismus erhielt - — so erhält sich im Zeitalter der
Arbeit der Krieg als Anachronismus. Aber in
dieser Epoche ist jeder Krieg Bürgerkrieg, weil
er sich gegen Mitkämpfer richtet und die gemeinsame
Arbeitsfront verwirrt.
,, Im Zeitalter der Arbeit ist die Verherrlichung des
| Krieges ebenso unzeitgemäß, wie in der Kriegsepoche
f die Verherrlichung der Jagd. Ursprünglich war der
•S
94
Drachen- und Löwentöter der Held; dann war es der
Feldherr; schließlich ist es der Erfinder.
L a v o i s i e r hat für die menschliche Entwicklung
mehr geleistet, als Robespierre und Bonaparte zu-
sammen.
Wie in der Jagdepoche der Jäger herrschte, in der
Kriegsepoche der Krieger — - so wird im Zeitalter der
Arbeit der Arbeiter herrschen. —
6. T ECHNIK
Das Zeitalter der Arbeit zerfällt in das des Acker-
baues und der Technik.
Als Ackerbauer ist der Mensch der Natur gegenüber
vorwiegend defensiv — als Techniker offensiv.
Die Methoden der Arbeit entsprechen denen des Krie-
ges und der Jagd: Abwehr und Versklavung. Die
Epoche des Ackerbaues beschränkt sich darauf, Hunger
und Kälte abzuwehren — während die Technik dazu
übergeht, die ehemals feindlichen Naturkräfte zu ver-
sklaven. Der Mensch herrscht heute über Dampf und
Elektrizität und über ein Sklavenheer von Maschinen.
Mit ihnen wehrt er sich nicht nur gegen Hunger und
Kälte. Naturkatastrophen und Krankheiten — sondern
unternimmt es sogar, gegen die Schranken von Raum,
Zeit und Schwerkraft anzugehen. Sein Kampf um Frei-
heit von den Naturkräften geht über in ein
Ringen um Macht über die Naturkräfte. —
t Technik ist praktische Anwendung der Wissen-
i schaft zur Beherrschung der Natur; zur Technik im
weiteren Sinne gehört auch Chemie als Atom-Technik
und Medizin als organische Technik.
Technik vergeistigt die Arbeit: dadurch
95
mindert sie die Arbeitslast und steigert sie den Arbeits-
ertrag.
Technik beruht auf heroischer, aktivisti-
scher Einstellung zur Natur; sie will sich nicht
dem Willen der Naturkräfte fügen, sondern ihn beherr-
schen. Der Wille zur Macht ist die Triebfeder
des technischen Fortschrittes. In den Natur-
kräften sieht der Techniker Zwingherrn, die zu stürzen,
Gegner, die zu besiegen, Bestien, die zu zähmen sind. —
Die Technik ist ein Kind des europäischen
Geistes. —
96
VI. DER FELDZUG DER TECHNIK
1. EUROPAS MASSENELEND
Durch die Bevölkerungzunahme wird die Lage des
Europäers immer verzweifelter; trotz aller bisherigen
Fortschritte der Technik befindet er sich noch in einem
recht erbärmlichen Zustande. Die Gespenster des Hun-
gers und des Erfrierens hat er zurückgedrängt — aber
um den Preis seiner Freiheit und seiner Muße.
Die furchtbare Zwangsarbeit beginnt für den Europäer
im siebenten Lebensjahr mit dem Schulzwange und endet
gewöhnlich erst mit dem Tode. Seine Kindheit wird ver-
giftet durch die Vorbereitung zum Lebenskämpfe, der
in den folgenden Jahrzehnten seine ganze Zeit und Per-
sönlichkeit. seine Lebenskraft und Lebensfreude ver-
schlingt. Auf Muße steht Todesstrafe; der vermögens-
lose Durchschnittseuropäer steht vor der Wahl: ent-
weder bis zur Erschöpfung zu arbeiten oder samt seinen
Kindern zu verhungern. Die Hungerpeitsche treibt ihn
an, trotz Erschöpfung, Ekel und Erbitterung weiterzu-
arbeiten.
Die europäischen Völker haben zwei politische Ver-
suche unternommen, diesen erbärmlichen Zustand zu
verbessern: Kolonialpolitik und Sozial is-
m u s. —
Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus.
97
2. KOLONIALPOLITIK
Die erste Form der Kolonialpolitik besteht
in der Eroberung und Besiedelung dünnbevölkerter
Erdstriche durch Nationen, die an Übervölkerung leiden.
Die Auswanderung ist tatsächlich imstande, Län-
der vor Übervölkerung zu retten und Menschen, denen
das europäische Gedränge unerträglich wird, ein freies
und menschenwürdiges Dasein zu sichern. Die Auswan-
derung bietet noch vielen Menschenmillionen einen Aus-
weg aus der europäischen Hölle und sollte daher auf
jede Weise gefördert werden. —
Die zweite Form der Kolonialpolitik be-
ruht auf Ausbeutung wärmerer Erdstriche
und farbiger Völker. Menschen südlicher Rassen
werden durch europäische Kanonen und Gewehre aus
ihrer goldenen Muße aufgescheucht und gezwungen, im
Dienste Europas zu arbeiten. Der ärmere aber stärkere
Norden plündert systematisch den reicheren aber schwä-
cheren Süden; er raubt ihm Reichtum, Freiheit und
Muße und verwendet diesen Raub zur Mehrung des
eigenen Reichtums, der eigenen Freiheit und der eigenen
Muße.
Diesem Hilfsmittel des Raubes, der Ausbeutung und
der Sklaverei haben einige europäische Völker einen Teil
ihres Wohlstandes zu verdanken, der sie in die Lage ver-
setzt, das Los ihrer einheimischen Arbeiter zu ver-
bessern. —
Auf die Dauer muß dieses Hilfsmittel versagen: denn
seine unausbleibliche Folge ist ein ungeheurer
Sklavenaufstand, der die Europäer aus den
farbigen Kolonien wegfegen und damit Europas tropi-
sche Kulturbasis stürzen wird. —
98
Auch die Auswanderung ist nur ein provisori-
sches Hilfsmittel: heute schon sind einige Kolo-
nien ebenso dichtgedrängt wie ihre Mutterländer und
nähren das gleiche Elend. Die Zeit muß kommen, da
es keine menschenleeren Gebiete auf Erden mehr geben
wird.
Bis dahin müssen neue Mittel gefunden werden, um
dem europäischen Verhängnis entgegenzutreten. —
3. SOZIALPOLITIK
Den zweiten Versuch, das europäische Massenelend
zu lindern, unternimmt der Sozialismus.
Der Sozialismus will die europäische Hölle bannen
durch gleichmäßige Verteilung der Arbeitslast und des
Arbeitsertrages.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich das Los der
europäischen Massen durch vernünftige Reformen
wesentlich verbessern ließe. Wenn aber der soziale Fort-
schritt nicht getragen wird durch einen Aufschwung
der Technik, kann er das soziale Elend nur lindern,
nicht beheben.
Denn die Arbeitslast, die zur Fütterung und Wärmung
der vielzuvielen Europäer nötig ist, ist groß; der Arbeits-
ertrag, den das rauhe und nicht genügend fruchtbare
Europa auch bei intensivster Ausnützung abwirft, rela-
tiv klein, so daß auch bei gerechtester Verteilung auf
jeden Europäer sehr viel Arbeit und sehr wenig Lohn
fiele. Beim heutigen Stande der Technik würde sich das
Leben in einem sozialistischen Europa in die Doppel-
tätigkeit auflösen: arbeiten um zu essen und
essen um zu arbeiten. Das Gleichheitsideal wäre
erreicht: aber von Freiheit, Muße und Kultur wäre
-• 99
Europa ferner denn je. Um die Menschen zu befreien,
ist Europa einerseits zu barbarisch, andererseits zu arm.
Das Vermögen der wenigen Reichen, auf alle verteilt,
würde spurlos verschwinden: die Armut wäre nicht ab-
geschafft, sondern verallgemeinert.
Der Sozialismus ist allein nicht im-
stande, Europa aus seiner Unfreiheit und
seinem Elend zu Freiheit und Wohlstand
zu führen. Weder Stimmzettel noch Aktien könnten
den Kohlenarbeiter dafür entschädigen, daß er sein
Leben in Höhlen und Schächten verbringen muß. Die
meisten Sklaven orientalischer Despoten sind freier als
dieser freie Arbeiter eines sozialisierten Werkes.
Der Sozialismus verkennt das europäische Problem,
wenn er in der ungerechten Verteilung das
Grundübel der europäischen Wirtschaft sieht, statt in
der ungenügenden Produktion. Die Wurzel
des europäischen Elends liegt in der Notwendigkeit der
Zwangsarbeit — nicht in der Ungerechtigkeit ihrer
Verteilung. Der Sozialismus irrt, wenn er im Kapitalis-
mus die letzte Ursache der furchtbaren Zwangsarbeit
sieht, unter der Europa stöhnt; denn in Wahrheit
fließt nur ein sehr geringer Teil der europäischen
Arbeitsleistung den Kapitalisten und ihrem Luxus zu:
der allergrößte Teil dieser Arbeit dient dazu, einen
unfruchtbaren Weltteil in einen frucht-
baren zu verwandeln, einen kalten in einen
warmen und auf ihm eine Menschen zahl
zu erhalten, die er auf natürlichem Wege
nicht ernähren könnte.
Der Winter und die Übervölkerung Europas sind
härtere und grausamere Despoten, als sämtliche Kapi-
talisten: aber nicht die Politiker führen die europäische
100
Revolution gegen diese unbarmherzigen Zwingherrn
sondern die Erfinder. —
4. TECHNISCHE WELTREVOLUTION
Der koloniale Imperialismus ebenso
wie der Sozialismus sind Palliative, nicht
Heilmittel der europäischen Krankheit;
sie können die Not lindern, nicht bannen; die Katastro-
phe aufschieben, nicht verhüten. Europa wird sich ent-
scheiden müssen, entweder seine Bevölkerung zu dezi-
mieren und Selbstmord zu begehen — oder durch groß-
zügige Steigerung der Produktion und \ ervollkomm-
nung der Technik zu genesen. Denn nur dieser Weg
kann die Europäer zu Wohlstand. Muße und Kultur
führen, während die sozialen und kolonialen Rettungs-
wege schließlich in Sackgassen münden.
Europa muß sich darüber klar sein, daß der tech-
nische Fortschritt ein Befreiungskrieg
allergrößten Stiles ist gegen den härtesten, grau-
samsten und unbarmherzigsten Tyrannen: die nordische
Natur. . .......
Von dem Ausgange dieser technischen Welt-
revolution hängt es ab. ob die Menschheit die sich
einmal in Äonen bietende Gelegenheit: Herrin über die
Natur zu werden — nützt, oder ob sie diese Gelegen-
heit. vielleicht für immer, ungenützt vorüber gehen
läßt. — ^
Vor hundert Jahren etwa eröffnete Europa die
Offensive gegen die übermächtige Natur,
gegen die es sich bis dahin nur verteidigt hatte. Es be-
gnügte sich nicht mehr damit, von der Gnade der
Nat Urgewalten zu leben: sondern es begann, seine Feinde
zu versklaven.
101
Die Technik hat begonnen, das Sklavenheer der Haus-
tiere zu ergänzen und das Sklavenheer der Schwer-
arbeiter zu ersetzen durch Maschinen, die betrieben
werden von Naturkräften. —
5. DIE ARMEE DER TECHNIK
Europa (und mit ihm Amerika) hat zu diesem
größten und folgenschwersten aller Kriege den Erdball
mobilisiert.
Die Fronttruppen des weltumspannenden Arbeits-
heeres, das gegen die Willkür der Naturkräfte kämpft,
sind die Industriearbeiter; ihre Offiziere Inge-
nieure, Unternehmer, Direktoren, ihren Ge-
neralstab bilden die Erfinder, ihren Train Rauern
und Landarbeiter, ihre Artillerie die Maschinen,
ihre Schützengräben R erg werke, ihre Forts Fa-
hr i k e n.
Mit dieser Armee, deren Reserven er allen Weltteilen
entnimmt, hofft der weiße Mensch die Tyrannis der
Natur zu brechen, ihre Kräfte dem Menschengeiste zu
unterwerfen und so den Menschen endgültig zu be-
freien. —
6. DER ELEKTRISCHE SIEG
Die technische Armee hat ihren ersten entscheidenden
Sieg davongetragen über einen der ältesten Wider-
sacher des Menschengeschlechtes: den Blitz.
Seit jeher hat der elektrische Funke als Blitz den
Menschen bedroht, verwundet, getötet; hat seine Häuser
verbrannt und sein Vieh erschlagen. Diesem tückischen
Feinde, der ihm nie in irgend einer Weise half, war der
Mensch durch hunderttausende von Jahren preisge-
geben: bis Benjamin Franklin durch Erfindung
102
des Blitzableiters seine Schreckensherrschaft über
den Menschen brach.
Der elektrische Funke als Geißel der Menschheit war
damit abgewehrt. Aber der weiße Mensch begnügte
sich nicht mit diesem Abwehrsiege: er ging zur
Offensive über und erreichte es, in einem Jahr-
hundert diesen Feind in einen Sklaven, dieses gefähr-
lichste Raubtier in sein nützlichstes Haustier zu ver-
wandeln.
Heute beleuchtet der elektrische Funke, der einst un-
sere Vorväter mit Entsetzen erfüllt hat, unsere Zimmer,
kocht unseren Tee, bügelt unsere Wäsche, heizt unsere
Zimmer, läutet unsere Glocken, befördert unsere Briefe
(Telegramme), zieht Bahnen und Wagen, treibt Ma-
schinen — ist also, mit einem Worte, unser Bote, Brief-
träger, Dienstmann, Koch, Heizer, Beleuchter, Arbeiter,
Lastträger und sogar unser Henker geworden. Was heute
der elektrische Funke in Europa und Amerika im
Dienste des Menschen leistet, wäre selbst durch Ver-
doppelung der menschlichen Arbeitszeit nicht entfernt
zu ersetzen.
So wie diese ehemals feindliche Naturkraft nicht nur
zurückgeschlagen wurde, sondern sich in den unent-
behrlichsten und nützlichsten Diener des Menschen ver-
wandelt hat — so werden dereinst auch die Fluten des
Meeres und die Gluten der Sonne, Stürme und Über-
schwemmungen aus Feinden zu Sklaven des Menschen
werden. Aus Giften werden Heilmittel, aus tödlichen
Bazillen Schutzimpfungen. Wie der Mensch der Urzeit
wilde Tiere gezähmt und unterworfen hat — so zähmt
und unterwirft der Mensch der Neuzeit wilde Natur-
kräfte.
Durch solche Siege wird sich der nordische Mensch
103
einst Freiheit, Muße und Kultur erobern: nicht durch
Entvölkerung oder Entsagung, nicht durch Krieg und
Revolution — sondern durch Erfindung und A r-
b e i t, durch Geist und Tat.- —
7. DER ERFINDER ALS ERLÖSER
In unserer europäischen Geschichts-
epoche ist der Erfinder ein größerer Wohl-
täter der Menschheit als der Heilige.
Der Erfinder des Automobils hat mehr Gutes für
die Pferde getan und ihnen mehr Leiden erspart als
sämtliche Tierschutzvereine der Welt.
Das Kleinauto ist im Begriffe, Tausende von ost-
asiatischen Kulis aus ihrem Zugtierdasein zu erlösen.
Die Erfinder des D i p h t e r i e- und Blattern-
serums haben mehr Kindern das Leben gerettet, als
alle Säuglingsheime.
Die Galeerensklaven verdanken der neuzeitlichen
Schiffstechnik ihre Befreiung, während durch die
Einführung der Petroleum feuerung die moderne
Technik die Schiffsheizer aus ihrem Höllenberufe zu er-
lösen beginnt.
Der Erfinder, der, etwa durch A t o m Zertrüm-
merung, einen praktischen Kohlenersatz schafft —
wird für die Menschheit mehr geleistet haben als der er-
folgreichste soziale Reformator: denn er wird die Mil-
lionen Kohlenarbeiter aus ihrem menschenunwürdigen
Dasein erlösen und einen großen Teil der menschlichen
Arbeitslast tilgen — während heute kein kommunisti-
scher Diktator es vermeiden könnte. Menschen zu jenem
unterirdischen Grubenleben zu verurteilen.
Der Chemiker, dem es gelingt. Holz genießbar zu
104
machen, würde die Menschheit aus dem Sklavenjoche des
Hungers befreien, das sie länger und grausamer drückt
als jede menschliche Gewaltherrschaft.
Weder Ethik, noch Kunst, noch Religion, noch Politik
werden den paradiesischen Fluch tilgen
sondern Technik. Der organischen Technik, der M e-
d i z i n. ist es Vorbehalten, den Erbfluch der Frau zu
bannen: „Du sollst unter Schmerzen Deine Kinder ge-
bären ; der anorganischen T e c h n i k ist es Vorbehalten,
den Erbfluch des Mannes zu bannen: ,.Im Schweiße
Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen“.
In vieler Hinsicht gleicht unser Zeitalter dem Beginn
der römischen Kaiserzeit. Damals hoffte die Welt auf
Erlösung durch das Friedensreich der pax romana. Die
erholfte Y\ eltwende kam — - aber von ganz anderer Seite:
nicht von außen — sondern von innen; nicht durch
Politik — sondern durch Religion; nicht durch Cäsar
Augustus — sondern durch Jesus Christus.
Auch wir stehen vor einer Weltwende; die Mensch-
heit erwartet heute von der sozialistischen Aera den An-
bruch des goldenen Zeitalters. Die erhoffte Weltwende
wird, vielleicht, kommen: aber nicht durch Politik
sondern durch lechnik: nicht durch einen Revolutionär
— sondern durch einen Erfinder: nicht durch Lenin
sondern durch einen Mann, der vielleicht heute schon
irgendwo namenlos lebt und dem es eines Tages gelingen
wird, durch Erschließung neuer, ungeahnter Energie-
quellen die Menschheit aus Hunger, Frost und Zwangs-
arbeit zu erlösen. —
105
VII. ENDZIEL DER TECHNIK
1. KULTUR UND SKLAVEREI
Jede bisherige Kultur war auf Sklaverei
gegründet: die Antike auf Sklaven, die mittel-
alterliche auf Leibeigene, die neuzeitliche auf Pro-
letarier. —
Die Bedeutung der Sklaven beruht darauf, daß sie
durch ihre Unfreiheit und Mehrarbeit Raum schaffen für
die Freiheit und Muße einer Herren käste, die
Vorbedingung jeder Kulturbildung ist. Denn es ist nicht
möglich, daß die gleichen Menschen die ungeheuere
physische Arbeit leisten, die zur Ernährung, Kleidung
und Behausung ihrer Generation erforderlich — - und zu-
gleich die ungeheure Geistesarbeit, die zur Schaffung und
Erhaltung einer Kultur nötig ist.
Überall herrscht Arbeitsteilung: damit das Ge-
hirn denken kann, müssen die Eingeweide verdauen;
ohne daß ihre Wurzeln in der Erde wühlen, kann keine
Pflanze zum Himmel blühen. Träger jeder Kultur sind
entfaltete Menschen. Entfaltung ist unmöglich ohne eine
Atmosphäre von Freiheit und Muße: auch das Gestein
kann nur in flüssigem, freiem Zustande auskristallisieren;
wo es eingeschlossen, unfrei ist, muß es amorph bleiben.
Die kulturbildende Freiheit und Muße
106
weniger konnte nur geschaffen werden
durch Knechtschaft und Überarbeitung
vieler. In nördlichen und übervölkerten Strichen war
das göttliche Dasein von Tausenden immer und überall
aufgebaut auf einem tierischen Dasein von Hundert-
tausenden.
Die Neuzeit mit ihren christlichen, sozialen Ideen
stand vor der Alternative: entweder auf Kultur zu ver-
zichten — oder die Sklaverei beizubehalten. Gegen die
erste Eventualität sprachen ästhetische — gegen die
zweite ethische Bedenken: die erste widerstrebte dem
Geschmack, die zweite dem Gefühl.
Westeuropa entschied sich für die zweite Lösung:
um den Rest seiner bürgerlichen Kultur zu erhalten, be-
hielt es im Industrieproletariate in verkappter Form die
Sklaverei bei — während Rußland sich anschickt, zur
ersten Lösung zu greifen: es befreit seine Proletarier,
bringt aber dieser Sklavenbefreiung seine ganze Kultur
zum Opfer.
Beide Lösungen sind in ihrer Konsequenz uner-
träglich. Der Menschengeist muß nach einem Aus-
weg aus diesem Dilemma suchen: er findet ihn in der
Technik. Sie allein kann zugleich die
Sklaverei brechen und die Kultur retten.
2. DIE MASCHINE
Endziel der Technik ist: Ersatz der
Sklavenarbeit durch Maschinenarbeit;
Erhebung der Gesamtmenschheit zu einer
Herrenkaste, in deren Dienst ein Heer von
Naturkräften in Maschinengestalt ar-
beitet.
107
Wir befinden uns auf dem Wege zu diesem Ziele:
früher mußten fast alle technischen Energien von Men-
schen- oder Tiermuskeln erzeugt werden — heute
werden sie vielfach durch Dampfkraft, Elektrizität und
Motorkraft ersetzt. Immer mehr fällt dem Menschen
die Rolle eines Regulators von Energien zu — statt
der eines Erzeugers. Gestern noch zog der Arbeiter
als Kuli die Kultur vorwärts — morgen wird er deren
Chauffeur sein, der beobachtet, denkt und lenkt, statt
zu laufen und zu schwitzen.
Die Maschine ist die Befreiung des Men-
schen aus dem Joche der Sklavenarbeit. Durch sie
kann ein Hirn mehr Arbeit leisten und mehr Werte
schaffen als Millionen Arme. Die Maschine ist mate-
rialisierter Menschengeist, gefrorene Mathe-
matik. das dankbare Geschöpf des Menschen, gezeugt
aus der Geisteskraft des Erfinders, geboren aus der
Muskelkraft der Arbeiter.
Die Maschine hat eine doppelte Aufgabe: die Pro-
duktion zu mehren und die Arbeit zu ver-
mindern und zu erleichtern.
Durch Mehrung der Produktion wird die
Maschine die Not brechen — durch Min-
derung der Arbeit die Sklaverei.
Heute darf der Arbeiter nur zum geringsten Teile
Mensch sein — - weil er zum größten Teile Maschine
sein muß: in der Zukunft wird die Maschine das
Maschinelle, das Mechanische der Arbeit übernehmen
und dem Menschen das Menschliche, das Organische
überlassen. So eröffnet die Maschine die Aussicht auf
Vergeistigung und Individualisierung der
menschlichen Arbeit: ihre freie und schöpferi-
sche Komponente wird wachsen gegenüber der auto-
108
matisch-mechanischen — die geistige gegenüber der
materiellen. Dann erst wird die Arbeit aufhören, den
Menschen zu entpersönlichen, zu mechanisieren, zu ent-
würdigen; dann erst wird die Arbeit dem Spiel, dem
Sport und der freien schöpferischen Tätigkeit ähnlich
werden. Sie wird nicht, wie heute, eine Geisel sein, die
alles Menschliche unterdrückt — sondern ein Hilfsmittel
gegen Langeweile, eine Zerstreuung und eine körper-
liche oder geistige Übung zur Entfaltung aller Fähig-
keiten. Diese Arbeit, die der Mensch als Hirn seiner Ma-
schine leisten wird und die auf Herrschaft ge-
gründet ist, wird anregen statt abzustumpfen, erheben
statt herabzudrücken. —
3. ABBAU DER GR OS STADT
Neben diesen beiden Aufgaben: Linderung der
Not durch Steigerung der Produktion und Abbau der
Sklaverei durch Minderung und Individualisierung
der Arbeit — hat die Maschine noch eine dritte Kultur-
mission: die Auflösung der modernen Groß-
stadt und die Zurückführung des Menschen in die
Natur. —
Der Ursprung der modernen Großstadt fällt in eine
Zeit, da das Pferd das schnellste Verkehrsmittel war
und es noch keine Telephone gab. Damals war es not-
wendig, daß die Menschen in nächster Nähe ihrer Ar-
beitsstätten und infolgedessen auf einen engen Raum zu-
sammengepfercht lebten.
Die Technik hat diese Voraussetzungen geändert:
Schnellbahn, Auto, Fahrrad und Telephon
erlauben es heute dem Arbeiter, viele Kilometer von
seinem Bureau entfernt zu wohnen. Für den Bau
109
und die Anhäufung von Zinskasernen be-
steht keine Notwendigkeit mehr. Künftig
werden die Menschen die Möglichkeit haben, nebenein-
ander zu wohnen statt übereinander, in Gärten gesunde
Luft zu atmen, und in hellen geräumigen Zimmern ein
gesundes, reinliches, menschenwürdiges Leben zu
führen. Elektrische und Gasöfen werden (ohne die Mühe
des Heizens und der Beschaffung des Brennmateriales)
vor der Winterkälte schützen, elektrische Lampen vor
den langen Winternächten. Der Menschengeist wird
über den Winter triumphieren und die nördliche Zone
ebenso wohnlich machen, wie die gemäßigte.
Die Entwicklung zur Gartenstadt hat bereits
begonnen: die Reichen verlassen die Zentren der Groß-
städte, die sie früher bewohnten, und siedeln sich an
deren Peripherie oder in deren Umgebung an. Die neu
entstehenden Industriestädte dehnen sich in die Weite
statt in die Höhe. —
Auf höherer Ebene werden die Städte der Zu-
kunftin der Anlage etwas Ähnlichkeit haben mit denen
des Mittelalters: wie dort um einen riesigen Dom
die niedrigen Bürgerhäuschen gruppiert waren — so
werden einst um einen riesigen Wolkenkratzer (der alle
öffentlichen und privaten Bureaus umfassen und Waren-
und Speisehaus sein wird) sich die niedrigen Häuser
und weiten Gärten der Gartenstadt ausdehnen. In Fa-
briksstädten wird die F abrik jene zentrale Kathedrale
der Arbeit sein: die Andacht des Menschen in diesen
Kathedralen der Zukunft wird Arbeit für die Gemein-
schaft sein.
Wer nicht beruflich an die Stadt gefesselt sein wird,
wird auf dem Lande leben, das durch Fernleitungen
und drahtlose Verbindungen an den Bequemlichkeiten,
110
Tätigkeiten und Zerstreuungen der Städte teilnehmen
wird.
Es wird eine Zeit kommen, in der die Menschen nicht
mehr verstehen werden, wie es einmal möglich war, in
den Steinlabyrinthen zu leben, die wir heute als moderne
Großstädte kennen. Ihre Ruinen werden dann bestaunt
werden, wie heute die Behausungen der Höhlenbe-
wohner. Die Ärzte werden sich die Köpfe zerbrechen,
wie es vom hygienischen Standpunkte überhaupt mög-
lich war, daß Menschen in solcher Abgeschlossenheit der
Natur, Freiheit, Licht und Luft, in einer solchen Atmo-
sphäre von Ruß, Rauch, Staub und Schmutz überhaupt
leben und gedeihen konnten. —
Der kommende Abbau der Großstadt als Folge
des Aufschwunges der Verkehrstechnik ist eine not-
wendige Voraussetzung wirklicher Kultur.
Denn in der unnatürlichen und ungesunden Atmosphäre
der heutigen Großstadt werden die Menschen systema-
tisch an Leib, Seele und Geist vergiftet und verkrüppelt.
Die Großstadtkultur ist eine Sumpfpflanze: denn sie
wird getragen von degenerierten, krankhaften und deka-
denten Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig in diese
Sackgassen des Lebens geraten sind. —
4. DAS KULTURPARADIES DES
MILLIONÄRS
Die Technik ist in der Lage, dem modernen Menschen
mehr Glücks- und Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten
als vergangene Zeiten ihren Fürsten und Königen.
Freilich ist heute noch, zu Beginn der technischen
Weltperiode, die Zahl derjenigen, denen die Erfindun-
111
gen der Neuzeit unbeschränkt zur Verfügung stehen,
gering.
Ein moderner Dollar millionär kann sich mit
allem Luxus, allem Komfort, aller Kunst und aller
Schönheit umgeben, die die Erde bietet. Er kann alle
Früchte der Natur und Kultur genießen, kann, ohne zu
arbeiten, leben, wo und wie es ihm gefällt. Durch Tele-
phon und Auto kann er nach Wahl mit der Welt ver-
bunden oder von ihr geschieden sein; er kann als Ein-
siedler in der Großstadt leben oder in Gesellschaft auf
seinem Landsitz; braucht weder unter dem Klima zu
leiden noch unter der Übervölkerung; Hunger und Frost
sind ihm fremd; durch seine Aeroplane ist er Herr der
Luft, durch seine Jacht Herr der Meere. In vieler Hin-
sicht ist er freier und mächtiger als Napoleon und Cäsar.
Sie konnten nur Menschen beherrschen — aber nicht
über Ozeane fliegen und über Kontinente sprechen. Er
hingegen ist Herr der Natur. Naturkräfte bedienen
ihn als unsichtbare, mächtige Diener und Geister. Mit
ihrer Hilfe kann er schneller und höher fliegen als ein
Vogel, schneller über die Erde rasen als eine Gazelle und
unter Wasser leben wie ein Fisch. Durch diese Fähig-
keiten und Gewalten ist er freier sogar als der Einge-
borene der Südsee und hat den paradiesischen Fluch
überwunden. Auf dem Umwege über die Kultur ist er
in ein vollkommeneres Paradies heimgekehrt. —
Die Grundlage zu so vollkommenem Leben hat die
Technik geschaffen. Für einige Auserwählte hat sie aus
den nordischen Urwäldern und Sümpfen Kultur-
paradiese gemacht. In diesen Glückskindern kann
der Mensch ein Versprechen des Schicksals
an seine Kindeskinder sehen. Sie sind die Vor-
hut der Menschheit auf ihrem Wege in das Eden der
112
Zukunft. Was heute Ausnahme ist, kann, bei weiterem
technischen Fortschritte, Regel werden. Die Technik
hat die Tore des Paradieses gesprengt;
durch den schmalen Eingang sind bisher nur wenige
geschritten: aber der Weg steht offen und durch Fleiß
und Geist kann einst die ganze Menschheit jenen Glücks-
kindern folgen. Der Mensch braucht nicht zu verzwei-
feln: niemals war er seinem Ziele so nahe wie heute.
Vor wenigen Jahrhunderten war der Besitz eines Glas-
fensters, eines Spiegels, einer Uhr, von Seife oder Zucker
ein großer Luxus: die technische Produktion hat diese
einst seltenen Güter über die Massen verstreut. Wie
heute jedermann eine Uhr trägt und einen Spiegel besitzt
— so könnte vielleicht in einem Jahrhundert jeder
Mensch ein Auto, seine Villa und sein Telephon haben.
Der Wohlstand muß umso schneller steigen und umso
allgemeiner werden, je rascher die Produktions-
ziffern steigen im Verhältnis zu den Be-
völkerungsziffern.
Es ist das Kulturziel der Technik, einst allen Men-
schen die Lebensmöglichkeiten zu bieten, über die heute
jene Millionäre verfügen. Deshalb kämpft die Technik
gegen die Not — nicht gegen den Reichtum; gegen
Knechtschaft — nicht gegen Herrschaft. Ihr Ziel ist Ver-
allgemeinerung des Reichtums, der Macht, der Muße, der
Schönheit und des Glückes: nicht Proletari-
sierung, sondern Aristokratisierung der
Menschheit ! —
8 Condenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus.
113
VIII. DER GEIST DES TECHNISCHEN
ZEITALTERS
1. HEROISCHER PAZIFISMUS
Das Paradies der Zukunft läßt sich
nicht durch Putsche erschleichen — - es
läßt sich nur durch Arbeit erobern. —
Der Geist des technischen Zeitalters ist heroisch-
pazifistisch: heroisch, weil Technik Krieg mit
verändertem Objekt ist — p a z i f i s t i s c h. weil sich
sein Kampf nicht gegen Menschen richtet, sondern gegen
Naturgewalten. —
Das technische Heldentum ist unblutig: der
technische Held arbeitet, denkt, handelt, wagt und dul-
det, nicht um seinen Mitmenschen nach dem Leben zu
trachten, sondern um sie aus dem Sklaven joch von
Hunger, Kälte, Not und Zwangsarbeit zu erlösen.
Der Held des technischen Zeitalters ist
ein friedlicher Held der Arbeit und des
Geistes. —
Die Arbeit des technischen Zeitalters ist Askese:
Selbstbeherrschung und Entsagung. In ihrer heutigen
Form und ihrem heutigen Ausmaße ist sie kein Ver-
gnügen, sondern ein hartes Opfer das wir unseren
Mitmenschen und Nachkommen darbringen.
114
Askese heißt Übung: sie ist der griechische Aus-
druck für das, was auf englisch Training heißt; durch
diese Übersetzung verliert der Begriff Askese seinen
pessimistischen Charakter und wird optimistisch-
h e r o i s c h.
Die optimistische, lebensbejahende Askese des tech-
nischen Zeitalters bereitet ein Reich Gottes auf
Erden vor: sie rodet die Erde zum Paradiese; zu diesem
Zwecke versetzt sie Berge, Flüsse und Seen, wickelt den
Erdball in Kabel und Schienen, schafft aus Urwäldern
Plantagen, aus Steppen Ackerland. Wie ein überirdi-
sches Wesen verändert der Mensch die Erdoberfläche
nach seinen Bedürfnissen. —
2. DER GEIST DER TRÄGHEIT
Im Zeitalter der Arbeit und Technik gibt es kein
größeres Laster als Trägheit — wie es im
Zeitalter des Krieges kein größeres Laster als Feigheit
gab.
Die Ü berwindung der Trägheit ist die Häupt-
ern: gäbe des technischen Heroismus.
Wo das Leben sich als Energie manifestiert ■ — steht
die Trägheit im Zeichen des Todes. Der Kampf
des Lebens gegen den Tod ist ein Kampf der Tatkraft
gegen die Trägheit. Der Sieg des Todes über das Leben
ist ein Sieg der Trägheit über die Tatkraft. Die Boten
des Todes sind Alter und Krankheit: in ihnen ge-
winnt die Trägheit Übermacht über die Lebensenergie:
Züge, Glieder, Bewegungen werden schlaff und hängend,
Lebenskraft, Lebensmut und Lebensfreude sinken, alles
neigt sich zur Erde, wird müde und träge — bis der
Mensch, der nicht mehr vorwärtsschreiten und sich
115
nicht mehr aufrechthalten kann, als Opfer der Trägheit
ins Grab sinkt: dort triumphiert die Trägheit über das
Leben.
Alle jungen Blüten streben, der Schwer-
kraft entgegen, zur Sonne: alle reifen
Früchte fallen, von der Schwerkraft über-
wältigt, zur Erde. —
Symbol des technischen Sieges über die Schwerkraft,
des triumphalen Menschenwillens und Menschengeistes
über die Trägheit der Materie ist der fliegende
Mensch. Wenige Dinge sind so erhaben und so schön
wie er. Hier vermählen sich Dichtung und Wahrheit,
Romantik und Technik, die Mythen von Daedalus und
Wieland mit den Visionen Lionardos und Goethes; durch
Taten von Technikern werden die kühnsten Dichter -
träu ae Wirklichkeit: auf Flügeln, die sein Geist und sein
Wille gespannt haben, erhebt sich der Mensch über
Raum, Zeit und Schwerkraft, über Erde und Meer. —
3. SCI ÖN HEIT UND TECHNIK
Wer an den Schönheitswert der Technik
noch zweifelte, muß angesichts des fliegenden Menschen
verstummen. Aber nicht nur das Flugzeug schenkt uns
neue Schönheit: auch Automobil, Motorboot,
Schnellzugslokomotive, Dynamomaschine
sind in Tätigkeit und Bewegung von eigener, spezifischer
Schönheit. Weil aber diese Schönheit dynamisch ist,
kann sie nicht, wie die statische Schönheit der Land-
schaft, von Pinsel, Griffel und Meißel festgehalten
werden: deshalb existiert sie nicht für Menschen ohne
originalen Schönheitssinn, die der Kunst als Wegweiserin
im Irrgarten der Schönheit bedürfen.
116
Ein Ding ist schön durch die Ideale der Harmonie
und Vitalität, die es uns vermittelt und die Impulse, die
es uns nach diesen Richtungen gibt. So schafft sich jede
Kultur ihre eigenen Symbole der Kraft und
Schönheit:
der Grieche steigerte seine eigene Harmonie an
Statuen und Tempeln;
der Römer steigerte seine Kraft und Tapferkeit an
den Zirkuskämpfen seiner Raubtiere und Gladiatoren;
der mittelalterliche Christ vertiefte und ver-
klärte seine Seele durch Einfühlung in die Passion im
Meßopfer und Altarsakramente;
der Bürger der Neuzeit wuchs an den Helden
seiner Theater und Romane;
der Japaner lernte Grazie, Anmut und Schicksals-
ergebung von seinen Blumen. —
In einer Zeit rastlosen Fortschrittes mußte das Schön-
heitsideal dynamisch werden — und mit ihm sein Sym-
bol. Der Mensch des technischen Zeitalters
ist ein Schüler der Maschine, die er geschaffen
hat: von ihr lernt er unermüdliche Tätigkeit und gesam-
melte Kraft. Die Maschine als Geschöpf und Tempel des
heiligen Menschengeistes symbolisiert die Überwin-
dung der Materie durch den Geist, des Starren
durch die Bewegung, der Trägheit durch die Kraft: das
Sichaufreiben im Dienste der Idee, die Menschheitsbe-
freiung durch die Tat. —
Die Technik hat dem kommenden Zeitalter eine neue
Ausdrucksform geschenkt: das Kino. Das Kino steht
im Begriffe, das Theater von heute, die Kirche von
gestern, Zirkus und Amphitheater von vorgestern abzu-
lösen und im Arbeitsstaate der Zukunft eine führende
Kulturrolle zu spielen.
117
Bei all seinen künstlerischen Mängeln beginnt heute
schon der Film ein neues Evangelium unbewußt in
die Massen zu tragen: das Evangelium der Kraft
und der Schönheit. Er verkündet, jenseits von Gut
und Böse, den Sieg des stärksten Mannes und der schön-
sten Frau — ob nun der Mann, der seine Rivalen an
Körper-, Willens- oder Geisteskraft überragt, Abenteurer
oder Held, Verbrecher oder Detektiv ist, und ob die
Frau, die reizvoller oder edler, graziöser oder selbstloser
ist als die anderen, Hetäre oder Mutter ist. So predigt
die Leinwand in tausend Variationen den Männern:
„Seid stark!“ den Frauen: „Seid schön!“
Diese massenpädagogische Mission, die im
Kino schlummert, zu läutern und auszubauen, ist eine
der größten und verantwortungsvollsten Aufgaben der
heutigen Künstler: denn das Kino der Zukunft wird
fraglos auf die proletarische Kultur einen größeren Ein-
fluß haben, als das Theater auf die bürgerliche. -
4. EMANZIPATION
Der Kultus des technischen Zeitalters ist ein Kultus
der Kraft. Für die Entfaltung der Harmonie fehlt Zeit
und Muße. In ihrem Zeichen wird einst das goldene
Zeitalter der Kultur stehen, das dem eisernen
Zeitalter der Arbeit folgen wird.
Bezeichnend für die dynamische Einstellung unserer
Epoche ist ihr männlich-europäischer Cha-
rakter. Die männlich-europäische Ethik Nietz-
sches bildet den Protest unseres Zeitalters gegen die
weiblich-asiatische Moral des Christentums.
Auch die Emanzipation der Frau ist ein Sym-
118
ptom für die Vermännlichung unserer Welt :
denn sie führt nicht den weiblichen Menschentypus zur
Macht — sondern den männlichen. Während früher die
weibliche Frau durch ihren Einfluß auf den Mann teil-
nahm an der Weltbeherrschung — schwingen heute
Männer beiderlei Geschlechtes das Zepter der
wirtschaftlichen und politischen Macht. Die Frauen-
emanzipation bedeutet den Triumph des Mannweibes
über die wirkliche, weibliche Frau; sie führt nicht zum
Siege — sondern zur Abschaffung des Weibes. Die Dame
ist schon im Aussterben: die Frau soll ihr folgen. —
Durch die Emanzipation wird das weibliche Geschlecht,
das bisher teilweise enthoben war, für den technischen
Krieg mobilisiert und eingereiht in die Armee der
Arbeit. —
Die Emanzipation der Asiaten vollzieht sich
unter den gleichen Bedingungen wie die Emanzipation
der Frauen; sie ist ein Symptom für die Europäi-
sierung unserer Welt: denn sie führt nicht den
orientalischen Typus zum Siege — sondern den euro-
päischen. Während früher der orientalische Geist durch
das Christentum Europa beherrschte — teilen sich heute
weiße und farbige Europäer in der Weltherr-
schaft. Das sogenannte Erwachen des Orients bedeutet
den Triumph des gelben Europäers über den wahren
Orientalen; es führt nicht zum Siege — sondern zur
Vernichtung der orientalischen Kultur. Wo im Osten das
Blut Asiens siegt, siegt mit ihm der Geist Europas: der
männliche, harte, dynamische, zielstrebige, tatkräftige,
rationalistische Geist. Um am Fortschritte teilzunehmen,
muß Asien seine harmonische Seele und Kultur gegen
die europäisch-vitale vertauschen. — Die Emanzipation
der Asiaten bedeutet ihren Eintritt in die europäisch-
119
amerikanische Armee der Arbeit und ihre Mobilisierung
für den technischen Krieg.
Nach dessen siegreicher Beendigung wird Asien wieder
asiatisch, die Frau wieder weiblich sein können: dann
werden Asien und die Frau die Welt zu reinerer Harmonie
erziehen. Bis dahin aber müssen die Asiaten die
europäische Uniform tragen — die Frauen
die männliche. —
5. CHRISTENTUM UND RITTERTUM
Wer unter Kultur HarmoniemitderNatur ver-
steht, muß unsere Epoche barbarisch nennen — wer
unter Kultur Auseinandersetzung mit der
Natur versteht, muß die spezifische, männlich-euro-
päische Form unserer Kultur würdigen. Der christlich-
orientalische Ursprung der europäischen Ethik ließ sie
den ethischen Wert des technischen Fortschrittes ver-
kennen; erst unter der Perspektive Nietzsches erscheint
das heroisch-asketische Ringen des technischen Zeit-
alters um Erlösung durch Geist und Tatkraft als gut und
edel.
Die Tugenden des technischen Zeitalters
sind vor allem: Tatkraft, Ausdauer, lapter-
keit, Entsagung, Selbstbeherrschung und
Solidarität. Diese Eigenschaften stählen die Seele
zum unblutigen, harten Kampf der sozialen Arbeit.
DieEthikderArbeit knüpft an die r i 1 1 e r 1 i c h e
Ethik des Kampf es an: beide sind männlich, beide
nordisch. Nur wird sich diese Ethik den neuen Verhält-
nissen anpassen und an die Stelle der überlebten Ritter-
ehre eine neue Arbeitsehre setzen. Der neue Ehr-
begriff wird auf Arbeit beruhen — die neue Schande
120
auf Faulheit. Der faule Mensch wird als Deserteur der
Arbeitsfront betrachtet und verachtet werden. Die Ob-
jekte der neuen Heldenverehrung werden Erfinder
sein, statt Feldherrn: Werte-Schöpfer statt Werte-Zer-
störer.
Aus der christlichen Moral wird die Ethik der
Arbeit den Geist des Pazifismus und des S o z i a 1 i s-
m u s übernehmen: weil nur der Friede für die technische
Entwicklung produktiv — der Krieg destruktiv ist, und
weil nur der soziale Geist der Zusammenarbeit aller
Schaffenden zum technischen Siege über die Natur
führen kann. —
6. DIE BUDDHISTISCHE GEFAHR
Jede passivistische und lebensfeindliche Propaganda,
die sich gegen die technische und industrielle Entwick-
lung richtet — ist Hochverrat an der Arbeits-
armee Europas: denn sie ist Aufforderung zum
Rückzug und zur Fahnenflucht während des Entschei-
dungskampfes. —
Tolstoianer und Neo-Buddhisten machen
sich dieses Kulturfrevels schuldig: sie fordern die weiße
Menschheit auf, kurz vor ihrem Endsiege vor der Natur
zu kapitulieren, das von der Technik eroberte Gelände
zu räumen und freiwillig zur Primitivität des Acker-
baues und der Viehzucht zurückzukehren. Müde des
Kampfes wollen sie, daß Europa künftig in seiner ärm-
lichen Natur ein ärmliches, kindliches Dasein fristet —
statt sich durch höchste Anspannung des Geistes, des
Willens und der Muskeln siegreich eine neue Welt zu
schaffen.
Was in Europa noch lebensfähig und lebenstüchtig ist,
lehnt diesen Kulturselbstmord ab: es fühlt die
121
Einzigartigkeit seiner Lage und seine Verantwor-
tung vor der künftigen Menschheit. Eine
Waffenstreckung der Technik würde die Welt in den
asiatischen Kulturkreislauf zurückwerfen. Hart vor
ihrem Ziele würde die technische Weltrevolu-
tion, die Europa heißt, zusammen brechen
und eine der größten Menschheitshoffnungen begraben.
Das Nordland Europa, das von seinem heroischen
Schaffen lebt, muß den entnervenden Geist des Bud-
dhismus abwehren. Japan muß, je mehr es sich indu-
strialisiert, vom Buddhismus innerlich abrücken; so
müßte Europa, je mehr es sich innerlich dem Buddhis-
mus hingibt, seine technische Mission vernachlässigen
und verraten. Der Buddhismus ist eine wunder-
bare Krönung reifer Kulturen — aber ein
gefährliches Gift für werdende Kulturen.
Seine Weltanschauung taugt für das Alter, für den
Herbst — wie die Religion Nietzsches für Jugend und
Frühling — der Glaube Goethes für die Blüte des
Sommers. —
Der Buddhismus würde die Technik ersticken — und
mit ihr den Geist Europas. —
Europa soll seiner Mission treu bleiben und nie die
Wurzeln seines Wesens verleugnen: Heroismus und
Rationalismus, germanischen Willen und helle-
nischen Geist. Denn das Wunder Europa entstand erst
aus der Vermählung dieser beiden Elemente. Der blinde
Tatendrang der nordischen Barbaren wurde sehend und
fruchtbar durch die Berührung mit der mittelländischen
| Geisteskultur: so wurden aus Kriegern Denker, aus
1 Helden Erfinder.
Der Mystizismus Asiens bedroht Europas gei-
stige Klarheit — der Passivismus Asiens bedroht
122
seine männliche Tatkraft. Nur wenn Europa diesen Ver-
suchungen und Gefahren widersteht und sich auf seine
hellenischen und germanischen Ideale besinnt
— wird es den technischen Kampf zu Ende kämpfen
können, um einst sich und die Welt zu erlösen. —
123
IX.
STINNES UND KRASSIN
1. WIRTSCHAFTSSTAATEN
Stinnes ist der Führer der kapitalistischen
Wirtschaft Deutschlands — Krassin der Führer der
kommunistischen Wirtschaft Rußlands. Im Folgen-
den gelten sie als Exponenten der kapitalistischen und
der kommunistischen Produktion, nicht als Persönlich-
keiten. —
Seit dem Zusammenbruch der drei großen europäi-
schen Militärmonarchien gibt es in unserem Weltteile
nur noch Wirtschaftsstaaten: wirtschaftliche
Probleme stehen im Zentrum der inneren und äußeren
Politik: Merkur regiert die Welt; als Erbe des
Mars — als Vorläufer Apollons.
Die Wandlung vom Militärstaate zum Wirtschafts-
staat ist der politische Ausdruck der Tatsache, daß an
Stelle der Kriegsfront die Arbeitsfront in den
Vordergrund der Geschichte gerückt ist.
Dem Zeitalter des Krieges entsprachen
Militärstaaten — dem Zeitalter der Arbeit
entsprechen Wirtschaftsstaaten.
Der kommunistische wie der kapitalisti-
sche Staat sind Arbeitsstaaten: nicht mehr
124
Kriegsstaaten — noch nicht Kulturstaaten. Beide stehen
im Zeichen der Produktion und des technischen Fort-
schrittes. Beide werden von Produzenten be-
herrscht. wie einst die Militärstaaten von Militärs: der
kommunistische von den Führern der Industriearbeiter
— der kapitalistische von den Führern der Industriellen.
Kapitalismus und Kommunismus sind
ebenso wesensverwandt, wie Katholizis-
mus und Protestantismus, die sich durch Jahr-
hunderte für extreme Gegensätze hielten und mit allen
Mitteln blutig bekämpften. Nicht ihre Verschiedenheit,
sondern ihre Verwandtschaft ist die Ursache des erbit-
terten Hasses, mit dem sie einander verfolgen.
Solange Kapitalisten und Kommunisten auf dem
Standpunkte stehen, es sei erlaubt und geboten, Men-
schen totzuschlagen oder auszuhungern, weil sie andere
wirtschaftliche Grundsätze vertreten — befinden sich
beide praktisch auf einer sehr niedrigen Stufe der
ethischen Entwicklung. Theoretisch sind freilich die
Voraussetzungen und Ziele des K o m m unis m u s
ethischer als die des Kapitalismus, weil sie von
objektiveren und gerechteren Gesichtspunkten aus-
gehen.
Für den technischen Fortschritt sind aber ethische
Gesichtspunkte nicht maßgebend: hier ist die Frage ent-
scheidend. ob das kapitalistische oder das
kommunistische System rationeller und
geeigneter ist, den technischen Befreiungskampf gegen
die Naturgewalten durchzuführen. —
2. DAS RUSSISCHE FIASKO
Der Erfolg spricht für Stinnes, gegen Krassin: die
kapitalistische Wirtschaft blüht, während die kommu-
125
nistische darniederliegt. Aus dieser Feststellung auf den
Wert der beiden Systeme zu schließen, wäre einfach
- — aber ungerecht. Denn es darf nicht übersehen
werden , unter welchen Begleitumständen der
Kommunismus die russische Wirtschaft übernommen
und geführt hat: nach einem militärischen, poli-
tischen und sozialen Zusammenbruch, nach Verlust
wichtigster Industriegebiete, im Kampfe gegen die ganze
Welt, unter dem Druck jahrelanger Blockade, dauernden
Bürgerkrieges und der passiven Resistenz der Bauern,
der Bürger und der Intelligenz; dazu trat noch die kata-
strophale Mißernte. Wenn man all diese Umstände, so-
wie die geringere organisatorische Begabung und Bil-
dung des russischen Volkes in Rechnung zieht — so kann
man nur darüber staunen, daß sich noch Reste einer
russischen Industrie erhalten haben.
Die Mißerfolge des fünfjährigen Kommunismus unter
diesen erschwerenden Umständen an den Erfolgen des
ausgereiften Kapitalismus messen zu wollen, wäre eben-
so ungerecht, wie ein neugeborenes Kind mit einem er-
wachsenen Manne zu vergleichen und daraufhin fest-
zustellen, das Kind sei ein. Idiot — während in ihm, viel-
leicht, ein werdendes Genie schlummert. —
Selbst wenn der Kommunismus in Rußland zusam-
\ menbricht, wäre es ebenso naiv, die soziale Revolution
1 damit für abgetan zu erklären — wie es nach dem Zu-
\ sammenbruch der hussitischen Bewegung töricht ge-
wesen wäre, die Reformation für erledigt zu halten: denn
nach wenigen Jahrzehnten erschien Luther und führte
viele der hussitischen Ideen zum Siege. —
126
3. KAPITALISTISCHE
UND KOMMUNISTISCHE PRODUKTION
Der wesentliche Vorsprung der kapitalisti-
schen Wirtschaft liegt in ihrer E r f a h r u ng. Sie
beherrscht alle Methoden der Organisation und Produk-
tion. alle strategischen Geheimnisse im Kampfe zwischen
Mensch und Natur und verfügt über einen Stab ge-
schulter Industrieoffiziere. Der Kommunismus dagegen
sieht sich gezwungen, mit einem unzureichenden
Generalstab und Offizierskorps neue Kriegspläne zu
entwerfen, neue Organisations- und Produktionsmetho-
den zu versuchen. Stinnes kann auf eingefahrenen Ge-
leisen vorwärtsdringen — während Krassin Pfadfinder
sein muß im Urwald der wirtschaftlichen Revolution. —
Durch Konkurrenz. Gewinn und Risiko ver-
wendet der Kapitalismus einen unübertrefflichen Motor,
der den Wirtschaftsapparat in ständiger Bewegung er-
hält: den Egoismus. Jeder Unternehmer, Erfinder, In-
genieur und Arbeiter sieht sich im kapitalistischen
Staate gezwungen, seine Kräfte aufs höchste anzu-
spannen. um nicht von der Konkurrenz überrannt zu
werden und zugrunde zu geben. Die Soldaten und Offi-
ziere der Arbeitsarmee müssen vorrücken, um nicht
unter die Räder zu kommen.
In der freien Initiative des Unternehmens liegt
ein weiterer Vorzug des Kapitalismus, dem die Technik
viel zu verdanken hat. Eines der schwierigsten Probleme
des Kommunismus liegt in der Vermeidung des wirt-
schaftlichen Bürokratismus, von dem er ständig bedroht
ist. —
Der technische Hauptvorzug des Kommu-
nismus liegt darin, daß er die Möglichkeit hat, sämt-
127
liehe produktive Kräfte und Naturschätze seines Wirt-
schaftsgebietes zusammenzufassen und nach einem ein-
heitlichen Plane rationell zu verwenden. Damit erspart
er all die Kräfte, die der Kapitalismus auf die Abwehr
der Konkurrenz verschwendet. Die prinzipielle Plan-
mäßigkeit der kommunistischen Wirtschaft, die es
heute unternimmt, das russische Riesenreich nach einem
einheitlichen Plane rationell zu elektrifizieren, bedeutet
technisch einen wesentlichen Vorzug gegenüber der
kapitalistischen Produktionsanarchie. Die
kommunistische Arbeitsarmee kämpft unter einheit-
lichem Kommando geschlossen gegen die feindliche
Natur — während die zersplitterten Arbeitsbataillone
des Kapitalismus nicht nur gegen den gemeinsamen
Feind kämpfen, sondern zum Teil auch gegeneinander,
zur Niederwerfung der Konkurrenten.
Krassin hat außerdem seine Armee fester in der Hand
als Stinnes^ denn die Arbeiter der Stinnesarmee sind
sich darüber klar, daß ein Teil ihrer Arbeit der Berei-
cherung eines fremden, feindlichen Unternehmers dient
— während die Arbeiter der Krassinarmee sich bewußt
sind, daß sie für den kommunistischen Staat arbeiten,
dessen Teilhaber und Stützen sie sind. Stmn es er-
scheint seinen Arbeitern als Unterdrücker
und Gegner - Krassin als Führer und Ver-
bünd e t e r. Deshalb kann es Krassin wagen, Streiks zu
verbieten und Sonntagsarbeit einzuführen — während
dies für Stinnes unmöglich wäre.
Die Stinnesarmee ist zersetzt durch wachsende Unzu-
friedenheit und Meuterei (Streik) - während die Kras-
sinarmee trotz ihrer materiellen Not von einem idealen
Ziele getragen wird. Kurz: der Krieg gegen die atur
kräfte ist in Rußland Volkskrieg — in Europa und
128
Amerika ein dynastischer Krieg von Industrie-
königen. —
Die Arbeit des kommunistischen Arbeiters ist ein
Kampf für seinen Staat und seine Staatsform — die
Arbeit des kapitalistischen Arbeiters ein Ringen um sein
Leben. Hier ist die Haupttriebfeder der Arbeit der
Egoismus — dort der politische Idealismus:
beim heutigen Stande der Ethik ist, leider, Egoismus
ein stärkerer Motor als Idealismus und damit
der Kampfwert der kapitalistischen Arbeitsarmee größer
als der der kommunistischen.
Der Kommunismus verfügt über einen rationelleren
Wirtschaftsplan — der Kapitalismus über einen stär-
keren Arbeitsmotor.
Der Kapitalismus wird nicht an seinen techni-
schen. sondern an seinen ethischen Defekten
scheitern. DieUnzufriedenheitderStinnes-
armee wird sich auf die Dauer nicht durch Maschinen-
gewehre niederhalten lassen. Der reine Kapitalismus
gründet sich auf die Unselbständigkeit und Unwissen-
heit der Arbeiter — wie der militärische Kadavergehor-
sam auf die Unselbständigkeit und Unwissenheit der
Soldaten. Je selbständiger, selbstbewußter und gebilde-
ter die Arbeiterklasse wird — desto unmöglicher wird es
für Privatleute sein, sie für ihre Privatinteressen arbeiten
zu lassen. —
Die Zukunft gehört Krassin — über die Wirt-
schaft der Gegenwart entscheidet das russische
Experiment. Darum liegt es im eigensten Interesse
der ganzen Welt, dieses Experiment nicht nur nicht zu
stören, sondern nach Kräften zu fördern: denn nur dann
wäre dessen Ausgang eine Antwort auf die Frage, ob der
Kommunismus fähig ist, die heutige Wirtschaft zu
9 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus.
129
reformieren — oder ob ihm das notwendige Übel des
Kapitalismus vorzuziehen ist. —
4. SÖLDNER UND SOLDATEN DER
ARREIT
Dem Kapitalismus entsprach im Zeitalter des Krieges
das Söldnerheer — dem Kommunismus das Volks-
heer.
Zur Söldnerzeit konnte sich jeder reiche Privatmann
ein Kriegsheer anwerben und ausrüsten, das er besoldete
und befehligte — so wie sich heute jeder reiche Privat-
mann ein Arbeitsheer anwerben und ausrüsten kann,
das er besoldet und befehligt.
Vor drei Jahrhunderten spielte Wall enstein eine
analoge Rolle in Deutschland, wie heute Stinnes: mit
Hilfe seines Vermögens, das er im böhmischen Kriege
vermehrt hatte, und der Armee, die er mit demselben
warb und unterhielt, wurde Wallenstein aus einem
Privatmanne zur mächtigsten Persönlichkeit des Deut-
schen Reiches — wie heute Stinnes durch sein Ver-
mögen, das er im Weltkriege vermehrt hat, sowie durch
Presse und Arbeitsarmee, die er mit demselben wirbt und
unterhält, zum mächtigsten Manne der deutschen Repu-
blik geworden ist. —
Im kapitalistischen Staate ist der Ar-
beiter Söldner, der Unternehmer Kondot-
tiere der Arbeit — im kommunistischen
Staate ist der Arbeiter Soldat eines Volks-
heeres, das staatlich angestellten Generä-
len untersteht. Wie damals die Kondottieri mit dem
Blute ihrer Söldner Fürstentümer eroberten und Dyna-
stien gründeten — so erobern die modernen Kondottieri
130
mit dem Schweiße ihrer Arbeiter Reichtümer und Macht-
stellungen und gründen Plutokraten-Dynastien. Wie
einst jene Söldnerführer — so verhandeln heute Indu-
striekönige als gleichberechtigte Faktoren mit Regierun-
gen und Staaten: sie lenken die Politik durch ihr Geld,
wie einst jene durch ihre Macht.
Die Reform der Arbeitsarmee, die der Kom-
munismus durchführt, entspricht in allen Einzelheiten
der Heeresform, die alle modernen Staaten durch-
gemacht haben.
Die H eeresrefo rm hat die Söldnerheere durch
Volksheere ersetzt: sie hat die allgemeine Wehrpflicht
eingeführt, das Heerwesen verstaatlicht, private An-
werbungen verboten, die Landsknechtführer durch
staatlich angestellte Offiziere ersetzt und die Wehrpflicht
ethisch verherrlicht.
Der Arbeitsstaat führt die gleichen Reformen in der
Arbeitsarmee ein: er proklamiert die allgemeine
Arbeitspflicht, verstaatlicht die Industrie, verbietet pri-
vate Unternehmungen, ersetzt die Privatunternehmer
durch staatlich angestellte Direktoren und verherrlicht
die Arbeit als sittliche Pflicht. —
Stinnes und Krassin sind beide Befehlshaber ge-
waltiger Arbeitstruppen, die gegen den gemeinsamen
Feind kämpfen: die nordische Natur. Stinnes führt
als moderner Wallenstein ein Söldnerheer
— Krassin als Feldmarschall eines Arbeits-
staates ein Volksheer. Während diese beiden
Feldherrn sich für Gegner halten, sind sie Verbün-
dete, marschieren getrennt, schlagen vereint. —
9 *
131
5. SOZIALER KAPITALISMUS
LIBERALER KOMMUNISMUS
Wie die Regeneration des Katholizismus eine Folge
der Reformation war, so könnte die Rivalität des Kapita-
lismus und Kommunismus beide befruchten: wenn sie,
statt einander durch Mord, Verleumdung und Sabotage
zu bekämpfen, sich darauf beschränken würden, durch
kulturelle Leistungen ihren höheren Wert zu erweisen.
Keine theoretische Rechtfertigung des Kapitalismus
wirbt stärker für dieses System als die unbestreitbare
Tatsache, daß das Los der amerikanischen Arbeiter (von
denen manche im eigenen Auto zur Fabrik fahren)
praktisch ein besseres ist als das der russischen, die mit
ihren Mitarbeitern gleichmäßig hungern und verhun-
gern. Denn Wohlstand ist wesentlicher als
Gleichheit: besser, alle werden wohlhabend und
wenige reich — als daß allgemeines, gleichmäßiges
Elend herrscht. Nur Neid und Pedanterie können
sich gegen dieses Urteil stemmen. Am besten freilich
wäre universeller, allgemeiner Reichtum — aber der
liegt in der Zukunft, nicht in der Gegenwart: ihn herbei-
führen kann nur die Technik, nicht die Politik. —
Der amerikanische Kapitalismus ist sich
bewußt, daß er sich nur durch großzügiges soziales
Wirken behaupten kann. Er betrachtet sich als Ver-
walter des nationalen Reichtums, den er zur
Förderung von Erfindungen, zu kulturellen und huma-
nitären Zwecken verwendet.
Nur ein sozialer Kapitalismus, der so unter-
nimmt, sich mit der Arbeiterschaft auszusöhnen, hat
Aussicht auf Bestand: nur ein liberaler Kommu-
nismus, der es unternimmt, sich mit der Intelligenz
132
auszusöhnen, hat Aussicht auf Bestand. Den ersten Weg
versucht England, den zweiten neuerdings Rußland.
Gegen den Widerstand der Offiziere einen Krieg zu
führen, ist auf die Dauer ebenso unmöglich, wie gegen
den Widerstand der Mannschaft. Das gilt auch von der
Arbeitsarmee: sie ist auf sachverständige Führer ebenso
angewiesen, wie auf willige Arbeiter.
Krassin hat erkannt, daß es für den Kommunismus
notwendig ist, vom Kapitalismus zu lernen. Deshalb
fördert er neuerdings die private Initiative, ernennt zu
Leitern der Staatsbetriebe energische und sachverstän-
dige Ingenieure mit weitestgehenden Vollmachten und
Gewinnbeteiligung und ruft einen Teil der vertriebenen
Industriellen zurück; schließlich unterstützt er den
schwachen Arbeitsmotor Idealismus durch Egoismus,
Ehrgeiz und Zwang und sucht durch dieses ge-
mischte System die Arbeitsleistung des russischen Prole-
tariats zu steigern.
Nur diese kapitalistische Methoden können den Kom-
munismus retten: denn er hat erkennen gelernt, daß
der Winter und die Dürre grausamere
Despoten Rußlands sind als sämtliche
Zaren und Großfürsten: und daß der entscheiden-
dere Befreiungskrieg ihnen gilt. Darum stellt er heute
die Bekämpfung der Hungersnot, die Elektrifizierung
und den Wiederaufbau der Industrie und des Eisen-
bahnwesens in den Mittelpunkt seiner Gesamtpolitik
und opfert sogar diesen technischen Plänen eine Reihe
politischer Grundsätze. Er weiß, daß sein wirtschaft-
licher Erfolg oder Mißerfolg den politischen bestim-
men wird und daß es von ihm abhängt, ob die russi-
sche Revolution schließlich zur Welterlösung führt —
oder zur Weltenttäuschung. —
133
Die Abschaffung des Privateigentums muß
beim heutigen Stande der Ethik an unüberwindlichen
psychologischen Widerständen scheitern. Dennoch
bleibt der Kommunismus ein Wendepunkt in der wir -
schaftlichen Entwicklung vom Unternehmer- zum Ar-
beiterstaate - und in der politischen Entwicklung vom
unfruchtbaren System der plutokratischen Demokratie
zu einer neuen sozialen Aristokratie geistiger Men-
sehen. —
6 TRUST UND GEWERKSCHAFTEN
Solange der Kommunismus sich als unreif erweist die
Führung im technischen Befreiungskämpfe zu über-
nehmen werden Krassin und Stinnes sich yer-
s t ä n d i g e n n, ü s s e n. Diesen Weg, der zur Zusammen-
arbeit führt statt zur Gegeneinanderarbeit, werden die
fanatischen Dummköpfe des Kapitalismus wie des Kom-
munismus von sich weisen: nur die hellsten Kopte ben
der Lager werden sich begegnen in der Erkenntnis, d
et besser ist, die Weltkultur durch einen
Verständigungsfrieden zu retten,
durch einen Vernichtungss.eg zu zerst -
r e n. Dann werden aus den Kondottien der Wirtschatt
Generäle werden, aus Söldnern der Wirtschaft Soldaten.
in der roten Wirtschaft von morgen kann es
ebensowenig Gleichheit geben zwischen Führern un ‘ i *
führten, wie in der roten Armee von heute, aber d
künftigen Industriellen werden nicht mehr unverant-
wortlich sein wie heute, sondern sich der Gesa ”
verantwortlich fühlen. Die unproduktiven Kapitalist
(Schieber) werden aus dem Wirtschaftsleben ebenso ver-
* schwinden wie einst die dekorativen Hofgenerale ausdei
134
Armee. Wie dies heute schon vielfach der Fall ist, wird
der produktive Kapitalist zum intensivsten Arbeiter
seiner Fabrik werden müssen. Durch ein gleichzeitiges
Sinken seines übermäßigen Gewinnes wird ein gerechter
Ausgleich eintreten zwischen seiner Arbeit und seinem
Einkommen.
Zwei wirtschaftliche Kraftgruppen be-
ginnen sich in den kapitalistischen Arbeitsstaaten in der
Führung der Wirtschaft zu teilen: die Vertreter der
Unternehmer und der Arbeiter — Trusts und G e-
w er k schäften. Ihr Einfluß auf die Politik ist im
Wachsen und wird die Parlamente an Bedeutung über-
flügeln. Sie werden einander ergänzen und kontrollieren
wie einst Senat und Tribunat. Oberhaus und Unterhaus.
Die Bezwingung der Naturkräfte und die Eroberung der
Naturschätze werden die Trusts leiten — die Verteilung
der Beute werden die Gewerkschaften kontrollieren.
Auf dem gemeinsamen Boden der Produktionssteige-
rung und der Vervollkommnung der Technik werden
sich Stinnes und Krassin begegnen: denn sie sind
Gegner in der Frage der Verteilung — Bundesgenossen
in der Frage der Erzeugung: gegeneinander kämpfen
sie in der Frage der Wirtschaftsmethode — mit ein-
ander im Menschheitskriege gegen die
N a t u r k r ä f t e. —
135
X. VOM ARBEITSSTAAT ZUM KULTUR-
STAAT
1. KINDERKULT
Unsere Epoche ist gleichzeitig die Kampf-
epoche der Technik und die V orbereitungs-
epoche der Kultur. Sie stellt an uns die Doppel-
forderung:
1. Ausbau des Arbeitsstaates.
2. Vorbereitung des Kulturstaates.
Die erste Aufgabe stellt die Politik in den Dienst der
Technik — die zweite in den Dienst der Ethik.
Nur der Blick auf das kommende Zeitalter der Kultur
gibt der leidenden und kämpfenden Menschheit des
technischen Zeitalters die Kraft, den Kampf mit den
Naturgewalten bis zum Siege fortzusetzen.
Die Mehrarbeit, die der moderne Mensch gegenüber
dem mittelalterlichen leistet, ist sein Vermächtnis an
den Menschen der Zukunft; durch diese Mehrarbeit
häuft er ein Kapital an Erkenntnissen, Maschinen und
Werten an, dessen Zinsen einst seine Enkel genießen
werden.
Die Teilung der Menschheit in Herren und Sklaven,
in Kulturträger und Zwangsarbeiter, wird auch heute an-
erkannt: aber diese Kasten beginnen sich aus dem
Sozialen ins Zeitliche zu verschieben. Wirsindnicht
136
die Sklaven unserer Zeitgenossen — son-
dern unserer Enkel. Statt eines nebenein-
ander bestehenden Herren- und Sklavenstandes setzt
unsere Kulturauffassung eine nacheinander beste-
hende Sklaven- und Herrenepoche. Die Arbeitswelt
von heuteerrichtetdieGrundlagender Kul-
turwelt von morgen.
Wie einst die Kulturmuße der Herren aufgebaut war
auf der Überarbeitung der Sklaven — so wird die
Kulturmuße der Zukunft aufgebaut sein auf der Über-
arbeitung der Gegenwart. Die jetzige Menschheit steht
im Dienste der kommenden; wir säen, auf daß andere
ernten; unsere Zeit arbeitet, forscht und ringt — damit
eine künftige Welt in Schönheit erstehen kann.
So tritt an die Stelle des östlichen Ahnen-Kultes ein
westlicher Kinder-Kult. Er blüht im kapitalistischen
wie im kommunistischen Arbeitsstaate: in Amerika wie
in Rußland. Die Welt kniet vor dem Kinde als Idol, als
Versprechen einer schöneren Zukunft. Es ist zum Dogma
geworden, bei aller Wohltätigkeit zuerst des Kindes zu
gedenken. Im kapitalistischen Westen arbeiten sich die
Väter zu Tode, um ihren Kindern reichere Lebensmög-
lichkeiten zu hinterlassen — im kommunistischen Osten
lebt und stirbt eine ganze Generation im Elend, um
ihren Nachkommen eine glücklichere und gerechtere
Zukunft zu sichern. Die Pietät des europäischen
Zeitalters ist nach vorwärts gerichtet.
Der westliche Kinder-Kult wurzelt im Entwick-
lungsglauben. Der Europäer sieht im späteren das
bessere, höherentwickelte; er glaubt, daß seine Enkel der
Freiheit würdiger sein werden als er und seine Zeit-
genossen: er glaubt, daß die Welt vorwärtsgeht. Während
der Orientale die Gegenwart schwebend sieht, im Gleich-
137
gewicht zwischen der Vergangenheit und der Zukunft —
erscheint sie dem Europäer als rollende Kugel, die sich
immer schneller von ihrer Vergangenheit loslöst, um
einer unbekannten Zukunft zuzueilen. DerOrientale
steht jenseits der Zeit; der Europäer geht
mit der Zeit: er stößt die Vergangenheit ab und um-
armt seine Zukunft. Seine Geschichte ist eine stete Ab-
rechnung mit der Vergangenheit und ein Drängen nach
Zukunft. Weil er das Vorwärtsschreiten der Zeit mit-
erlebt, bedeutet Stillstand für ihn Rückschritt. Er lebt in
der heraklitischen Welt des Werdens — der
Orientale in der parmenidischenWeltdesSeins.
Infolge dieser Einstellung ist unser Zeitalter nur aus
der Perspektive des kommenden zu werten. Es ist eine
Zeit der Vorbereitung und des Kampfes, der
Unreife und des Überganges. Wir sind ein junges Ge-
schlecht. das über die Brücke zweier Welten schreitet
und am Beginn eines unbetretenen Kulturkreises steht:
so erleben wir unser stärkstes Gefühl im \ orwärts-
dringen, im Wachsen und Kämpfen — nicht im fried-
lichen Genuß orientalischer Reife. Nicht Lust ist
unser Ziel — sondern Freiheit; nicht Be-
schaulichkeit ist unser Weg — sondern
rp ^ p
2. ARBEITSPFLICHT
Der Ausbau des Arbeitsstaates ist die eine
Kulturpflicht unseres Zeitalters. Der Arbeitsstaat ist die
letzte Etappe des Menschen auf seinem Wege in das
Kulturparadies der Zukunft.
Den Arbeitsstaat ausbauen, heißt: alle erfaßbaren
Arbeitskräfte der Natur und des Menschen aut ratio-
nellste Weise in den Dienst der Produktion* und des
technischen Fortschrittes stellen. —
138
In einer Epoche, die an den Grundlagen kommender
Kulturen baut, hat niemand ein Recht auf Muße. Die
allgemeine Arbeitspflicht ist eine ethische und
technische Pflicht zugleich.
Ein ideales Programm für den Ausbau des Arbeits-
staates hat Popper - Lyn keus entworfen in seinem
Werke: „Die allgemeine Nährpflicht.“ Er
fordert darin, daß an die Stelle der Wehrpflicht eine
allgemeine, obligatorische Arbeitsdienstpflicht tritt, diese
würde mehrere Jahre dauern und den Staat in die Lage
setzen, jedem seiner Mitglieder zeitlebens ein Existenz-
minimum an Nahrung, Wohnung, Kleidung, Heizung
und ärztlicher Pflege zu garantieren. Dieses Programm
könnte das Elend und die Sorge brechen und zugleich
die Diktatur der Kapitalisten und Proletarier. Die Klas-
senunterschiede würden durch die allgemeine Arbeits-
pflicht ebenso aufhören, wie durch die Durchführung
der allgemeinen Wehrpflicht im Kriege der Gegensatz
zwischen Berufssoldaten und Zivilisten. — Die Abschaf-
'V ■** - -
fung des Proletariates aber ist ein erstrebenswerteres
Ideal als dessen Herrschaft. —
Die allgemeinste Zwangsarbeit ist der Preis, den
Popper-Lvnkeus für die Beseitigung des Elends und der
Sorge fordert. Diese Zwangsarbeit durch Förderung der
Technik und Verbesserung der Organisation auf ein Mi-
nimum zu reduzieren und schließlich durch freiwillige
Arbeit zu ersetzen — bildet den zweiten Programmpunkt
des Arbeitsstaates.
Die Hoffnung, die Lenin in „Staat und Revolu-
tion“ äußert, die Menschheit würde auch nach Abschaf-
fung der Zwangsarbeit freiwillig weiter arbeiten, ist für
den Nordländer keine Utopie. Denn der rastlose Euro-
päer und Amerikaner findet in der Untätigkeit keine
139
Befriedigung; durch mehrtausendjährigen Zwang ist ihm
Arbeit zur zweiten Natur geworden: er braucht sie, um
seine Kräfte zu üben und das Gespenst der Langeweile
zu bannen. Sein Ideal ist tätig, nicht beschau-
lich. Aus diesem Grunde — nicht aus Habsucht —
arbeiten die meisten Millionäre des Westens rastlos
weiter, statt ihren Reichtum sorglos zu genießen; aus
dem gleichen Grunde betrachten auch viele Angestellten
ihre Pensionierung als Schicksalsschlag, weil sie die ge-
wohnte Arbeit dem erzwungenen Müßiggang vor-
ziehen. —
Beim heutigen Stande der Technik wäre diese frei-
willige Arbeit noch unzureichend zur Bannung der
Not: noch sind viel Überarbeitung und Zwangsarbeit not-
wendig. um den Weg freizumachen für eine schöne und
freie Arbeit der Zukunft.
Diesen Weg in die Zukunft bahnen die Erfinder.
Ihr unermüdliches und stilles Schaffen ist wesentlicher
und bedeutsamer für die Kultur als das laute Treiben der
Politiker und Künstler, die sich in den Vordergrund
der Weltarena drängen. Die moderne Gesellschaft ist
verpflichtet, auf jede erdenkliche Weise ihre Erfinder
und deren Tätigkeit zu fördern: ihnen müßte sie die Vor-
zugsstellung gewähren, die das Mittelalter seinen Mön-
chen und Priestern einräumte und ihnen so die Möglich-
keit bieten, ohne Sorgen ihre Erfindungen auszubauen.
Wie die Erfinder die wichtigsten Persön-
lichkeiten unserer Epoche sind, so sind die Indu-
striearbeiter deren wichtigster Stand: denn
sie bilden den Vortrupp im Kampfe des Menschen um
die Erdherrschaft und gebären die Gebilde, die von Er-
findern gezeugt werden. —
140
3. PRODUZENTEN- UND KONSUMENTEN-
STAAT
*
Eine weitere Pflicht des Arbeitsstaates ist die H e-
bung des allgemeinen Wohlstandes durch
Steigerung der Produktion.
Sobald mehr Lebensmittel auf den Markt geworfen
werden, als verzehrt werden können — hört der Hunger
auf und der selige Naturzustand der Brotbaumländer
kehrt auf höherer Stufe wieder.
Nur wenn eine Stadt mehr Wohnungen baut, als sie
Familien beherbergt, bannt sie die Wohnungsnot, die sie
durch Zwangseinquartierungen nur lindert, verteilt und
verschiebt.
Nur wenn ebensoviele Autos erzeugt werden wie
Taschenuhren, wird jeder Arbeiter Autobesitzer sein:
nicht, indem Volkskommissäre sich in beschlagnahmte
Autos von Bankdirektoren setzen.
J ( ur durch Produktion, nicht durch Kon-
fiskation kann sich der Wohlstand eines
Volkes dauernd heben. —
Im kapitalistischen Staate ist die Produktion
abhängig von der Preisbildung. Wenn es im Inter-
esse der Preisbildung liegt, ist der Produzent ebenso ent-
schlossen, Waren zu vernichten wie zu erzeugen, die
Technik zu hemmen wie zu fördern, die Produktion zu
drosseln wie zu steigern. Steht die technische und kultu-
relle Entwicklung im Einklang mit seinen Interessen,
so ist er bereit, sie zu fördern — stehen sie zu einander
im Widerspruch, so entscheidet er sich unbedenklich für
den Gewinn gegen die Technik, Produktion und Kultur.
Es liegt im dauernden Interesse der Produ-
zenten, daß die Nachfrage immer das Angebot iiher-
141
steigt — - während es im Interesse der Konsu-
menten liegt, daß das Angebot die Nachfrage über-
steigt.
Der Produzent lebt von der Not des Konsumenten: die
Getreideproduzenten leben davon, daß Menschen hun-
gern; die Kohlenproduzenten leben davon, daß Men-
schen frieren. Sie haben ein Interesse daran, Hunger und
Frost zu verewigen. Das Getreidekapital wäre entschlos-
sen, die Erfindung eines Brotersatzes — das Kohlen-
kapital, die Erfindung eines Kohlenersatzes zu sabo-
tieren; sie würden gegebenenfalls versuchen, die betref-
fende Erfindung aufzukaufen und zu vernichten. Die
Arbeiter der betreffenden Produktionszweige wären mit
ihren Unternehmern solidarisch, um nicht Arbeit und
Einkommen zu verlieren.
Die industriellen Unternehmer und Arbeiter sind an
der Preissteigerung ihrer Industrieartikel interessiert, —
die Landwirte und Landarbeiter an der Preissteigerung
ihrer Bodenprodukte. Als Produzenten gehen die
Wünsche der Menschen auseinander — während als
Konsumenten alle Menschen das gleiche, gemein-
same Ziel haben: Reduktion der Preise durch
Steigerung der Produktion.
Ein weiterer Unfug des Produzentenstaates ist die
Reklame. Sie ist eine notwendige Folge des Konkur-
renzkampfes und besteht in der Erhöhung der Nachfrage
durch künstliche Weckung der menschlichen Begehr-
lichkeit. Dieses Zurschaustellen und Aufdrängen des
Luxus, der die Begehrlichkeit weckt, ohne sie je befrie-
digen zu können — wirkt heute als Hauptursache
des allgemeinen Neides, der allgemeinen
Unzufriedenheit und Verbitterung. Kein
Großstädter kann alle ausgestellten Waren kaufen, die
142
in den Auslagen seine Augen blenden: er muß sich also
immer arm fühlen, gemessen an diesen au fgestap eiten,
ausgestellten Reichtümern und Genüssen. Die seelischen
Verheerungen, welche die Reklame anrichtet, lassen sich
nur beseitigen durch Abschaffung der Konkurrenz; der
Konkurrenzkampf wieder läßt sich nur beseitigen durch
eine Abkehr vom Kapitalismus.
Trotz der großartigen Förderung, die das technische
Zeitalter dem Kapitalismus verdankt, darf es nicht blind
werden gegen die Gefahren, die von dieser Seite drohen:
es muß rechtzeitig ein besseres System zur Durchführung
bringen, das die Fehler des Kapitalismus vermeidet.
Der Rivale und Erbe des kapitalistischen Unterneh-
merstaates, der kommunistische Arbeiter staat,
übernimmt einen Teil der Fehler seines Vorgängers:
denn auch in ihm herrscht eine Produzenten-
gruppe, auch er ist ein Produzentenstaat.
Der Kulturstaat der Zukunft hingegen wird Konsu-
mentenstaat sein: seine Produktion wird von den
Konsumenten kontrolliert werden — nicht, wie heute,
der Konsum durch die Produzenten. Es wird nicht dem
Gewinn — sondern der allgemeinen Wohlfahrt und
Kultur zuliebe produziert werden: nicht um der Produ-
zenten. sondern um der Konsumenten willen.
Es ist die künftige Mission des Parlamentes, die
übereinstimmenden Interessen aller Konsumenten zu
vertreten und zu verteidigen gegen die divergierenden
Interessen der Produzentengruppen, deren Sprachrohr
heute noch die Abgeordneten und Parteien sind.
4. REVOLUTION UND TECHNIK
Der wirtschaftliche Umsturz, der die heutige
Produktionsanarchie Europas zu neuer Ordnung um-
143
schaffen soll, darf seine produktive Mission nie
vergessen und muß sich hüten, in die destruktiven
Methoden Rußlands zu verfallen. Denn Europa
ist durch seine Nordlage und Übervölkerung mehr
als jeder andere Erdteil auf organisierte Arbeit und indu-
strielle Produktion angewiesen. Es kann nicht einmal
vorübergehend von den Almosen seiner geizigen Natur
leben; alles, was es erreicht hat, verdankt es den Taten
seiner Arbeitsarmee. Deren radikale Desorganisation
durch Krieg oder Anarchie bedeutet den Kulturtod
Europas: denn durch einen vorübergehenden Still-
stand der europäischen Produktion müßten mindestens
hundert Millionen Europäer verhungern; eine solche
Katastrophe könnte Europa, dem die Widerstandskraft
Rußlands fehlt, nicht überleben. —
Die Ethik fordert vom kommenden Um-
sturz Europas, daß er das menschliche
Leben schont und heiligt — :
die Technik fordert vom kommenden Um-
sturz Europas, daß er das menschliche
Schaffen schont und heiligt.
Wer einen Menschen mutwillig tötet — frevelt am
heiligen Geiste der Gemeinschaft; wer eine Maschine
mutwillig zerstört — frevelt am heiligen Geiste der
Arbeit. Dieses doppelten Frevels hat sich im höchsten
Grade schuldig gemacht der Kapitalismus im Weltkriege,
der Kommunismus in der russischen Revolution. Beide
kannten weder Ehrfurcht vor menschlichem Leben
noch vor menschlichem Schaffen.
Wenn Europa belehrbar ist, kann es von der russi-
schen Revolution lernen, welche Methoden es
nicht anwenden darf; denn an ihr hat es ein warnendes
Beispiel für die Bedeutung der Technik und für die
144
Rache, die sie an ihren Verächtern nimmt. Rußlands
Machthaber wähnten, ihr Land und die Welt mit ethi-
schen Zielen und militärischen Mitteln allein erlösen zu
können — statt durch Arbeit und Technik. Sie haben
die Industrie und Technik ihres Landes der Politik zum
Opfer gebracht. Während sie aber nach den Sternen der
Gleichheit griffen, verloren sie den Boden der Produk-
tion unter ihren Füßen — und stürzten so in den Ab-
grund des Elends. Um sich aus diesem Abgrund, in dem
Rußlands Völker verkommen, zu retten, sehen sich die
Kommunistenführer gezwungen, ihre kapitalistischen
Todfeinde zu Hilfe zu rufen gegen die übermächtige rus-
sische Natur, die einst Napoleons große Armee zer-
schmettert hat und heute den Bolschewismus mit dem
gleichen Verhängnis bedroht.
Folgt Europa dem destruktiven Beispiel der russischen
Revolution, so riskiert es, statt zu einer neuen, nach-
kapitalistischen Ordnung durchzudringen, in die Primi-
tivität vorkapitalistischer Barbarei zurückzusinken und
gezwungen zu sein, noch einmal die kapitalistische Epo-
che zu durchleben. Seine Geistesklarheit möge es vor
diesem tragischen Schicksal bewahren: sonst ergeht es
ihm wie einem Patienten, der in der Narkose an Herz-
schwäche stirbt — während an ihm eine geniale Opera-
tion vollzogen wird. Denn der Herzschlag Europas ist
die Technik: ohne Technik kann es nicht leben — auch
unter der freiesten Verfassung. Bevor an die Güterver-
teilung geschritten werden kann, muß die Gütererzeu-
gung gesichert werden: denn was nützt Gleichheit, wenn
alle verhungern? Und was schadet Ungleichheit, wenn
niemand Not leidet?
Die europäische Revolution müßte ihre Pro-
duktion vervielfachen, statt sie zu vernichten — ihre
10 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus.
145
Technik beleben, statt sie zu zerstören. Nur dann hätte
sie Aussicht auf Erfolg und auf dauernde Verwirklichung
ihrer ethischen Ideale.
Die technische Organisation und der Maschinenpark
Europas bilden das Fundament seiner künftigen Kultur;
versucht Europa, diesem Kulturbau das politische Dach
aufzusetzen, bevor dessen technische Grundmauern
stehen — stürzt der Bau zusammen und begräbt unter
seinen Trümmern die leichtfertigen Baumeister mitsamt
den bedauernswerten Bewohnern. —
5. GEFAHREN DER TECHNIK
Wohin ethische Forderungen führen, wenn sie blind
sind gegen technische Notwendigkeiten — hat der Ver-
lauf der russischen Revolution gezeigt;
wohin technische Fortschritte führen, wenn sie blind
sind gegen ethische Notwendigkeiten — hat der Ver-
lauf des Weltkrieges gezeigt.
Technik ohne Ethik muß ebenso zu Kata-
strophen führen, wie Ethik ohne Technik.
Wenn Europa in ethischer Hinsicht keine Fortschritte
macht, muß es aus einem Weltkriege in den anderen
taumeln: diese werden um so fürchterlicher sein, je
höher sich inzwischen die Technik entwickelt. Euro-
pas Zusammenbruch ist also unvermeid-
lich. wenn nicht sein ethischer Fortschritt
Schritt hält mit dem technischen. Dennoch
wäre es ebenso lächerlich und feige, wegen der Möglich-
keit technischer Kulturkatastrophen die Technik als
solche zu bekämpfen und zu verdammen — wie es
lächerlich und feige wäre, wegen der Möglichkeit von
Eisenbahnunfällen die Eisenbahn zu vermeiden und zu
verpönen.
146
Während Europa den Arbeitsstaat ausbaut, darf es
nie vergessen, den Kulturstaat vorzu bereiten.
Die Träger der ethischen Entwicklung: Lehrer und
Priester, Künstler und Schriftsteller — bereiten den Men-
schen auf den großen Festtag vor, der das Ziel der Tech-
nik ist. Ihre Bedeutung ist ebenso groß, wie die der Inge-
nieure, Chemiker, Ärzte: diese gestalten den Leib der
kommenden Kultur — jene die Seele. Denn Technik
ist der Leib, Ethik die Seele der Kultur. Hier
liegt ihr Gegensatz — hier ihre Verwandtschaft. —
Ethik lehrt den Menschen den rechten Gebrauch der
Macht und Freiheit, die ihm Technik gewährt. Ein
Mißbrauch der Macht und Freiheit ist für den Menschen
verhängnisvoller als Ohnmacht und Unfreiheit: durch
die menschliche Bosheit könnte das Leben in der künf-
tigen Periode der Muße noch schrecklicher werden als
in der gegenwärtigen Periode der Zwangsarbeit.
Von der Ethik hängt es ab, ob die Technik
den Menschen in die Hölle führt oder in
den Himme 1.
Die Maschine trägt einen Januskopf: geistvoll gehand-
habt. wird sie Sklavin des Zukunftsmenschen sein und
ihm Macht. Freiheit. Muße und Kultur sichern — geist-
los gehandhabt. wird die Maschine den Menschen ver-
sklaven und ihm den Rest seiner Macht und Kultur
rauben. Gelingt es nicht, die Maschine zu einem Organ
des Menschen zu machen — so muß der Mensch zu
einem Bestandteil der Maschine herabsinken.
Technik ohne Ethik ist praktischer Materia-
lismus: er führt zum Untergang des Menschlichen im
Menschen, und zu seiner Verwandlung in eine Maschine;
er verleitet den Menschen, sich zu veräußerlichen und
seine Seele an Dinge hinzugeben. Aller technische
10 *
147
Fortschritt aber wird schädlich und wertlos, wenn der
Mensch, indes er die Welt erobert, seine Seele verliert:
dann wäre es besser, er wäre Tier geblieben.
Wie unter Kriegsvölkern Heere und Kriege notwendig
waren zur Erhaltung der Freiheit und der Kultur — so
sind in armen und übervölkerten Erdteilen Arbeit und
Technik notwendig zur Erhaltung des Lebens und der
Kultur. Die Armee muß aber politischen Zielen dienst-
bar bleiben — die Technik ethischen. Eine Technik,
die sich von der Ethik emanzipiert und sich für einen
Selbstzweck hält, ist ebenso verhängnisvoll für die
Kultur, wie für einen Staat eine Armee, die sich von der
Politik emanzipiert und sich für einen Selbstzweck hält:
ein führerloser Industrialismus muß die Kultur ebenso
in den Abgrund reißen — wie ein führerloser Militaris-
mus den Staat.
Wie der Körper Organ der Seele ist, so muß sich die
Technik der ethischen Führung unter-
werfen; sie muß sich hüten, in den Irrtum zu verfallen,
den die Kunst bei der Proklamierung des l'art pour l’art
begangen hat; denn weder Kunst noch Technik,
noch Wissenschaft, noch Politik sind
Selbstzweck: sie alle sind nur Wege, die
zum Menschen führen — zum starken, voll-
endeten Menschen. - —
6. ROMANTIK DER ZUKUNFT
In harten und schweren Zeiten wächst die Sehnsucht
und mit ihr die Romantik.
Auch unsere Zeit hat eine Romantik geboren: überall
regt sich die Sehnsucht nach fremden, schöneren Wel-
ten, die uns hinweghelfen sollen über das graue Einerlei
148
unserer Arbeitstage. Die Pflegestätten moderner Roman-
tik: Kinos, Theater und Romane sind wie Fen-
ster, aus denen die Zwangsarbeiter des europäischen
Zuchthauses hinausblicken können ins Freie. —
Die moderne Romantik hat vier Hauptformen:
Die Romantik der Vergangenheit, die uns zu-
rückversetzt in buntere und freiere Epochen unserer
Geschichte;
die Romantik der Ferne, die uns den großen
Osten und den wilden Westen erschließt;
die R om antikdes Okkulten, die eindringt in die
verschlossensten Bezirke des Lebens und der Seele und
den öden Alltag mit Wundern und Geheimnissen erfüllt;
die R o m a n t i k der Zukunft, die den Menschen
über das trostlose Heute hinwegtröstet durch den Aus-
blick auf ein goldenes Morgen.
Spengler, Kayserling und Steiner kommen
dieser modernen Romantik entgegen; Spengler erschließt
uns die Kulturen der Vergangenheit — Kayserling die
Kulturen der Ferne — Steiner das Reich des Okkulten.
Die große Wirkung, die diese Männer auf das deutsche
Geistesleben ausüben, ist teilweise zurückzuführen auf
die romantische Sehnsucht des schwergeprüften deut-
schen Volkes, das in die Vergangenheit, in die Ferne
und zum Himmel blickt, um dort Trost zu finden. —
In die Vergangenheit, in die Ferne und ins Jenseits
führt die Phantasie — in die Zukunft die Tat. Daher
wirkt weder Historismus, noch Orientalismus, noch Ok-
kultismus als die eigentlich treibende Kraft unserer Zeit
— sondern die Romantik der Zukunft: sie hat die
Idee des Zukunftsstaates geboren und damit die
Weltbewegung des Sozialismus: sie hat die Idee des
149
Übermenschen gezeugt und damit die Umwertung
der Werte eingeleitet.
Marx, der Verkünder des Zukunftsstaates und
Nietzsche, der Verkünder des Übermenschen sind
beide Romantiker der Zukunft. Sie verlegen das
Paradies weder in die Vergangenheit — noch in die
Ferne — noch in das Jenseits: sondern in die Zukunft.
Marx predigt das kommende Weltreich der Arbeit —
Nietzsche das kommende Weltreich der Kultur. Alles,
was sich heute mit dem Ausbau des Arbeitsstaates
befaßt, muß Stellung nehmen zum Sozialismus — alles,
was sich heute mit der Vorbereitung des Kultur-
staates befaßt, muß Stellung nehmen zum Übermen-
schen. Marx ist der Prophet des Morgen —
Nietzsche der Prophet des Übermorgen.
Alle großen sozialen und geistigen Ereignisse im heu-
tigen Europa knüpfen irgendwie an das Werk dieser
beiden Männer an: die soziale und politische Weltrevolu-
tion steht im Zeichen Marx' — die ethische und geistige
Weltrevolution steht im Zeichen Nietzsches. Ohne diese
beiden Männer wäre das Antlitz Europas ein anderes. —
Marx und Nietzsche, die Verkünder des sozialen
und des individualen Zukunftsideales, sind beide Euro-
päer, Männer, Dynamiker. Aus der Fixierung ihrer
Ideale in die Zukunft ergeben sich Wille und Notwendig-
keit, sie durch Taten zu verwirklichen. Ihre dynamischen
Ideale enthalten Forderungen: sie wollen den Men-
schen nicht nur belehren, sondern bezwingen; sie drehen
seinen Blick nach vorwärts und wirken so als Um-
schöpfer der Gesellschaft und des Menschen. In ihrer
Polarität spiegelt sich das Wesen des europäischen
Geistes und die Zukunft des europäischen Schicksals. —
Das höchste, letzte Ideal europäischer Zukunfts-
150
romantik ist: nicht Abkehr — sondern Riickkehrzur
Natur auf höherer Ebene. Im Dienste dieses
Ideales steht die Kultur, die Ethik und die Technik. Nach
hunderttausenden von Kriegsjahren soll der Mensch
wieder Frieden schließen mit der Natur und heimkehren
in ihr Reich; aber nicht als ihr Geschöpf — sondern als
ihr Herr. Denn der Mensch steht im Begriffe, die Ver-
fassung seines Planeten zu stürzen: gestern war sie anar-
chisch, morgen soll sie monarchisch werden. Eines
unter den Milliarden Geschöpfen greift
nach der Krone der Schöpfung: der freie,
entfaltete Mensch als königlicher Gebieter
der Erde. —
151
PAZIFISMUS
19 2 4
Den toten, lebenden, kommenden
Helden des Friedens!
1. ZEHN JAHRE KRIEG
Der Friede, der vor zehn Jahren in Trümmer ging,
ist bis heute nicht wiederhergestellt.
Auf die fünfjährige Kriegsperiode folgte für
Europa eine fünfjährige Halbkriegsperiode. In
diese Periode fällt der russisch-polnische und der
griechisch-türkische Krieg, die Ruhrbesetzung, die
Kämpfe in Oberschlesien, Litauen, Westungarn, Fiume,
Korfu, die Bürgerkriege in Deutschland, Italien,
Spanien, Ungarn, Irland, Griechenland, Bulgarien und
Albanien, das Umsichgreifen der politischen Morde und
der Völkerverhetzung, der Zusammenbruch von Wäh-
rungen und die Verarmung ganzer Völker.
Dieses schlimmste Jahrzehnt europä-
ischer Geschichte seit der Völkerwanderung
bildet eine schlimmere Anklage gegen den Krieg, als
Pazifisten sie jemals Vorbringen konnten und können:
dennoch ist dieser Angeklagte weder an seiner Freiheit,
noch an seiner Ehre, noch an seinem Leben bestraft
worden, sondern läßt sich überall als Triumphator
feiern, diktiert die europäische Politik und bereitet sich
vor, von neuem über die Völker Europas herzufallen,
um sie endgültig zu vernichten.
Denn es ist zweifellos, daß infolge der Fortschritte der
Kriegstechnik, insbesondere der Giftfabrikation und der
Aviatik, der nächste europäische Krieg diesen Erdteil
nicht schwächen, sondern vernichten würde.
Zu dieser Gefahr, die ihn persönlich unmittelbar be-
trifft, muß jeder Europäer Stellung nehmen. Erscheint
sie ihm unabwendbar, so bleibt als einzige logische
Konsequenz die Auswanderung nach einem fremden
155
Erdteil. Erscheint sie ihm abwendbar, so bleibt als
Pflicht der Kampf gegen die Kriegsgefahr und deren
Träger: die Pflicht zum Pazifismus.
Europäer zu bleiben, ist heute nicht nur ein Schicksal
— sondern auch eine verantwortungsvolle Aufgabe, von
deren Lösung die Zukunft aller und jedes Einzelnen
abhängt.
*
Pazifismus ist heute in Europa die ein-
zige Realpolitik. Wer von einem Kriege das Heil
hofft, gibt sich romantischen Illusionen hin.
Die Mehrzahl der europäischen Politiker scheint dies
zu erkennen und den Frieden zu wünschen — und mit
ihnen die überwältigende Mehrzahl der Europäer.
Diese Tatsache kann den Pazifisten nicht beruhigen,
der sich daran erinnert, daß dies auch 1914 der Fall
war; auch damals wollten die meisten Staatsmänner
und die Majorität der Europäer den Frieden: und den-
noch brach, gegen ihren Willen, der Krieg aus.
Dieser Kriegsausbruch erfolgte durch einen inter-
nationalen Staatsstreich der kriegsfreund-
lichen Minoritäten gegen die kriegsfeindlichen Majori-
täten Europas.
Dieser Staatsstreich, von langer Hand vorbereitet, er-
griff einen günstigen Anlaß, überrumpelte durch Lügen
und Schlagworte die ahnungslosen Völker, deren
Schicksal nun durch Jahre jenen Minoritäten preis-
gegeben blieb.
So kam es zum Weltkrieg durch die Entschlossenheit
der Militaristen und die Schwäche der Pazifisten. So-
lange dieses Verhältnis bleibt, kann täglich ein neuer
europäischer Krieg ausbrechen. Denn heute wie damals
steht eine kleine aber tatkräftige Kriegsminorität einer
großen aber energielosen Friedensmajorität gegenüber;
sie spielt mit dem Krieg, statt ihn zu zerstampfen; sie
besänftigt die Kriegshetzer, statt sie niederzuwerfen und
schafft so die gleiche Lage wie 1914.
♦
156
Der Pazifismus vergißt, daß ein Wolf stärker ist als
tausend Schafe und daß die Zahl in der Politik wie
in der Strategie nur dann entscheidet, wenn sie gut ge-
führt und gut organisiert ist.
Dies ist der Pazifismus heute so wenig wie vor zehn
Jahren: wäre er dies schon damals gewesen, so wäre der
Krieg nicht ausgebrochen; wäre er dies heute, so wäre
Europa vor einem neuen Kriege sicher.
Die Ohnmacht des Pazifismus liegt heute wie damals
darin, daß zwar sehr viele den Frieden wünschen,
aber sehr wenige ihn wollen; daß viele den Krieg
fürchten — aber nur wenige ihn bekämpfen.
157
2. KRITIK DES PAZIFISMUS
Die passive Kriegsschuld trifft den
europäischen Pazifismus. Seine schlechte
Führung, seine Schwäche und Charakterlosigkeit hat
die Kriegshetzer ermutigt, den Krieg zu beginnen.
Die Anhänger des Friedensgedankens, die 1914 für ihr
Ideal nicht rechtzeitig und nicht stark genug eingetreten
sind, sind mitverantwortlich am Kriegsausbruch.
Wenn aber heute, nach dieser Erfahrung und Er-
kenntnis, ein Gegner des Krieges bei jener Passivität be-
harrt, so ladet er eine noch schwerere Schuld auf sich,
indem er dem Zukunftskrieg indirekt Vorschub leistet.
Ein reicher Pazifist, der heute den Frieden nicht
finanziert, ist ein halber Kriegshetzer.
Ein pazifistisch gesinnter Journalist, der heute den
Frieden nicht propagiert — ist ebenfalls ein halber
Kriegshetzer.
Ein Wähler, der aus innerpolitischen Motiven einen
Kandidaten wählt, von dessen Friedenswillen er nicht
überzeugt ist — unterschreibt damit sich und seinen
Kindern ein halbes Todesurteil.
Die Pflicht jedes Pazifisten ist: im Rahmen seiner
Möglichkeiten den drohenden Zukunftskrieg zu ver-
hindern; tut er nichts nach dieser Richtung, so ist er
entweder kein Pazifist oder pflichtvergessen.
*
Der Pazifismus hat aus dem Kriege nichts ge-
lernt: er ist heute wesentlich der gleiche wie 1914.
Wenn er seine Fehler nicht erkennt und sich nicht
158
wandelt, wird der Militarismus auch in Zukunft über
ihn hinwegschreiten.
Die Hauptfehler des europäischen Pazi-
fismus sind:
Der Pazifismus ist unpolitisch: unter seinen
Führern sind zu viele Schwärmer, zu wenig Politiker.
Darum baut der Pazifismus vielfach auf Illusionen,
rechnet nicht mit gegebenen Tatsachen, nicht mit der
menschlichen Schwäche, Unvernunft und Bosheit: so
zieht er aus falschen Voraussetzungen falsche Schlüsse.
Der Pazifismus ist uferlos; er versteht es nicht,
seine Ziele zu beschränken; er erreicht nichts, weil er
alles zugleich will.
Der Pazifismus ist weitsichtig; er ist vernünftig
im Ziel — aber unvernünftig in den Mitteln. Er richtet
sein Wollen auf die Zukunft — und überläßt die Gegen-
wart den Intriguen der Militaristen.
Der Pazifismus ist planlos: er will den Krieg ver-
hindern, ohne ihn zu ersetzen; seinem negativen Ziel
fehlt das positive Programm einer aktiven Weltpolitik.
Der Pazifismus ist zersplittert; er hat Sekten,
aber keine Kirche; seine Gruppen arbeiten isoliert, ohne
einheitliche Führung und Organisation.
Der Pazifismus pflegt Anhängsel, statt
Mittelpunkt politischer Programme zu sein; ihr
Mittelpunkt ist eine innerpolitische Einstellung, während
ihr Pazifismus mehr taktisch als prinzipiell ist.
Der Pazifismus ist inkonsequent; er hält sich
meist bereit, einem „höheren Ideal“, das heißt einem ge-
schickten Schlagwort gegenüber kritiklos zurückzu-
treten, wie er dies 1914 getan hat und auch künftig zu
tun bereit wäre.
*
Das größteÜbel d e s P a z i f i s m u s sind
die Pazifisten. Daran ändert auch die Tatsache
nichts, daß sich unter ihnen die besten und bedeutend-
sten Männer unserer Zeit finden. Diese sind von der
folgenden Kritik ausgenommen.
159
Die meisten Pazifisten sind Phantasten, welche
die Politik und deren Mittel verachten, statt sie zu be-
treiben; darum werden sie, sehr zum Schaden ihres
Zieles, politisch nicht ernst genommen.
Viele Pazifisten glauben, die Welt durch Predigen
zu ändern — statt durch Handeln: sie kompromittieren
den politischen Pazifismus, indem sie ihn mit religiösen
und methaphysischen Spekulationen durchsetzen.
Meist ist die Furcht vor dem Kriege die Mutter des
Pazifismus. Erstreckt sich diese Furcht vor der Gefahr
auch auf das sonstige Leben der Pazifisten, so verhindert
es sie, sich für den Friedensgedanken zu exponieren.
Die Tapferkeit und Opferwilligkeit der
Pazifisten ist seltener als die der Militaristen; viele er-
kennen die Kriegsgefahr — aber wenige bringen persön-
liche oder materielle Opfer, um sie abzuwenden. Statt
Kämpfer — sind sie Drückeberger des Pazi-
fismus, die anderen den Kampf überlassen, an dessen
Früchten sie teilnehmen.
Viele Pazifisten sind sanfte Naturen, die nicht nur
den Krieg scheuen — sondern auch den Kampf gegen
den Krieg; ihr Herz ist rein, aber ihr Wille schwach
und daher ihr Kampfwert illusorisch.
Die meisten Pazifisten sind überzeugungs-
schwach — wie die meisten Menschen; unfähig,
einer Massensuggestion im entscheidenden Augenblick
zu trotzen — sind sie Pazifisten im Frieden, Militaristen
im Kriege. Nur eine feste Organisation, geführt von
einem starken Willen, kann sie dauernd in den Dienst
des Friedens zwingen.
160
3. RELIGIÖSER UND POLITISCHER
PAZIFISMUS
Der religiöse Pazifismus bekämpft den Krieg, weil er
unsittlich — der politische Pazifismus, weil er u n-
rentabel ist.
Der religiöse Pazifismus sieht im Krieg ein V e r-
brechen — der politische Pazifismus eine Dumm-
heit.
Der religiöse Pazifismus will den Krieg abschaffen
durch Änderung des Menschen-der poli-
tische Pazifismus will den Krieg verhindern durch
Änderung der Verhältnisse. —
Beide Formen des Pazifismus sind gut und berech-
tigt: gesondert dienen sie dem menschlichen Frieden
und Fortschritt; nur in ihrer Vermischung schaden sie
einander mehr, als sie einander nützen. Hingegen sollen
sie einander bewußt unterstützen: es ist also selbstver-
ständlich. daß der politische Pazifist sich auch ethischer
- rgumente bedient, um die Werbekraft seiner Propa-
ganda zu stärken; und daß der religiöse Pazifist im Ent-
scheidungsfall die pazifistische Politik unterstützen
wird — statt der militaristischen.
In seinen Methoden muß sich aber der praktische
I azifismus vom ethischen Pazifismus emanzipieren:
sonst bleibt er unfähig, den Kampf gegen den Militaris-
mus erfolgreich zu führen.
In der Politik haben sich die machiavellisti-
sehen Methoden des Militarismus besser bewährt als
II Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus.
161
die tolstoischen Methoden des Pazifismus, der in-
folgedessen 1914 und 1919 kapitulieren mußte.
Will künftig der Pazifismus siegen, so muß er von
seinen Gegnern lernen und seine tolstoischen
Ziele mit machiavellistischen Mitteln
verfolgen: er muß von Räubern lernen, wie man mit
Räubern umgeht. Denn wer unter Räubern im Sinne der
Gewaltlosigkeit seine Waffe wegwirft, hilft damit nur
den Räubern, nur der Gewalt, nur dem Unrecht.
Darum muß der politische Pazifist die Tatsache aner-
kennen, daß in der Tagespolitik die Gewaltlosigkeit der
Gewalt nicht gewachsen ist; daß nur der auf Gewalt ver-
zichten kann, der, wie einst das Christentum, mit Jahr-
hunderten rechnet. Das kann aber Europa nicht: siegt
hier der Friede nicht bald, so werden in 300 Jahren
nur noch chinesische Archäologen seine Kirchhofsruhe
stören. Es genügt also nicht, daß der europäische Friede
siegt: siegt er nicht bald, ist sein Sieg illusorisch.
*
Wer ein Spiel erfolgreich spielen will, muß sich den
Spielregeln unterwerfen. Die Spielregeln der
Politik sind: List und Gewalt.
Will der Pazifismus in die Politik praktisch ein-
greifen, so muß er sich dieser Mittel zur Bekämpfung
des Militarismus bedienen. Erst nach seinem Siege
könnte er die Spielregeln ändern und Recht an die Stelle
von Macht setzen.
Solange jedoch in der Politik Macht vor Recht geht,
muß der Pazifismus sich auf Macht
stützen. Überläßt er die Macht den Kriegsfreunden,
während er sich selbst nur auf sein gutes Recht stützt —
so leistet er, aus Prinzipienreiterei, nur dem Zukunfts-
kriege Vorschub.
Ein Politiker, der keine Gewalt anwenden will, gleicht
einem Chirurgen, der nicht schneiden will: hier wie dort
kommt es darauf an, das richtige Maß zu finden
zwischen zu viel und zu wenig: sonst stirbt der Patient,
statt zu genesen.
162
Politik ist die Lehre von der Eroberung und dem
richtigen Gebrauch der Macht. Der innere Frieden aller
Länder wird aufrechterhalten durch Recht und Ge-
walt: Recht ohne Gewalt müßte sofort zu Chaos und
Anarchie führen, also zur schlimmsten Form der
Gewalt.
Das gleiche Schicksal droht dem internationalen
Frieden — wenn sein Recht keine Stütze in einer inter-
nationalen Machtorganisation findet.
Der Pazifismus als politisches Programm darf
also keinesfalls die Gewalt ablehnen: nur muß er sie
g e g e n den Krieg einsetzen — statt für den Krieg.
c>
*
Das Mißtrauen der friedliebenden Massen in die poli-
tische F iihrung der Pazifisten, das scheinbar paradox
ist, erklärt sich daraus, daß die meisten Pazifisten das
ABC der Politik nicht beherrschen.
Denn wie wir in einem Prozeß unsere Vertretung
lieber einem geschickten Anwalt anvertrauen, als einem
ungeschickten — auch wenn dieser noch so gütig ist: so
legen auch die Völker ihr Schicksal lieber in geschickte,
als in gütige Hände.
Die Pazifisten werden erst dann das politische Ver-
trauen der Massen erobern, wenn sie, nach den Worten
der Bibel, nicht nur sanft sind wie die Tauben — son-
dern auch klug wie die Schlangen; wenn sie nicht nur
edler in den Zielen — sondern auch geschickter
in den Mitteln sind, als ihre militaristischen
Rivalen.
11 *
163
4. REFORM DES PAZIFISMUS
Die neue Zeit fordert einen neuen Pazifismus.
Staatsmänner sollen an seine Spitze treten, statt
Träumer; Kämpfer sollen seine Reihen füllen, statt
Nörgler!
Nur ein staatskluger Pazifismus kann die
Massen überzeugen — nur ein heroischer Pazi-
fismus kann sie hinreißen!
Die neuen Pazifisten sollen Optimisten des Willens
sein — aber Pessimisten der Erkenntnis. Sie sollen die
Gefahren, die dem Frieden drohen, weder übersehen
noch übertreiben — sondern: bekämpfen. Die Be-
hauptung: „Ein neuer Krieg ist unmöglich,“ ist ebenso
falsch wie die Behauptung: „Ein neuer Krieg ist unver-
meidlich.“ Ob die Kriegsmöglichkeit sich in Kriegswirk-
lichkeit verwandeln wird oder nicht, hängt in erster
Linie von der Tatkraft und Umsicht der Pazifisten ab.
Denn Krieg und Frieden sind keine Naturereignisse —
sondern Menschenwerk.
Darum muß der Pazifist dem Frieden gegenüber fol-
genden Standpunkt einnehmen:
„Der Friede ist bedroht;
Der Friede ist möglich;
Der Friede ist wünschenswert:
Schaffen wir also den Frieden!“
*
Der neue Pazifismus muß seine Ziele beschrän-
ken, um sie zu erreichen und nur das fordern, was er
entschlossen ist, durchzusetzen. Denn das Reich des Frie-
dens läßt sich nur schrittweise erobern und ein
164
Schritt vorwärts in der Wirklichkeit gilt mehr als
tausend Schritte in der Phantasie.
Uferlose Programme locken nur Phantasten — wäh-
rend sie Politiker abstoßen: ein Politiker kann aber für
den Frieden mehr tun, als tausend Phantasten!
*
Die Pazifisten aller Nationen, Parteien und Welt-
anschauungen müssen in der internationalen Politik eine
Phalanx bilden mit einheitlicher Führung und gemein-
samen Symbolen.
Eine Fusion so vieler divergierender Gruppen ist un-
möglich und unzweckmäßig — aber ihre Koopera-
tion ist möglich und notwendig.
Der Pazifismus muß von jedem Politiker Klarheit
f oi dem über seine Stellung zu Krieg und Frieden In
dieser Lebensfrage hat jeder Wähler ein Recht, 'den
Standpunkt seines Kandidaten genau zu kennen, zu
wissen, unter welchen präzisen Umständen dieser für
den Krieg stimmen würde und welche Mittel er an-
wenden will, um den Krieg zu verhindern.
Nur wenn die Wähler auf diese Weise in die Außen-
politik eingreifen, statt sich wie bisher mit Phrasen und
Schlagwörtern abspeisen zu lassen — könnten die Par-
lamente zu Spiegelbildern des Friedenswillen werden,
der die Massen der Arbeiter, Bauern und Bürger aller
bationen beseelt.
*
Der neue Pazifismus muß vor allem auch d i e P a z i-
fisten reformieren.
Der Pazifismus kann nur siegen, wenn die Pazifisten
bereit sind, im Kampf um den Frieden Opfer zu
bringen an Ehre, Geld und Leben; wenn die zahlkräf-
tigen Pazifisten zahlen — die tatkräftigen handeln.
Solange die Massen in den Militaristen, die täglich be-
reit sind, ihr Leben für ihr Ideal hinzugeben, Helden
165
sehen — in den Pazifisten aber Schwächlinge und Feig-
linge, wird die Begeisterung für den Krieg stärker sein,
als die Begeisterung für den Frieden.
Denn die Überzeugungskraft liegt in
den Dingen — die Begeisterungskraft
aber in den Me n s c h e n.
Diese Kraft, zu begeistern, wird um so stärker sein, je
mehr die Pazifisten Kämpfer, Apostel, Helden und
Märtyrer ihrer Idee werden — statt deren Anwälte und
Nutznießer. —
166
5. WELTFRIEDEN UND EUROPA-
FRIEDEN
Die Ziele des religiösen Pazifismus sind absolut und
einfach — die Ziele des politischen Pazifismus relativ
und vielfältig. Jedes politische Problem fordert eine be-
sondere Stellungnahme des Pazifismus.
Es gibt drei Haupttypen des Krieges: der A n-
g r i f f s-, Verteidig ungs- und Befreiungs-
krieg.
Alle Pazifisten sind Gegner des Eroberungskrieges;
der Weg zu seiner Bekämpfung ist klar vorgezeichnet:
gegenseitige Versicherung von Staaten zur gemein-
samen Abwehr des Friedensbrechers. Eine solche Or-
ganisation, wie sie heute der Völkerbund im Garantie-
pakt plant, wird in Zukunft die Völker vor Eroberungs-
kriegen schützen und ihnen zugleich individuelle Ver-
teidigungsaktionen ersparen.
Viel schwieriger ist das Problem des Befreiungs-
krieges. Denn dieser ist in der Form ein An-
griffskrieg — im Wesen aber ein Ver-
teidigungskrieg gegen eine erstarrte Eroberung.
Ein Pazifismus, der Befreiungskriege unmöglich macht,
ergreift damit die Partei der Unterdrücker. Anderseits
wäre die internationale Legitimierung des Befreiungs-
krieges ein Freibrief für Eroberungskriege.
Denn die Befreiung unterdrückter Völker und
Klassen bildet den beliebtesten Vorwand aller Erobe-
rungskriege; und da es überall Völker, Volkssplitter,
Rassen und Klassen gibt, die sich unterdrückt fühlen
oder es wirklich sind, wäre heute ein Pazifismus, der
den Befreiungskrieg gestattet, praktisch illusorisch.
*
167
Zwei Theorien stehen sich also hier gegenüber: der
konservative Pazifismus saturierter Völker,
deren Ziel die Bekämpfung jedes Friedensbrechers, die
Erhaltung des Status quo und der gegenwärtigen Herr-
schaftsverhältnisse ist — und der revolutionäre
Pazifismus, dessen Ziel ein letzter Weltkrieg zur
Befreiung aller unterdrückten Klassen, Völker und
Rassen und damit die Vernichtung jeder künftigen
Kriegsursache und die Begründung der pazifistischen
Weltrepublik ist.
Der konservative Pazifismus hat seine Zentrale im
Genfer Völkerbund — der revolutionäre in der
Moskauer Internationale.
*
Der Genf er Pazifismus will heute den Frieden
erhalten, ohne die Konfliktstoffe zu beseitigen, die zu
einem Zukunftskrieg zu führen drohen; der Mos-
kauer Pazifismus will die internationale Explo-
sion beschleunigen, um wenigstens für die Zukunft ein
gesichertes Friedensreich zu errichten.
Es ist zu fürchten, daß Genf zu schwach sein wird, um
den Frieden zu erhalten — und Moskau zu schwach, ihn
zu errichten. Darum bedrohen beide Tendenzen in
ihrem Radikalismus den Weltfrieden.
Ein teilweiser Ausweg aus diesem Dilemma ist ein
evolutionärer Pazifismus, dessen Ziel ein
schrittweiser Abbau der nationalen und sozialen Unter-
drückung bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Frie-
dens ist. Dieser Pazifismus, der wie ein schmales Seil
über einen doppelten Abgrund führt, erfordert das
höchste politische Geschick der Führer und ein großes
politisches Verständnis der Völker. Dennoch muß er von
allen versucht werden, die ehrlich den Frieden wollen.
*
Die beiden schwierigsten Friedensprobleme der Zu-
kunft sind: das indische und das australische
Problem. In der indischen Frage (die ein Spezial-
168
fall der allgemeinen Kolonialfrage ist) stehen sich der
Wille der indischen Kulturnation zur politischen Unab-
hängigkeit und der Wille Großbritanniens, es in seinem
Staatsverbande zu halten, scheinbar unversöhnlich
gegenüber. Diese Lage reizt die asiatischen (und halb-
asiatischen) Völker, sich eines Tages mit Indien zu
einem großen Befreiungskämpfe zu vereinigen.
Die australische Frage (die ein Spezialfall
der pazifischen Einwanderungsfrage ist) dreht sich um
die Aussperrung der Mongolen aus den angelsächsischen
Siedlungsgebieten. Der starke Bevölkerungszuwachs der
Mongolen steht in keinem Verhältnis zu ihrem Mangel
an Siedlungsgebieten und droht eines Tages zu einer
Explosion im pazifischen Ozean zu führen, wenn ihnen
kein Ventil geöffnet wird. Anderseits wissen die weißen
Australier, daß eine Zulassung der Mongolen sie binnen
kurzem in die Minorität drängen würde. Welche Lösung
dieses Problem finden wird, wenn einst China ebenso
gerüstet sein wird wie Japan, ist unbestimmt.
Die friedliche Lösung dieser Weltprobleme bildet eine
sehr schwierige Aufgabe der britischen, asiatischen und
australischen Pazifisten.
Die europäischen Pazifisten jedoch müssen klar
erkennen, daß eine kriegerische Lösung die-
ser Fragen wahrscheinlicher ist als eine
friedliche, daß ihnen aber die Macht und der Einfluß
fehlt, diese drohenden Kriege zu verhindern.
*
Diese Erkenntnis klärt die Mission des europä-
ischen Pazifismus: er hat nicht die Macht, den
Erdball zu pazifizieren — wohl aber hat er die Macht,
Europa den Dauerfrieden zu schenken, indem er die
europäische Frage löst und seinen Erdteil
davor bewahrt, in jene asiatische und pazifische Zu-
kunftskonflikte verwickelt zu werden. Infolgedessen
muß der politische Pazifismus Europas seine Ziele
beschränken und unterscheiden lernen, was er nur
169
wünschen — und was er auch erreichen kann. Ohne
seine Kräfte zu überspannen, muß er zunächst in seinem
eigenenErdteil um den Dauerfrieden ringen und
es den Amerikanern, Briten, Russen und Asiaten über-
lassen, in den ihnen zugefallenen Weltteilen den Frieden
zu erhalten. Dabei müssen aber alle Pazifisten der Welt
miteinander in ständiger Fühlung bleiben, da viele
Probleme (vor allem die Abrüstung), nur inter-
national zu lösen sind, und da der internationale
Pazifismus versuchen muß, Konflikte zwischen jenen
Weltkomplexen zu vermeiden und zu schlichten.
Im Verhältnis zu jenen ostasiatischen Kriegsgefahren
sind die europäischen Friedensprobleme
relativ leicht zu lösen. Kein unüber-
windliches Hindernis steht dem euro-
päischen Frieden im Weg. Bei einem euro-
päischen Kriege könnte niemand etwas gewinnen —
aber alle alles verlieren. Der Sieger würde tödlich ver-
wundet — der Besiegte vernichtet aus diesem Massen-
morden hervorgehen.
Deshalb könnte ein neuer europäischer Krieg nur
entstehen durch ein Verbrechen der Militaristen, durch
den Leichtsinn der Pazifisten und die Dummheit der
Politiker.
Er kann verhindert werden, wenn in jedem Lande die
Kriegshetzer in Schach gehalten werden, die Pazifisten
ihre Pflicht erfüllen und die Staatsmänner die Interessen
ihrer Völker wahren.
*
Die Sicherung des Friedens in Europa, das heute zum
Balkan der Welt geworden ist, bildet einen
wesentlichen Schritt vorwärts zum Weltfrieden. Wie der
Weltkrieg von Europa seinen Ausgang nahm — so
könnte vielleicht auch der Weltfrieden einst von
Europa seinen Ausgang nehmen.
Keinesfalls ist an einen Weltfrieden zu denken, bevor
nicht der europäische Frieden in einem stabilen System
verankert ist.
170
6. REALPOLITISCHES FRIEDENS-
PROGRAMM
Die europäische Kriegsgefahr gliedert sich in zwei
Gruppen: die erste ist in der nationalen Untei-
driickung begründet — die zweite in der sozialen.
Heute bedrohen die Grenzfragen und die rus-
sische Frage den europäischen Frieden. —
Das Wesen der Grenz frage ist, daß die meisten
europäischen Staaten und \ ölker mit ihren derzeitigen
Grenzen unzufrieden sind, da sie den nationalen, wirt-
schaftlichen oder strategischen Forderungen der Na-
tionalisten nicht entsprechen. Eine friedliche Änderung
der heutigen Grenzen ist bei deren gegenwärtigen
Bedeutung unmöglich: daher bereiten die Nationalisten
jener unzufriedenen Staaten eine gewaltsame Grenz-
änderung durch einen neuen Krieg vor und zwingen ihre
Nachbarn zu Rüstungen.
Die russische Frage wurzelt heute in der
Tatsache, daß an der offenen Ostgrenze Europas eine
Weltmacht steht, deren Führer es als ihr Ziel bekennen,
das bestehende System in Europa gewaltsam zu stürzen.
Um dieses Ziel zu erreichen, unterstützen sie die soziale
Irredenta Europas mit Geld und hoffen bald in die Lage
zu kommen, diesen Propagandageldern beim Ausbruch
der europäischen Revolution Sowjettruppen nachsenden
zu können.
Aus prinzipiellen Gründen ist Rußland Gegner des
heutigen Pazifismus, bekennt sich zu milita-
ristischen Methoden und organisiert eine starke Armee,
um mit deren Hilfe die Weltkarte, wenigstens in Europa
171
und Asien, gründlich zu ändern. Sobald diese Armee
stark genug sein wird, wird sie zweifellos gegen Westen
marschieren.
*
Diese beiden Probleme, die sich an einzelnen Punkten
(Bessarabien, Ostgalizien) begegnen, bedrohen täglich
den Frieden Europas. Jeder europäische Pazifist muß
sich mit ihnen auseinandersetzen und versuchen, sie
abzuwenden.
Das Pan-Europa-Programm*) ist der ein-
zige Weg, diese beiden drohenden Kriege mit real-
politischen Mitteln zu verhindern und den euro-
päischen Frieden zu sichern. Sein Ziel ist:
1. Sicherung des i n n e r e u r o p ä i s c h e n
Friedens durch paneuropäischen Schiedsvertrag,
Garantiepakt, Zollbund und Minoritätenschutz.
2. Sicherung des Friedens mit Rußland
durch ein paneuropäisches Defensivbündnis, durch
gegenseitige Anerkennung, Nichteinmischung und
Grenzgarantie, gemeinsame Abrüstung und wirtschaft-
liche Zusammenarbeit, sowie durch Abbau der sozialen
Unterdrückung.
3. Sicherung des Friedens mit Britan-
nien, Amerika und Ostasien durch obligato-
rische Schiedsverträge und regionale Völkerbunds-
reform.
*
Das Pan-Europa-Programm ist die
einzig mögliche Lösung des europä-
ischen Grenzproblems. Denn die Unverein-
barkeit aller nationalen Aspirationen, sowie die Span-
nung zwischen den geographisch-strategischen, histo-
risch-wirtschaftlichen und nationalen Grenzen in
Europa macht eine gerechte Grenzführung
unmöglich. Eine Veränderung der Grenzen würde
*) Siehe: „Pan-Europa“ von R. N. Coudenhove-Kalergi (Pan-Europa-
Verlag, Wien).
172
alte Ungerechtigkeiten beseitigen, aber neue an deren
Stelle setzen.
Darum ist eine Lösung des europä-
ischen Grenzproblemsnur durch dessen
Ausschaltung möglich.
Die beiden Elemente dieser Lösung sind:
A. Das konservative Element des territorialen
Status quo, das die bestehenden Grenzen stabilisiert und
so den drohenden Krieg verhindert;
B. das revolutionäre Element der allmählichen
Beseitigung der Grenzen in strategischer, wirtschaft-
licher und nationaler Hinsicht, das die Keime künftiger
Kriege zerstört.
Diese Sicherung der Grenzen, verbun-
den mit deren Abbau, bewahrt die formale
Gliederung Europas, während sie deren Wesen ändert.
So sichert sie zugleich den gegenwärtigen und künftigen
Frieden, die wirtschaftliche und die nationale Ent-
faltung Europas.
*
Die andere europäische Kriegsgefahr ist die russi-
sche.
Die russische Militarisierung entspringt einerseits der
Furcht vor einer antibolschewistischen Invasion, die
durch Europa unterstützt würde — andererseits dem
Willen, im Zeichen der sozialen Befreiung einen
Angriffskrieg gegen Europa zu führen.
Darum muß es das Ziel des europäischen Pazifismus
sein, zugleich Rußland vor einem euro-
päischen und Europa vor einem russi-
schen Angriff zu sichern. Das erste ist nur
durch ehrlichen F riedenswillen möglich — das
zweite durch militärische Überlegenheit.
Diese militärische Überlegenheit kann Europa ohne
Steigerung seiner Rüstungen sofort erreichen durch ein
paneuropäisches Defensivbündnis.
Der europäische Pazifismus darf aber diese mili-
tärische Übermacht nicht in ein Wettrüsten ausarten
173
lassen, sondern muß sie zur Basis einer russisch-
europäischen Abrüstung und Verständigung
machen.
%
Europa hat nicht die Möglichkeit, die politische Ein-
stellung der russischen Machthaber, deren System
expansiv ist, zu ändern. Da es dieselben zum Frieden
nicht überreden kann, muß es sie zum Frieden zwingen.
Wenn ein Nachbar friedlich orientiert ist, der andere
kriegerisch, so fordert der Pazifismus, daß die mili-
tärische Überlegenheit auf Seiten des Friedens steht.
Eine Umkehr dieses Verhältnisses bedeutet den Krieg.
Es ist ein Irrwahn vieler Pazifisten, in der eigenen
Rüstungsbeschränkung den sicheren Weg zum Frieden
zu sehen. Unter Umständen fordert der
Friede Abrüstung — unter anderen Um-
ständen aber Rüstung. Hätten beispielsweise
England und Belgien 1914 über starke Armeen verfügt,
so hätte der englische Vermittlungsvorschlag unmittel-
bar vor der Katastrophe mehr Aussicht auf Annahme
gehabt.
Wenn sich heute etwa ein \ olk aus Pazifismus zur
Kriegsdienstweigerung bekennt, während sein Nachbar
auf die Gelegenheit lauert, es zu überfallen, so fördert
es nicht den Frieden, sondern den Krieg.
Wenn ein anderes Volk zur Sicherung seines Friedens
seine Rüstungen steigert und dadurch einen friedlichen
Nachbarn zum Wettrüsten provoziert — so fördert es
auch nicht den Frieden, sondern den Krieg.
Jedes Friedensproble m fordert eine
individuelle Behandlung. Darum kann Eu-
ropa heute nicht die gleichen Friedensmethoden gegen-
über England und Rußland anwenden.
Der Friede mit E n g 1 a n d, dessen Politik stabil und
pazifistisch ist, läßt sich auf Verträge stützen — der
Friede mit Rußland, das sich in einer Revolution
befindet und seine Kriegspläne gegen das europäische
System nicht verleugnet, bedarf militärischer Siche-
rungen.
174
Es wäre ebenso unpolitisch und unpazifistisch, sich
den Sowjets gegenüber auf Verträge zu verlassen — wie
England gegenüber auf die Flotte. Hingegen muß der
europäische Pazifismus jederzeit bereit sein, einem
pazifistischen Rußland, das abrüstet und auf
seine Interventionspläne ehrlich verzichtet, ebenso
gegenüberzutreten, wie dem pazifistischen England.
*
Europas Pazifisten dürfen aber nie vergessen, daß
Rußland im Namen der sozialen Befreiung
rüstet und daß Millionen Europäer eine russische
Invasion als Befreiungskrieg auffassen würden.
Dieser Krieg wird um so drohender, je mehr diese
Überzeugung in den Massen Europas um sich greift.
Wie die nationalen Kriegsgefahren dauernd nur
gebannt werden können durch einen Abbau der natio-
nalen Unterdrückung, kann diese soziale Kriegsgefahr
nur gebannt werden durch Abbau der sozialen
Unterdrückung.
Die soziale Irredenta Europas wird erst dann von der
Moskauer Internationale abfallen, wenn ihr der prak-
tische Beweis erbracht wird, daß die Lage und die
Zukunft der Arbeiterschaft in den demokratischen
Ländern eine bessere ist als in den sowjetistisehen.
Gelingt dem Kommunismus der Gegenbeweis, so kann
keine Außenpolitik Europa vor der Revolution und dem
Anschluß an Sowjetrußland bewahren.
*
Hier zeigt sich die enge Verbindung zwischen Innen-
und Außenpolitik, zwischen Freiheit und Frie-
den. Da jede Unterdrückung, ob sie nun
national oder sozial ist, den Keim eines Krieges
in sich birgt, bildet der Kampf gegen die Unter-
drückung einen wesentlichen Bestandteil des Kampfes
um den Frieden.
175
Jede Unterdrückung zwingt die Unterdrücker zur
Aufrechterhaltung einer Militärmacht, die Unter-
drückten und deren Verbündete aber zur Kriegshetze.
Umgekehrt gibt eine Kriegs- und Rüstungspolitik den
staatlichen Machthabern das stärkste Instrument zur
innerpolitischen Unterdrückung in die Hand: die Armee.
Darum wird der europäische und der Weltfriede erst
dann endgültig gesichert sein, wenn die Religionen,
Nationen und Klassen auf hören werden, sich unter-
drückt zu fühlen.
Das ist der Grund, weshalb friedliche Auß e n-
politik Hand in Hand geht mit freiheit-
licher Innenpolitik - — Kriegspolitik nach
außen aber mit Unterdrückung nach innen.
176
7 FÖRDERUNG DES FRIEDENS-
GEDANKENS
Neben der Erkämpfung seines außenpolitischen
Friedensprogrammes soll der Pazifist keine Gelegenheit
versäumen, die internationale Zusammenarbeit und
Verständigung zu fördern.
Dies bestimmt die Einstellung des Pazifismus zum
Völkerbund.
Der heutige Völkerbund ist als Friedensinstitution
sehr unvollkommen; er ist, vor allem, schwer belastet
durch die Erbschaft des Krieges, der ihn geboren hat.
Er ist schwach, ungegliedert, unzuverläßlich; außerdem
ist er ein Torso, so lange die Vereinigten Staaten,
Deutschland und Rußland ihm fernbleiben. Dennoch ist
der Genfer Völkerbund der erste Entwurf zu einer inter-
nationalen Staatenorganisation der Welt, die an die
Stelle der bisherigen Staatenanarchie treten soll.
Er hat den unermeßlichen Vorteil der Exi-
stenz gegenüber allen besseren Institutionen, die nur
Projekte sind.
Darum muß jeder Pazifist den schwachen, gebrech-
lichen, embryonalen Völkerbund unterstützen: er soll
ihn kritisieren — aber nicht bekämpfen; an seiner
Umgestaltung arbeiten — aber nicht an seiner Zer-
störung.
*
Jeder Pazifist soll dazu beitragen, den dummen
Völkerhaß zu beseitigen, der allen schadet und
keinem nützt. Dies kann er am besten durch Verbreitung
der Wahrheit und durch Bekämpfung der böswilligen
und ungebildeten Völkerverhetzung.
12 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus.
177
Denn eine Hauptursaehe des nationalen Hasses ist,
daß die Völker einander nicht kennen und
nach den Äußerungen einer chauvinistischen Presse und
Literatur nur in Zerrbildern sehen. Um diese Entstel-
lungen zu bekämpfen, soll der Pazifismus eine auf-
klärende Volksliteratur schaffen, Übersetzungen för-
dern, ebenso den Austausch von Professoren, Lehrern,
Studenten und Kindern.
Durch internationale Vereinbarung soll die chauvi-
nistische Hetze gegen fremde Nationen in Schule
und Presse rücksichtslos bekämpft werden.
Zur Förderung des Friedensgedankens und zur Be-
kämpfung der Kriegshetze sollten in allen Staaten
Friedensministerien entstehen, die, in stän-
digem Kontakt miteinander und mit allen pazifistischen
Organisationen des In- und Auslandes, der inter-
nationalen Versöhnung dienen.
*
Eine der wesentlichsten Aufgaben des Pazifismus ist
die Einführung einer internationalen Ver-
ständigungssprache. Denn, bevor die \ ölker
miteinander reden können, läßt sich schwer von ihnen
verlangen, daß sie einander verstehen.
Eine internationale Verkehrssprache hätte den Zweck,
daß daheim jeder Mensch seine Muttersprache spricht,
während er sich im Umgang mit Angehörigen fremder
Nationen der Verständigungssprache bedient. So
brauchte jeder Mensch, der seine Heimat verläßt, nur
die eine Verständigungssprache zu beherrschen, wäh-
rend er heute im Ausland mehrerer Sprachen bedarf.
Als internationale Verkehrssprache kommen nur
Esperanto und Englisch in Frage. Welche
dieser beiden Sprachen für den internationalen Verkehr
gewählt wird, ist belanglos neben der Forderung, daß
sich die Welt auf eine dieser beiden Sprachen einigt.
*
178
Die englische Sprache hat gegenüber Es-
peranto den großen Vorteil, daß sie in Australien, in
halb Asien, Afrika und Amerika sowie in großen Teilen
Europas bereits die Rolle einer internationalen Ver-
kehrssprache übernommen hat, so daß in diesen Ge-
bieten ihre offizielle Einführung nur die Sanktion einer
bestehenden Übung wäre. Dazu kommt, daß sie in ihrer
Zwischenstellung zwischen den germanischen und roma-
nischen Sprachen für Germanen wie für Romanen leicht
erlernbar ist, ebenso für Slawen, die bereits eine germa-
nische oder romanische Sprache beherrschen. Außerdem
ist Englisch die Sprache der beiden mächtigsten Reiche
der Erde und die verbreitetste Muttersprache der weißen
Menschheit.
Die Einführung der internationalen Hilfssprache
könnte durch einen Vorschlag des Völkerbundes erfol-
gen. sie zunächst in allen Mittelschulen und Lehrer-
bildungsanstalten der Welt obligatorisch einzuführen
und nach einem Jahrzehnt auch in den Volksschulen.
*
Die Verbreitung der Aufklärung und der Kampf
gegen die menschliche Unwissenheit birgt raschere Aus-
sichten auf Erfolg der Friedenspropaganda in sich, als
die Verbreitung der Humanität und der Kampf gegen
die Bosheit.
Denn menschliche Überzeugungen wan-
deln sich rascher als menschliche In-
stinkte. Und die Friedensbewegung hätte es, wenig-
stens in Europa, gar nicht nötig, an das menschliche
Herz zu appellieren - — wenn sie sich einigermaßen auf
den menschlichen Verstand verlassen könnte.
Wie die Aufklärung mit Hexenverbrennungen, Folter
und Sklaverei fertig geworden ist — so wird sie eines
Tages auch mit dem Kriege, jenem Überbleibsel aus
einem barbarischen Zeitalter der Menschheit, fertig
werden.
12 *
179
Wann dies geschehen wird, ist unbestimmt; daß
dies geschehen wird, bestimmt. Das Tempo hängt
von den Pazifisten ab.
Daß die Menschen nach hunderttausenden von Jahren
endlich fliegen gelernt haben, war viel wunderbarer und
unwahrscheinlicher, als daß sie eines Tages lernen
werden, in Frieden miteinander zu leben. —
180
8. FRIEDENSPROPAGANDA
Die Friedenspropaganda ist die not-
wendige Ergänzung der Friedenspoli-
tik: denn die pazifistische Politik ist kurzfristig — die
pazifistische Propaganda langfristig.
Die Friedenspropaganda allein ist unfähig, den un-
mittelbar drohenden Krieg zu verhindern, da sie zu ihrer
Auswirkung mindestens zweier Generationen bedarf;
die Friedenspolitik allein ist unfähig, den Dauerfrieden
zu sichern, da bei der raschen Entwicklung unseres Zeit-
alters der Wirkungskreis der Politik kaum über zwei
Generationen reicht.
Die Friedenspolitik kann bestenfalls durch großes
Geschick ein pazifistisches Provisorium
schaffen, um der Friedenspropaganda indessen die
Möglichkeit zu bieten, die Völker moralisch abzurüsten
und sie davon zu überzeugen, daß der Krieg ein bar-
barisches. unpraktisches und veraltetes Mittel zur Aus-
tragung internationaler Differenzen ist.
Denn, so lange sich diese Erkenntnis nicht inter-
national durchgesetzt hat und so lange es Völker gibt,
die den Krieg für das geeignetste Mittel zur Durch-
setzung ihrer politischen Ziele betrachten, kann sich der
Friede nicht auf Abrüstung stützen, sondern nur auf die
militärische Überlegenheit der Pazifisten.
Völlige Abrüstung ist erst nach dem
Siege des F r i e d e n s g e d a n k e n s möglich
— so wie die Abschaffung der Polizei erst möglich wäre
nach dem Aussterben des Verbrechertums: sonst führt
die Abschaffung der Polizei zur Diktatur des Ver-
181
brechens — die Abschaffung der Armee zur Diktatur
des Krieges.
*
Die pazifistische Propaganda richtet sich gegen die
Kriegsinstinkte, Kriegsinteressen und
Kriegsideale.
Der Kampf gegen die Kriegsinstinkte muß geführt
werden durch deren Schwächung und Ablenkung sowie
durch Stärkung der Gegeninstinkte.
Vor allem gilt es die Völker desKriegeszuent-
wohnen und so ihre Kriegsinstinkte absterben zu
lassen, wie Raucher, Trinker und Morphinisten ihre
Neigungen durch deren Nichtausübung ablegen. Das
Mittel zur Kriegsentwöhnung ist Friedenspolitik.
Der Sport ist sehr geeignet, die menschlichen, ins-
besondere die männlichen Kampfinstinkte, von der
Kriegseinstellung abzulenken. Es ist kein Zufall, daß die
sportliebendsten Völker Europas (Engländer, Skandi-
navien zugleich auch die friedlichsten sind.
Nur die Jagd bildet hier eine Ausnahme: sie konser-
viert die primitivste Kampfesform und stärkt die Mord-
instinkte, statt sie abzuleiten. Es hat viel zur Erhaltung
des europäischen Militarismus beigetragen, daß in vielen
europäischen Ländern die Jagd der Hauptsport der
herrschenden Kasten und Männer war: denn die Jagd
erzieht leicht zur Mißachtung fremden Lebens und
stumpft ab gegen Blutvergießen.
*
Die Verurteilung des Krieges darf nie
ausarten zu einer Verurteilung des
Kampfes. Eine solche Entgleisung des Pazifismus
würde nur den Militaristen schlagende Gegenargumente
in die Hände spielen und den Pazifismus ethisch und
biologisch kompromittieren.
Denn Kampf und Kampfeswille sind Schöpfer und
Erhalter der menschlichen Kultur. Das Ende des
182
Kampfes und das Absterben der menschlichen Kampf-
instinkte wäre gleichbedeutend mit dem Ende und Ab-
sterben der Kultur und des Menschen.
Der Kampf ist gut; nur der Krieg ist
schlecht, weil er eine primitive, rohe und veraltete
Form des internationalen Kampfes ist — wie das
Duell eine primitive, rohe und veraltete Form des
gesellschaftlichen.
Ziel des Pazifismus ist daher nicht die Abschaffung
des Kampfes, sondern die Verfeinerung, Sublimierung
und Modernisierung seiner Methoden.
*
Heutzutage ist die wirtschaftliche Kamp-
fesform im Begriffe, die militärische abzulösen:
Boykott und Blockade treten an die Stelle des
Krieges, der politische Streik an die Stelle der Revo-
lution. China hat mit der Waffe des Boykotts mehrere
politische Schlachten gegen Japan gewonnen und
Gandhi versucht, auf diese unblutige Methode den
indischen Befreiungskampf durchzuführen.
Eine Zeit wird kommen, in der die nationale Rivalität
statt mit Messern und Bleikugeln mit geistigen
Waffen ausgefochten werden wird. Statt wettzu-
riisten. werden dann die Völker miteinander wetteifern
in wissenschaftlichen, künstlerischen und technischen
Leistungen, in Gerechtigkeit und sozialer Fürsorge, in
Volksgesundheit und Volksbildung und in der Hervor-
bringung großer Persönlichkeiten.
*
Die zweite Aufgabe der Friedenspropaganda bildet der
Kampf gegen die Kriegsinteressen.
Diese Propaganda besteht darin, den Völkern und
Individuen die geringen Chancen des Gewinnes
und das ungeheuere Risiko des Verlustes nach-
zuweisen mit dem Ergebnis, daß der Krieg gegenwärtig
183
zu einem schlechten, riskanten und unren-
tablen Geschäft geworden ist.
Was die Völker betrifft, hat Norman Angell*)
bereits vor dem Kriege diesen Beweis erbracht und der
Weltkrieg hat seine These glänzend bestätigt.
Ob vom nationalen Standpunkt aus ein siegreicher
Befreiungskrieg Indiens oder eine Eroberung Australiens
durch die Mongolen die Opfer aufwiegen würde, mag
hier uner örtert bleiben: sicher ist jedoch, daß in einem
neuen europäischen Kriege der Sieger, in poli-
tischer, wirtschaftlicher und nationaler Hinsicht schwer
geschädigt, aus dem Kampfe hervorgehen würde, wäh-
rend das besiegte Volk für immer vernichtet wäre. Der
mögliche Gewinn steht in keinerlei Ver-
hältnis zu den sicheren Verlusten.
*
Persönlich am Kriege interessiert sind nur ehr-
geizige Politiker und Militärs einerseits, die sich
Ruhm erhoffen — und habsüchtige Kriegsliefe-
ranten anderseits, die sich Geschäfte erhoffen. Diese
Gruppen sind sehr klein, aber sehr mächtig.
Die erste Gruppe kann in demokratischen Staaten von
einem entschlossenen Pazifismus kaltgestellt werden:
Politiker, die ihren Ehrgeiz über das Wohl ihrer Völker
stellen, sollen als Verbrecher behandelt werden.
Von den Offizieren wird oft behauptet, daß
ihre kriegerische Einstellung Berufspflicht ist. In
Staaten, deren Politik pazifistisch ist, wäre dies ein
schwerer Fehler; denn dort gilt die Armee nicht als
ein Mittel zur Eroberung, sondern als notwendige
Waffe gegen fremden Kriegswillen. Es wäre daher nötig,
daß gerade die Offiziere zu Pazifisten
erzogen werden, aber zu heroischen Pazi-
fisten, die jederzeit bereit sind, ihr Leben für die
Erhaltung des Friedens einzusetzen und sich als Kreuz-
ritter im Kampfe gegen den Krieg fühlen.
*) „Die falsche Rechnung“ von Norman Angell.
184
Die Industriellen, die den Krieg wegen der Kriegs-
gewinne herbeisehnen, sollen darauf verwiesen wer-
den, daß am Ausgang des nächsten europäischen Krieges
wahrscheinlich der Bolschewismus steht. Es erwartet sie
also mit einer Wahrscheinlichkeit von über 50 % am
Kriegsende die Expropriation, wenn nicht der Galgen.
Das Kriegsgeschäft verliert durch diese Aussicht
seinen Reiz. Denn es erscheint immerhin vorteilhafter
für die Industrie, sich mit den relativ schmalen aber
gefahrlosen Friedensgewinnen zu begnügen, statt nach
den fetten aber lebensgefährlichen Kriegsgewinnen zu
greifen.
Diese Argumentation ist wichtig, weil sie der Kriegs-
propaganda ihren goldenen Motor entzieht und der
Friedenspropaganda zuführt.
*
Die Friedenspropaganda muß auch die menschliche
Phantasie gegen den Zukunftskrieg mobilisieren.
Sie muß die Massen auf klären über die Gefahren und
Schrecken, die sie im Kriegsfälle bedrohen: über die
neuen Strahlen und Gase, die ganze Städte ausmorden
können; über den drohenden Ausrottungskrieg, der sich
weniger gegen die Front, als gegen das Hinterland
richten würde; über die politischen und wirtschaftlichen
Folgen, die ein solcher Krieg für Sieger und Besiegte
nach sich ziehen würde.
Diese Propaganda muß der schwachen menschlichen
Erinnerung und der schwachen menschlichen Phantasie
nachhelfen: denn, hätten die Menschen mehr Phantasie
— so gäbe es keinen Krieg mehr. Der Wille zum Leben
wäre der stärkste Verbündete des Pazifismus.
*
Die Kriegsinstinkte sind roh und primitiv — die
Kriegsinteressen problematisch und gefährlich — - die
Kriegsideale verlogen und veraltet.
185
Sie leben von der Fälschung, die Krieg mit
Kampf indentifiziert, Krieger mit Helden, Phantasie-
losigkeit mit Tapferkeit, Furcht mit Feigheit.
Sie stammen aus einer versunkenen Epoche, aus über-
wundenen Verhältnissen. Sie wurden einst von einer
Kriegerkaste geprägt und von freien Völkern
kritiklos übernommen.
Einst war der Krieger der Hüter der Kultur, der
Kriegsheld der Held an sich, der Krieg das Lebens-
element der Völker, deren Schicksal entschieden wurde
durch ihre Tapferkeit im Felde.
Seither ist der Krieg unritterlich geworden,
seine Methoden gemein, seine Formen häßlich;
die persönliche Tapferkeit ist nicht mehr entscheidend:
an die Stelle der ritterlichen Schönheit eines Massen-
turnieres ist die elende Häßlichkeit eines Massen-
schlachthauses getreten. Der mechanisierte
Krieg von heute hat für immer seine einstige Romantik
verloren.
Vom ethischen Standpunkt ist der Verteidigungs-
krieg organisierte Notwehr — der Angriffs-
krieg organisierter Mord. Noch schlimmer:
friedliche Menschen werden gewaltsam gezwungen,
andere friedliche Menschen zu vergiften und zu zer-
fleischen.
Die Schuld an diesem angestifteten Massen-
mord trifft nicht die Ausführenden, sondern die
Anstifter. Diese Anstifter sind in demokratischen Staaten
unmittelbar die kriegsfreundlichen Abgeordneten,
mittelbar deren Wähler.
Wer sich daher scheut, einen Mord zu begehen, soll
es sich gut überlegen, wen er als seinen Vertrauensmann
ins Parlament schickt!
186
9. NEUES HELDENTUM
Die Erneuerung des Heldenideals durch
den Pazifismus zerschlägt die Hauptwaffe der militari-
stischen Propaganda. Denn nichts gibt dem Militarismus
eine stärkere Werbekraft als die Monopolisierung des
Heldentums.
Der Pazifismus würde durch einen Kampf gegen das
Heldenideal Selbstmord begehen; er müßte damit alle
seine wertvollen Anhänger verlieren: denn die Ehr-
furcht vor dem Heldentum ist das Maß des
menschlichen Edelmuts.
Der Pazifismus soll in der Heldenverehrung mit dem
Militarismus wetteifern und versuchen, ihn im Helden-
tum zu übertreffen. Aber zugleich soll er den Helden-
begriff aus seiner mittelalterlichen Schale befreien und
ihn mit dem ganzen Inhalt einer modernen Ethik er-
füllen.
Die Erkenntnis muß sich durchringen, daß das
Heldentum Christi eine höhere Entwicklungs-
form darstellt als das Heldentum des Achilles
— und daß die physischen Helden der Vergangenheit
nur Vorläufer sind der moralischen Helden der Zukunft.
*
Kein redlicher Pazifist wird versuchen, den Männern
das Heldentum abzustreiten, die über den Wehrzwang
hinaus an der Front ihr Leben für ihre Ideale eingesetzt
haben; die freiwillig ihr Familienglück, ihre Bequem-
lichkeit, ihre Sicherheit und Gesundheit zurückgestellt
haben, um ihre Pflicht zu erfüllen. Ihr Heldentum wird
durch die Frage, ob sie von falschen oder richtigen
187
Voraussetzungen ausgingen, nicht berührt. Nichts wäre
gemeiner als die Verhöhnung dieses Heldentums.
Den Gegenpol zu diesen Helden bilden jene Dema-
gogen, die in Bureaus, Versammlungen, Redaktions-
stuben und Parlamenten zum Kriege hetzten und hetzen,
um dann, fern von der Front, den niedrigsten Mißbrauch
zu treiben mit fremdem Heldentum.
Der Versuch mancher Militaristen, das Heldentum für
die Kriegspartei zu monopolisieren, ist ebenso unredlich,
wie der Versuch mancher Nationalisten, für ihre Partei
das Nationalgefühl zu monopolisieren.
Denn, wer sein Volk vor der größten Katastrophe der
Weltgeschichte bewahren will, ist mindestens so patrio-
tisch wie der, der es durch einen siegreichen Krieg zu
neuer Macht zu führen hofft: nur baut dieser auf Irrtum,
jener auf Wahrheit.
Es gibt heute manche Länder in Europa, in denen es
lebensgefährlicher ist, für den Frieden einzutreten als
für den Krieg: in diesen Ländern beweisen die Friedens-
apostel einen größeren Heldenmut als die Kriegsapostel.
Die schwerste und ungerechteste Beleidigung für ein
Volk aber ist es, wenn ein Stand, nämlich der Offiziers-
stand, den Heldencharakter für sich monopolisiert: denn
: es gibt Heldentum in jedem Beruf, stilles und
großes Heldentum, ohne Ruhm, ohne Romantik und
ohne glänzende Fassade: das Heldentum der Arbeit und
des Geistes, das Heldentum der Mutterschaft, das
Heldentum der Überzeugung.
Und wer die Biographien der großen Künstler,
Denker, Forscher, Erfinder und Ärzte studiert, wird
verstehen lernen, daß es auch anderes Heldentum gibt,
als das der Krieger und Abenteuerer.
*
Jeder ist ein Held, der sein privates
Interesse seinem Ideal zum Opfer
188
bringt: je größer das Opfer, desto größer das Helden-
tum.
Wer sieh nicht fürchtet, ist nicht heroisch, sondern
nur phantasielos. Heroisch handelt nur der, der seinen
Idealen zuliebe die Furcht überwindet. Je
größer seine Furcht ist — desto größer seine Über-
windung und sein Heroismus.
*
Europa hat sich aus der Herrschaft des Feudalismus
befreit — aber nicht aus der Herrschaft der f e u d a 1 e n
W e r t e. Dadurch ist das Heldenideal ebenso unzeit-
gemäß und morsch geworden wie der Ehrbegriff. Nur
eine Erneuerung kann sie retten.
Die Ehre eines Menschen und eines Volkes soll unab-
hängig werden von fremden Handlungen und einzig
bestimmt werden durch eigene Taten.
Der Grundsatz muß sich durchsetzen, daß die Ehre
einer Nation niemals dadurch verletzt werden kann,
daß ihre Fahne irgendwo von Betrunkenen herab-
gerissen wird: sondern nur dadurch, daß ihre Richter
parteiisch, ihre Beamten bestechlich, ihre Staatsmänner
wortbrüchig sind; daß sie ihre besten Söhne verbannt
oder ermordet, daß sie schwächere Nachbarn provo-
ziert, Minoritäten bedrückt, ihre Verpflichtungen ver-
nachlässigt und Verträge bricht.
Durch diesen neuen Ehrenkodex werden alle
Streitfragen, die wegen Ehrensachen Völker entzweien
und in Kriege treiben, von selbst auf hören: denn jedes
Volk wird es dann als seine Ehrenpflicht betrachten,
einem anderen Genugtuung zu leisten — nicht um
dessen Ehre, sondern um die eigene nationale
Ehre zu wahren oder wiederherzustellen. Die Form
dieser Genugtuung wird dann durch Schiedsgerichte
leicht zu bestimmen sein. —
*
189
Der Pazifismus muß die gegenwärtige und die kom-
mende Generation zum Heldentum der Über-
zeugung erziehen. Die Lüge und Gesinnungsfeigheit
waren mit schuld am Ausbruch des Krieges, sie haben
ihn genährt und erhalten, um ihren Stempel schließlich
auch dem Frieden aufzudrücken. Darum ist der
Kampf gegen die Lüge auch ein Kampf
gegen den Krieg.
Das Heldentum des Friedens wird ein
Heldentum der Gesinnung, der Überzeugung, der Selbst-
beherrschung sein; nur dann kann es über das Helden-
tum der Militaristen triumphieren.
Dieses Heldentum des Friedens ist schwieriger und
seltener als das des Krieges. Es ist schwerer, seinen
Leidenschaften zu gebieten, als seiner Mannschaft;
schwerer, seinen eigenen Charakter zu disziplinieren, als
ein Heer von Rekruten. Und viele, die ohne Bedenken
einem Feinde ein Bajonett in den Leib rennen konnten,
finden nicht den Mut, ihre Überzeugung einem Freunde
gegenüber zu bekennen. Diese moralische Feig-
heit ist der Nährboden aller Demagogie, auch der
militaristischen: aus Angst, feige zu erscheinen, verleug-
nen heute Millionen ihren inneren Pazifismus; e s i s t
ihnen lieber, feige zu sein, als für feige
zu gelten.
Der Sieg des Friedensgedankens hängt also innig zu-
sammen mit dem Siege des moralischen
Heldentums, das bereit ist, lieber a 1 1 e s zu opfern,
als die Überzeugung und sich rein zu halten gegen alle
Überredungs-, Erpressungs- und Bestechungsversuche
einer unreinen Zeit.
*
Solche Friedenshelden soll der Pazifismus zunächst
in allen europäischen Ländern zu einer freiwilligen
Armee des Friedens organisieren.
Diese Friedensarmee soll sich aus Helden rekrutieren,
die den Krieg als barbarisches und unsinniges Mittel
der Politik und als Feind der Menschheit verwerfen
190
und jederzeit bereit sind, für ihren pazifistischen Glauben
jedes Opfer zu bringen.
Zunächst sollen diese Kämpfer des Friedens als Pro-
pagandisten und Agitatoren ihrer Idee die Millionen um
sich scharen, die den Frieden wünschen. Die Friedens-
armee muß aber auch bereit sein, im entscheidenden
Augenblick der Gefahr gegen den Krieg zu marschieren
und den Frieden durch ihr tatkräftiges Eingreifen zu
retten.
An die Spitze dieser Friedensarmee sollen Männer
treten, die staatsmännische Einsicht verbinden mit
einem unbeugsamen und unerschütterlichen Willen
zum Frieden.
Nur wenn solche Führer an die Spitze solcher
Kämpfer treten, darf Europa hoffen, nie mehr von
einem Kriege überrannt und zerstampft zu werden.
191
PAZIFISMUS
i Seite
1. Zehn Jahre Krieg 155
2. Kritik des Pazifismus 158
3. Religiöser und politischer Pazifismus . . . . 161
4. Reform des Pazifismus 164
5. Weltfrieden und Europafrieden 167
6. Realpolitisches Friedensprogramm . . . . 171
7. Förderung des Friedensgedankens . . . . 177
8. Friedenspropaganda 181
9. Neues Heldentum 187
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PANEUROPA
VON
R. N. COUDENHOVE-KALERGI
9. bis 11. Tausend
INHALT:
I. Europa und die Welt
VII. Europäische Kriegsgefahr
1. Der Verfall der europäischen Weltherrschaft
— 2. Technik und Politik — 3. Weltmächte statt
Großmächte — 4. Europas Weltstellung
II. Europas Grenzen
1. Europas geographische Grenzen — 2. Europas
historische Grenzen — 3. Europas Kultur — 4. Pan*
Europa
III. Europa und England
1. Kleineuropa oder Großeuropa? — 2. Pan*
europa und England — 3. Britisch-Europäische
*.• Entente
IV. Europa und Rußland
1. Hellas als Warnung — 2. Die russische Gefahr
— 3. Europäischer Garantiepakt — 4. Ausgleich
und Abrüstung
V. Europa und Amerika
1. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die
uneinigen Staaten von Europa — 2. Panamerika —
3. Panamerika und Paneuropa
1. Kriegsgefahr — 2. Der Zukunflskrieg — 3. Pan-
europa und der Friede
VIII. Europa nach dem Weltkriege
1. Die Befreiung Osteuropas — 2. Europäische
Politik und Wirtschaft — 3. Paneuropa und
Versailles. — 4. Die Kleine Entenie
IX. Deutschland und Frankreich
1. Europas Zentralproblem — 2. Frankreich am
Scheidewege — 3. Deutschland am Scheidewege —
4. Chauvinisten und Europäer
X. Die Nationale Frage
1. Das Wesen der Nation — 2. Die europäische
Nation — 3. Nation und Grenze
XI. Wege zu Paneuropa
1. Pan-Europas Entwicklungsstufen — 2. Pan-
europa und die Staaten — 3. Paneuropa und die
Parteien — 4. Paneuropas Gegner. — 5. Pan-
europäische Union
VI. Europa und der Völkerbund Tafeln:
1. Kritik des Völkerbundes — 2. Paneuropa und I. Die Staaten Paneuropas ; II. Die internationalen
Völkerbund — 3. Reorganisation des Völkerbundes Komplexe; Ili. Weltkarte
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und jüdische Rasse — Antijudaismus im Altertum — Geschichte des christ-
lichen Antisemitismus — Juden in nichtchristlichen Ländern — Anklage gegen
die Juden — Antisemitismus im allgemeinen, Judenemanzipation, Judennot,
Zionismus — Schlußwort — Nachwort des Herausgebers
PREIS :
broschiert 4’ — M, 6 50 ö S, 5' — Schw. Fr.
ganzleinen 6' — M, .10' — ö S, 7.50 Schw. Fr.
PAN EUROPÄISCHE UNION
1. Die Paneuropa-Bewegung ist die überparteiliche Massenbewegung zur
Einigung Europas.
Die Paneuropäische Union ist Trägerin der Paneuropa-Bewegung.
2. Die Paneuropäische Union bezweckt die Schaffung einer Schwesterorgani-
sation zur Panamerikanischen Union, welche an dem Zusammenschluß des
amerikanischen Kontinents arbeitet.
3. Ihr Ziel ist der Zusammenschluß aller westlich der U. S. S. R. gelegenen
Staaten des europäischen Kontinents zur Sicherung des Friedens, der Gleich-
berechtigung und der Zollunion.
4. Die weltpolitischen Richtungen der Paneuropäischen Union sind:
a) engstes Einvernehmen mit dem Britischen Reich;
b) dauernde Sicherung des russisch-europäischen Friedens und Förderung
der russisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen;
c) freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Staaten Panamerikas und
Ostasiens.
5. Die Paneuropäische Union enthält sich jeder Einmischung in innerpolitische
Fragen.
6. Die Paneuropäische Union ist nach Staaten gegliedert; jeder Staat hat sein
selbständiges Komitee, das sich autonom finanziert.
Das Zentralbüro der Paneuropäischen Union, das den Zusammenhang aller
einzelstaatlichen Unionen aufrecht erhält, befindet sich in Wien.
7. Das Zeichen der Paneuropäischen Union ist ein rotes Kreuz auf goldener Sonne.
*
Der Eintritt in die Paneuropäische Union steht allen Männern und Frauen,
Vereinen und Organisationen offen. Anmeldungen erfolgen mit Angabe des
Namens, Berufes und der Adresse an das Zentralbüro der Paneuropäischen
Union, Wien I., Hofburg, oder an das Generalsekretariat des betreffenden
Staates. Jahresbeitrag von M 1. — (ö. S 1.50) aufwärts.
Abzeichen sind durch das Zentralbüro der Paneuropäischen Union, Wien I.,
Hofburg, zu beziehen. Preis M 0.60 (ö. S 1. — ).
Beitrittskarten und Beitrittslisten auf Wunsch gratis.
TRETET DER PANEUROPÄISCHEN UNION BEI
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